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Entrepreneurship in der „Halbwelt” © Michal Parzuchowski / unsplash
© Michal Parzuchowski / unsplash

Redaktion 25.03.2022

Entrepreneurship in der „Halbwelt”

Innovationskraft jenseits des gesetzlichen Rahmens oder bestehender Konventionen. Eine Analyse.

••• Von Georg Sander

WIEN. Im europäischen Mittelalter gingen die sogenannten ehrlosen Berufe wie Gassenkehrer, Henker oder das „fahrende Volk” – Lumpensammler, Spielleute oder Kesselflicker – keineswegs illegalen Tätigkeiten nach. Doch ihre Angehörigen waren sozial ausgegrenzt. Auch in der heutigen Zeit gibt es derartige Berufsfelder, die „dunkle Seite des Unternehmertums”, wie etwa Glücksspiel oder das Rotlichtmilieu. Die WU Executive Academy hat sich „Controversial Entrepreneurship” näher angesehen.

Beispiel Glücksspiel

Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation an der WU Executive Academy, zitiert das Glücksspiel: Es wird angeboten, weil es Nachfrage gibt. Die Menschheit ist seit jeher vom Kitzel des ungewissen Ausgangs fasziniert – die ältesten erhaltenen Würfel sind über 5.000 Jahre alt. Und genauso alt wie der Reiz des Glücksspiels sind die Bedenken in Bezug auf die möglichen negativen Folgewirkungen wie Spielsucht, Verarmung oder Verbrechen.

Trotz vielfältiger rechtlicher Regulierungen wird entsprechend auch der völlig legale Teil dieses Wirtschaftsbereichs von der Gesellschaft kontrovers beurteilt. Viele Menschen und viele Unternehmen schließen eine Betätigung in diesem Bereich aus. Bei einer gegebenen – hohen – Nachfrage führt dies dennoch zu einer außerordentlich hohen wirtschaftlichen Attraktivität. Zudem sind Tabubrüche und Provokationen von Entrepreneuren wie Richard Branson oder Elon Musk legendär, und die Erfolgswirkung des sogenannten „Red Sneakers Effect” – gib dich unkonventionell, und du erntest Respekt – ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen. Beate Uhse, Hugh Hefner oder Larry Flynt beispielsweise scherten sich laut Franke nicht um die öffentliche Meinung und die damaligen Moralvorstellungen, als sie ihre Unternehmen gründeten.

Drei Learnings

Was bedeutet das nun aus Sicht des Entrepreneurships? Ein Learning ist, dass man Trends frühzeitig erahnt und prägt. Weiters trifft jeder Entrepreneur auf Widerstand seitens derer, die vom gegenwärtigen Zustand profitieren. Bei „Controversial Entrepreneurs” kommt der gesellschaftliche Gegenwind dazu. Nicht nur Beharrlichkeit und Unbeirrtheit kann man sich von ihnen abschauen.

Nachahmenswertes

Die Identifikation mit dem kontroversiellen Unternehmen ist schwierig aufzubauen, im Gegensatz etwa zum humanitären Sektor. Entsprechende Maßnahmen kontroversieller Firmen können auch für Entrepreneure im legalen und legitimen Bereich aufschlussreich sein. „Was nicht verboten ist, ist erlaubt”, wie es Schiller formulierte, greift allerdings zu kurz. Franke meint: „Als ich einen ungewöhnlich erfolgreichen Entrepreneur einmal gefragt habe, was aus seiner Sicht die wichtigste Regel sei, dachte er lange nach. Dann sagte er: ‚Manchmal muss man zu unternehmerischen Gelegenheiten auch nein sagen können.'” Es gilt: Ein ethischer Kompass sei unerlässlich.

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