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Geld ist nicht alles © eMagnetix
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Redaktion 13.07.2018

Geld ist nicht alles

Doris Palz, Österreich-Chefin von Great Place to Work, ­erläutert den tiefgreifenden Wertewandel in der Arbeitswelt.

••• Von Britta Biron

WIEN. Ein hohes Gehalt und gute Aufstiegschancen – diese beiden Faktoren spielen in der Arbeitswelt zwar immer noch eine Rolle, reichen aber längst nicht mehr aus, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Zunehmend erkennen die Betriebe, dass sie ihrer Belegschaft mehr bieten müssen.

„Bei den Mitarbeitern ist eine steigende Sensibilität zu beobachten, was die Investition der eigenen Lebenszeit betrifft. Die eigene Tätigkeit soll über das Geldverdienen hinaus einen Sinn haben und einen Mehrwert für andere Menschen bringen”, sagt Doris Palz, Geschäftsführerin von Great Place to Work in Österreich.

Internationaler Trend

Das internationale Forschungs- und Beratungsinstitut wurde durch eine Initiative der Europäischen Kommission 2002 in den damaligen 15 EU-Staaten eingeführt. Mittlerweile berät und unterstützt es in mehr als 55 Ländern weltweit Unternehmen dabei, die Beziehung zu ihrer Belegschaft sowie die Arbeitsbedingungen zu optimieren.

Vor Kurzem wurden in Athen die besten Arbeitgeber Europas gekürt. Großbritannien ist – wie schon im Vorjahr – mit 34 Unternehmen vertreten, und auch skandinavische Betriebe, die seit Langem auf flache Hierarchien setzen, schneiden überdurchschnittlich gut ab.
Aus Österreich haben es immerhin acht Betriebe – vor allem Niederlassungen internationaler Firmen – in das europäische Besten-Ranking geschafft.
Dass rein rot-weiß-rote Unternehmen noch eher spärlich vertreten sind, liege einerseits an der Größe des Landes und der daher niedrigeren Zahl teilnehmender Firmen, aber natürlich auch an den Mitarbeiterbewertungen. Erfreulich sei aber, dass heimische Unternehmen zunehmend die steigende Wichtigkeit von Employer Branding erkennen und entsprechende Maßnahmen setzen.

Viele Pluspunkte

Welche positiven Effekte das nach sich zieht, zeigt die aktuelle Benchmarkstudie. 88% der Mitarbeiter sind stolz auf ihre Arbeit und ihre Arbeitgeber, 85% empfehlen ihren Arbeitgeber jobsuchenden Freunden, und 92% rühren in ihrem Umfeld auch für Produkte und Dienstleistungen ihres Unternehmens aktiv und freiwillig die Werbetrommel. Wer bei einem Great Place to Work arbeitet, ist auch seltener krank, nämlich nur sieben Tage pro Jahr gegenüber dem österreichischen Durchschnitt von 12,5 Tagen.

Auch wirtschaftlich schneiden Great Place to Work-Betriebe besser ab. So liegt deren durchschnittliche EBIT-Marge bei 9,2%, Betriebe ohne Auszeichnung erreichen dagegen lediglich 7,4%.
Auch im Recruiting genießen diese Arbeitgeber klare Vorteile: Sie erhalten im Schnitt 20% mehr Bewerbungen pro freier Stelle als andere Unternehmen.

Top-Thema Arbeitszeit

„Generell wird ein erhöhtes Augenmerk auf die Themen Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelegt”, sagt Palz und ist überzeugt, dass es in einem Great Place to Work keine hitzigen Diskussionen um den neuen 12 Stunden-Tag geben sollte: „In solchen Unternehmen ist das Arbeitsverhältnis auf Vertrauen aufgebaut, und das ist das solide Fundament, dass auch in Bezug auf Arbeitszeitgestaltung die Interessen aller Beteiligten fair berücksichtigt werden. Mein Ideal ist Vertrauensarbeitszeit. Das setzt aber einen hohen Entwicklungsgrad in der Unternehmenskultur voraus.”

Einen für österreichische Verhältnisse sehr unkonventionellen Weg in Sachen Arbeitszeit geht die eMagnetix Online Marketing GmbH aus dem OÖ Bad Leonfelden, die nach einem erfolgreichen Testlauf im vergangenen Herbst Anfang des Jahres die 30 Stunden-Woche bei voller Bezahlung eingeführt hat.
„Das Statussymbol ist heute nicht Geld, sondern Zeit, und diesen Anforderungen muss man als Unternehmen gerecht werden, um am hart umkämpften Fachkräftemarkt in Zukunft eine Chance zu haben”, sagt Geschäftsführer Klaus Hochreiter. „Es geht um die Qualität der Arbeit und nicht darum, wie lang man im Büro sitzt. Wir wollen uns ganz klar von diesem Präsentismus abwenden.”
Insgesamt umfasst die Employer Branding-Strategie von eMagnetix 20 Maßnahmen, wie zum Beispiel einen mehrstufigen Einstellungsprozess, ein eigenes Weiterbildungsprogramm und Eigenverantwortung sowie Mitspracherecht in vielen Unternehmensbereichen für die Mitarbeiter, wobei man diese Bezeichnung durch „eMagneten” ersetzt hat, um den Grundsatz der Gleichwertigkeit aller im Team zu unterstreichen.
Dass vor allem junge Arbeitskräfte den Wandel in der betrieblichen Wertekultur vorantreiben, sieht auch die Great Place to Work-Chefin: „Deren Verhältnis zur Arbeit unterscheidet sich deutlich von jenem ihrer Eltern und Großeltern. Natürlich gibt es auch in der Generation Y und Z karriereorientierte Menschen – deren Anteil ist aber deutlich geringer, als er in den Vorgängergenerationen war. Zusätzlich fällt auf, dass die Erwartungen der Jungen an den Arbeitgeber, sowohl was Sozialleistungen als auch flexible Arbeits­bedingungen betrifft, deutlich höher und konkreter sind als je zuvor.”

Über alle Branchen

Die deutlichsten Verbesserungen in Richtung einer fairen und wertschätzenden Beziehung zwischen Arbeitgeber und -nehmer ortet Palz im Gesundheitssektor; generell seien die Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen aber eher klein. Denn bei einem Great Place to Work komme es weniger darauf an, woran gearbeitet wird, sondern vielmehr, wie gearbeitet wird. „Und das ist auf das Zusammenwirken von Menschen ausgerichtet – also eine Frage der Unternehmenskultur”, erklärt Palz. „Was wir allerdings beobachten können, ist, dass junge und wachsende Unternehmen insbesondere im IT-Sektor eine höhere Affinität zeigen, ihre Mitarbeiter um Feedback zu bitten, um das Unternehmen weiter gemeinsam zu entwickeln.”

Bestenliste 2019

Unternehmen, die überzeugt sind, zu den besten Arbeitgebern zu zählen, können sich bereits jetzt für den Bewerb 2019 anmelden. Für alle, die Verbesserungsbedarf sehen, bietet Great Place to Work Webinare – einerseits zur Teilnahme am Bewerb, andererseits auch zu allgemeinen HR-Themen. Zusätzlich werden Business Breakfasts veranstaltet, bei denen man sich direkt informieren kann. Die nächsten finden am 7. und 22. August statt.

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