Naivität kann man Österreichs Händlern und ihren Vertretern nicht vorwerfen: Wann immer sich in den vergangenen Monaten zarte Tendenzen Richtung Erholung und Normalisierung zeigten, etwa bei der Inflationsentwicklung und der Konsumentenstimmung, verfielen sie nicht in Euphorie, sondern äußerten bloß vorsichtige Zuversicht. Zu oft hatten sich in den vergangenen Jahren nach einem Silberstreif am Horizont die Wolken rasch wieder verdichtet – und mündeten mitunter in einem Gewitter.
Auch 2026 scheint der Handel nicht aus der Krise zu kommen: Die leise Hoffnung auf eine nachhaltige Stabilisierung der Inflation und steigende Konsumlaune ist angesichts des Irankriegs längst der Sorge um Lieferengpässe und einen erneuten Energiepreisschock gewichen.
Stagnieren am Tiefpunkt
„Der österreichische Handel steht 2026 unter einem Druck, der seinesgleichen sucht“, holt HV-Geschäftsführer Rainer Will aus. Während die Konsumstimmung „auf einem Tiefpunkt stagniert“, würden neue Regulierungen sowie „abermals explodierte Energiekosten und geopolitische Verwerfungen infolge des Irankriegs“ das unternehmerische Umfeld belasten. „Gleichzeitig verschiebt sich das Kaufverhalten der Österreicherinnen und Österreicher strukturell weg vom klassischen Produktkauf hin zu Erlebnissen, Gesundheit und Selbstoptimierung“, erklärt Will.
Pessimistische Erwartungen
Die Ergebnisse einer aktuellen Händlerbefragung des Handelsverbands zeichnen ein alarmierendes Bild: 70% der befragten Händler bewerten die aktuelle Branchenstimmung schlechter als im Vorjahr und fast ebenso viele (69%) rechnen damit, dass sich die Lage in den kommenden zwölf Monaten noch verschlimmern wird.
„Die heimischen Händler erwarten für 2026 spürbare Umsatzrückgänge, während die Kosten laut Selbsteinschätzung zweistellig steigen dürften“, so Will. Nur 37% der befragten Unternehmer rechnen heuer mit einem Gewinn, 26% stellen sich auf Verluste ein. Die größten Kostentreiber sind Energie, Personal und Wareneinkauf.
„Der österreichische Handel ist der Kern unserer ökosozialen Marktwirtschaft: 92.000 Unternehmen, 605.000 Arbeitsplätze, 300 Milliarden Euro Jahresumsatz. Aber dieser volkswirtschaftliche Motor kommt immer stärker ins Stottern. Wenn sieben von zehn Händlern die Lage schlechter einschätzen als im Vorjahr und nur noch ein Drittel einen Gewinn erwirtschaftet, dann ist das ein Weckruf an die Politik, dass tiefreichende Reformen initiiert werden müssen“, unterstreicht Will.
Sorgen um Energiekosten
Freilich wenig Handhabe hat die heimische Politik, was die Folgen des Irankriegs betrifft. Schon jetzt kämpft laut HV-Befragung ein Drittel (34%) der heimischen Händler mit Lieferverzögerungen oder Lieferantenausfällen, eine Mehrheit von 61% erwartet im Laufe des Jahres Lieferengpässe bzw. Ausfälle in ihrem Segment.
Dramatische Ausmaße droht die Energiepreisentwicklung anzunehmen: „Im Schnitt rechnen unsere Händler bis Jahresende mit einer Verdopplung des Strompreises und einem Anstieg der Gaspreise um 118%. Energie steht damit an erster Stelle der meistgestiegenen Kostenpositionen, noch vor dem Personal und der Beschaffung“, betont Will.
Händler orten Reformbedarf
Was die Bundespolitik betrifft, sieht die Branche laut Händlerbefragung den größten Reformbedarf im Bildungssystem, bei Bürokratie und Verwaltung, im Gesundheitssystem, am Arbeitsmarkt sowie im Pensionssystem. Die meistabgelehnte gesetzgeberische Maßnahme ist die inzwischen abgesagte nationale Plastiksteuer, gefolgt von einer nationalen E-Commerce-Abgabe für sämtliche Onlinehändler.
Statt „Mut bei strukturellen Reformen“ an den Tag zu legen, diskutiere das Finanzministerium „ernsthaft über neue Steuern“ – aus Sicht des Handelsvertreters „der völlig falsche Zugang zur völlig falschen Zeit“. Die Abgabenquote dürfe auf keinen Fall weiter erhöht werden. Sämtliche angedachte Maßnahmen, welche die heimische Händler und Konsumenten benachteiligen, seien keine Lösungen, „sondern Inflationsförderprogramme“.
Ein spannender Perspektivwechsel
Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider PARADOXIEN. „Atomunfall in der Sowjetunion – Lage unklar“, „Radioaktive Wolke erreicht Österreich“, „Strahlenalarm: Erste
