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Lockdown-Umfrage: 57% der Händler haben Existenzängste © medianet/Katharina Schiffl

Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

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Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

Redaktion 30.11.2021

Lockdown-Umfrage: 57% der Händler haben Existenzängste

25% sind von Zahlungsunfähigkeit bedroht; 70% für freiwillige Sonntagsöffnung am 19.12.; Strategie für langfristige Öffnung der Wirtschaft erforderlich; 4-Punkte-Plan bei Hilfen.

WIEN. Seit einer Woche befindet sich Österreich erneut im harten Lockdown. Wie es den heimischen Händlerinnen und Händlern – vom KMU bis zum filialisierten Konzern – derzeit geht, hat der Handelsverband in einer aktuellen Blitzumfrage analysiert.

Die Ergebnisse sind besorgniserregend 
- 57% aller Befragten leiden unter Existenzängsten.
- 25% der stationären Handelsbetriebe können eingehende Rechnungen nicht mehr vollständig bedienen.
Jede fünfte Firma (19%) kann keine doppelten Gehälter (Weihnachtsgeld) mehr zeitgerecht auszahlen.
- 56% der EPU gehen als Unternehmer selbst leer aus (kein Unternehmerlohn).
- 11% könnten binnen einem Monat von Zahlungsunfähigkeit betroffen sein, weitere 17% innerhalb von drei Monaten.
- Ein Drittel der Handelsbetriebe (32%) sieht sich zu einer Reduzierung des eigenen Personals gezwungen.

Jeder Lockdown-Tag befeuert Händlersterben
"Die Ergebnisse der Befragung zeigen ganz deutlich, was es braucht: Rasche Hilfen und rasches Öffnen des Handels, der nie ein Corona-Hotspot war und durch den harten Lockdown in existenzielle Probleme gerät. Jeder weitere Tag, an dem wir im Weihnachtsgeschäft geschlossen halten müssen, befeuert das Händlersterben. 19 Prozent aller Betriebe können die Weihnachtsgelder nicht mehr zeitgerecht überweisen, 57 Prozent leiden unter Existenzängsten. Planungssicherheit ist gleich null, die Frustration über den Umgang mit der Branche hoch", schlägt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will Alarm.

Treffsicherheit bei Hilfen entscheidend
Nur rund jedes siebte befragte Handelsunternehmen (14,5%) ist mit der Abwicklung der Corona-Staatshilfen zufrieden. Dies liegt wohl daran, dass die Details der neuen Hilfen noch ausstehen und die Treffsicherheit und der zeitnahe Erhalt angezweifelt werden. Hinzu kommt für viele junge Unternehmen, die in den letzten zwei Jahren noch nichts oder nur wenig erwirtschaftet haben, das Gefühl auf der Strecke zu bleiben und in Bürokratie zu versinken.

"Die kleinen Unternehmen befürchten lange Wartezeiten statt raschem Cashflow, die großen Unternehmen sehen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Verluste abgedeckt. So lautet die Bilanz der österreichischen Händler", sagt Will in deren Namen.

Forderung 1: Wachstum und Schließungen berücksichtigen, damit Steuergeld zielgerichtet fließt
Zwei Filialen in 2021 machen vielleicht mehr Umsatz als eine Filiale in 2019, dennoch entsteht im Lockdown pro Filiale ein hoher Umsatzverlust. Für den Anspruch auf den Erhalt des Ausfallsbonus und den Verlustersatz ist bei der Berechnung des Umsatzausfalles daher zusätzlich ein Quadratmetervergleich der Gesamtgeschäftsfläche einzubeziehen. Das sollte auch branchenübergreifend der Fall sein, wenn etwa unter derselben GmbH seit 2019 eine zweite Gastwirtschaft oder ein Hotelbetrieb übernommen wurde. Die bestehenden Richtlinien decken das nicht ab. Unglaublich viele Unternehmen wären negativ betroffen. Firmen, die seit 2019 Flächen abgebaut oder reduziert haben, würden hingegen übergebührlich gefördert werden. Faire Hilfen sind gute Hilfen – um unternehmerische Existenzen zu sichern, im Sinne der Angestellten und auch im Sinne der Steuerzahler.

Forderung 2: Geringere Verlusthöhe von 20-30%, um Anspruch auf Ausfallsbonus leichter zu erreichen
Viele Unternehmen sind fast zahlungsunfähig, denn die 21 Monate Pandemie haben auch mittelfristige Spuren hinterlassen. Auch Umsatzverluste von 20 bis 30% können das Existenz-Aus bedeuten – gerade aufgrund der Branchenspezifika im Weihnachtsgeschäft, wo der Handel normalerweise negative Vormonate in ein ausgeglichenes Jahresergebnis dreht. Daher muss eine leichtere Erreichbarkeit der Hilfen sichergestellt werden, die Zugangshürde darf nicht erst bei 40% Umsatzverlust angesetzt werden.

Forderung 3: Höhere Deckel als 80.000 Euro beim Ausfallsbonus für beschäftigungsintensive Handelshäuser
Die Rahmen für den Verlustersatz sind vielfach (fast) ausgeschöpft, wodurch großen Handelsbetrieben mit Millionenverlusten die geringen Deckel beim Ausfallsbonus schwerstens zu schaffen machen. Daher setzt sich der Handelsverband für eine signifikante Erhöhung ein.

Forderung 4: Sonntagsöffnung am 19. Dezember;
70% der heimischen Händler sind dafür
Überdies erneuert der Handelsverband seine Forderung nach einer bundesweiten Sonntagsöffnung am vierten Adventsonntag für alle Handelsbetriebe auf freiwilliger Basis. 70% der heimischen Händlerinnen und Händler unterstützen den Vorschlag des Handelsverbandes.

Der HV appelliert an die Gewerkschaft, die Arbeitsplatzsicherheit in den Vordergrund zu stellen und einen verkaufsoffenen vierten Adventsonntag für Klein- und Mittelunternehmen leistbar und damit machbar zu gestalten. Der 19. Dezember ist aufgrund der Nähe zum Weihnachtsfest für viele Geschäfte entscheidend. Ein Tag ist kein Ticket für eine generelle Liberalisierung. Jeder zusätzliche Tag sichert vor allem eines, was es besonders in der Krise braucht: Jobs.

Prognose Weihnachtsgeschäft: Gesperrter Handel befürchtet im Schnitt Umsatzrückgang von -51%
Während die befragten Unternehmen im Vorkrisenjahr 2019 noch durchschnittlich 31% ihrer Jahresumsätze allein im November und Dezember erwirtschaften konnten, macht ihnen heuer die Covid-Pandemie und der erneute bundesweite Lockdown im Handel in der Vorweihnachtszeit erneut einen dicken Strich durch die Rechnung.

"Unsere Händler abseits der lebensnotwendigen Güter rechnen heuer im Weihnachtsgeschäft mit einem Umsatzeinbruch von 51 Prozent. Aber auch Nahversorger in den Tourismusregionen kämpfen. Die Berücksichtigung der Empfehlungen des Handelsverbandes bei den Staatshilfen hat daher hohe Priorität, um irreversible Schäden der Branche abzuwenden", so Rainer Will. (OTS)

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