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Eine Branche bangt um ihre Existenz © APA/Herbert Neubauer
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Redaktion 06.11.2020

Eine Branche bangt um ihre Existenz

Wien Tourismus-Direktor Norbert Kettner warnt vor einer neuerlichen Verschärfung der Lage für die Hotellerie.

Acht Monate Coronakrise, der nächste Lockdown – und nun auch noch ein Terroranschlag in Wien. Vielen Betrieben in Tourismus, Gastronomie und Freizeitwirtschaft geht die Luft aus. Jeder weitere Euro Umsatzverlust ist existenzgefährdend. Die Wiener Wirtschaftskammer sicherte jenen Gastronomen, die von dem Anschlag in Wien betroffen sind, schon Dienstagfrüh Unterstützung zu: Der Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien, Peter Dobcak, sprach in einer ersten Reaktion von einer notwendigen „Schadensevaluierung”, dann werde entschieden, „wie man am besten helfen kann”.

„Gezielte Unterstützung”

Auch der Direktor des Wien Tourismus, Norbert Kettner, warnt angesichts des Lockdowns vor einer neuerlichen Verschärfung der Situation für die Beherbergungsbetriebe. Auch wenn der Städtetourismus in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei und man 2019 die Umsatzmilliarde geknackt habe, seien die Reserven jetzt aufgebraucht. „Es braucht Liquiditäts- und Eigenkapitalstärkung, die Hotels brauchen Hilfe zum Überwintern, sonst werden einige von ihnen nicht mehr da sein, wenn wir ab 2021 wieder mit einem Anziehen der Nachfrage rechnen. Auch Wiens Kunst- und Kulturbetriebe sowie Kongress- und Eventveranstalter dürften als systemrelevante Bereiche nicht vergessen werden.”

Dazu meldete sich auch Livecom, die Vereinigung der österreichischen Veranstaltungsdienstleister, zu Wort. Sie fordert eine „gezielte branchenspezifische Unterstützung, die das Überleben der Veranstaltungswirtschaft bis zum Ende der Corona-Pandemie sichert”. „Selbst wenn Veranstaltungen irgendwann einmal wieder ohne Res­triktionen stattfinden dürfen, wird es noch lange dauern, bis der Wirtschaftszweig zur Normalität zurückkehrt”, hieß es.

Corona bleibt in den Köpfen

„2020 ist wirtschaftlich abzuschreiben, doch habe ich keine Zweifel daran, dass Wien nach der Pandemie aus der Poleposition starten wird”, übt sich Kettner in Zuversicht. Schon jetzt werde Wien in renommierten internationalen Medien unter die interessantesten Reiseziele gereiht. Neue Projekte – etwa die Ankündigung der Luxusmarken Mandarin Oriental sowie Rosewood, 2023 Hotels in Wien zu eröffnen – zeugten vom Vertrauen der Investoren in den Standort.

Die Attacke in der Wiener Innenstadt habe die Situation jedoch zusätzlich verschärft: „Abseits des menschlichen Leids, das der Terroranschlag mit sich bringt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass derartige Ereignisse auch und vor allem dem Tourismus schaden.” Die Erholung von Corona werde die Branche jedoch wohl länger beschäftigen, als der Anschlag in den Köpfen des Reisepublikums verankert bleibe, vermutete Kettner. Das würden vergangene Erfahrungen anderer europäischer Städte mit Terroranschlägen zeigen.
In Wien wirkt sich die Coronakrise auch deutlich am Arbeitsmarkt aus: Die Zahl der beim AMS als arbeitslos vorgemerkten Personen ist im Oktober 2020 im Vergleich zu Oktober des Vorjahres um 26,4% auf 136.367 gewachsen, die der Betroffenen in Schulungen um fünf Prozent auf 29.937, ein Plus von insgesamt 21,9%. Nach Branchen betrachtet, ist die Arbeitslosigkeit im Oktober in Hotellerie und Gastronomie um 51% gestiegen.

Wer wird entschädigt?

Laut Tourismusministerin Elisabeth Köstinger sollen Betriebe der Hotellerie und Gastronomie mit 80% des Umsatzes vom vorigen November entschädigt werden. „Wir arbeiten mit Hochdruck an den Details”, so Köstinger. Bei der „außerordentlichen Wirtschaftshilfe” für den Lockdown 2 müsse dringend konkreter definiert werden, „dass alle Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft dafür bezugsberechtigt sind”, kommentiert der Veranstaltungsdienstleisterverband Livecom diese Ankündigungen. Insbesondere bei denjenigen, „die bereits seit Monaten verzweifelt um ihre Existenz bangten”, herrsche bezüglich der Anspruchberechtigung große Verunsicherung. Wegen der unterschiedlichen Kammerzugehörigkeiten der Veranstaltungsbranche wird befürchtet, dass viele Betriebe um ihre Ansprüche umfallen könnten.

Kurzarbeit und Krisenszenario

Auch von verlängerter Kurzarbeit profitiert die Branche wenig: Der stark exponierte Tourismus werde als Saisonbranche Arbeitskräfte erst kurzfristig aufnehmen, wenn auch Hoffnung auf Urlaubsgäste besteht, so der Wifo-Konjunkturexperte Josef Baumgartner. In der Gastronomie dagegen könne Kurzarbeit einiges abfangen; fraglich sei aber, ob die Betreiber auch annehmen, dass sie künftig frühere Umsatzniveaus erreichen – und überhaupt so viele Mitarbeiter brauchen. Auch wenn der Lockdown nun kürzer als im „Risikoszenario” des Wifo befürchtet sein dürfte, werde der Tourismussektor bis in den Februar und März hinein zu leiden haben.

Schon im „Hauptszenario”, das keine weiteren restriktiven Maßnahmen unterstellt, rechnet das Wifo für den kommenden Winter mit einem Viertel weniger Gästenächtigungen. Bei einer achtwöchigen Sperre – wie im pessimistischen Risikoszenario angenommen – wird fast ein Totalausfall (–95%) von November bis zum Ende der Winterschulferien in den Raum gestellt. (sb/APA)

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