Business as usual hat keine Zukunft
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INDUSTRIAL TECHNOLOGY 23.10.2015

Business as usual hat keine Zukunft

Der Zubau Erneuerbarer Energie, Konkurrenz aus fremden Branchen und steigende Kundenforderungen zwingen Energie­versorger dazu, ihre Geschäftsmodelle zu erneuern.

••• Von Britta Biron

FRAMINGHAM. Die Energieversorgungsbranch steht vor einem tiefgreifenden Wandel. In Europa werden, so eine Untersuchung des Beratungsunternehmens Accenture, die Umsätze der Energieversorger 2025 um bis zu 54 Mrd. € niedriger ausfallen als heute.

Zwei Beispiele dafür: Im ersten Halbjahr 2015 ist das EBITDA von RWE um 7% auf 3,2 Mrd. € und das betriebliche Ergebnis um 11% auf 2,0 Mrd. € gesunken. Das Betriebsergebnis von Vattenfall lag im 1. Quartal dieses Jahres mit 895,8 Mio. € um fast 30% unter jenem der Vorjahresperiode.
Einer der Hauptgründe für den Abwärtstrend ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien, vor allem der Solarenergie.
So prognostizieren Roland Berger-Experten, dass bis 2030 fast 12% des gesamten Stromverbrauchs in Europa auf Photovoltaik entfallen werden. Das führt zu zunehmende Schwankungen der Energiesysteme, sinkende Erzeugungsvolumina für die Energieversorger und niedrigeren Preisen.

Erneuerbare bringen Bewegung

Mittlerweile rechnen, so die Accenture-Umfrage, 61% der europäischen Energieversorger (im Vorjahr 43%) mit Umsatzeinbrüchen aufgrund der dezentralen Stromversorgung. Und wie die aktuelle Umfrage von International Data Corporation (IDC) zeigt, wächst auch in den USA die Sorge. „Sonnenenergie ist etwas, das mich nachts wach hält”, formulierte einer der befragten CEOs die trüben Zukunftsaussichten seiner Branche.

Aber nicht nur die bisherigen Kunden machen den Unternehmen Konkurrenz, sondern auch neue Player aus „artfremden” Branchen, vor allem Google und Telekom-­Unternehmer.

Neue Ideen sind gefragt

„Künftig wird es nicht mehr ausreichen, Kilowattstunden zu verkaufen. Stattdessen müssen die Unternehmen Servicepakete entwickeln, um die Kunden beim Management ihres Energiebedarfs und damit ihrer Energiekosten zu unterstützen”, so Wolfgang Anzengruber, Präsident von Oesterreichs Energie, beim Trendforum am 14. Oktober.

Als zentrales Werkzeug des Wandels sieht Anzengruber die Digitalisierung, die die Interaktion mit den Kunden erleichtert und damit eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle möglich macht. Ausreichend Daten habe man in Europa – bisher allerdings noch nicht die passenden Konzepte, um sie gewinnbringend zu nutzen.
Nach Meinung der von IDC befragten Manager der Energieversorger liegt das höchste Potenzial für künftiges Neugeschäft im Energiemanagement für Industrie- und Privatkunden, in neuen Netzdienstleistungen sowie dem Ausbau von Ladestationen für eFahrzeuge. Auch in alternativen Energien sieht man interessantes Potenzial.
Und die Überlegungen gehen zum Teil in recht innovative Richtungen. Charles A. Freni, Senior Vice President des New Yorker Energieversorgers Central Hudson Gas & Electric, meint etwa: „Ein ähnliches Geschäftsmodell wie Uber, das auf der Einbeziehung von Dritt­anbietern basiert, könnte für unsere Branche interessant sein.”

Mehr Flexibilität notwendig

Neue Geschäftsstrategien müssen zwar auch andere Branchen entwickeln, für die Energieversorger ist die Herausforderung aber noch einen Tick größer, da ihre Planungshorizonte mit 20 Jahren und mehr bisher deutlich länger als in anderen Industriesektoren waren und die Organisationsstrukturen daher oft immer noch behäbig und unflexibel sind.

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