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Anziehender Trachten-Chic © Lena Hoschek
© Lena Hoschek

britta biron 08.11.2019

Anziehender Trachten-Chic

Wien/Graz/Salzburg. Sag mir, was du trägst, und ich sage dir, wer du bist oder woher du kommst. Als noch strenge Kleiderordnungen galten, funktionierte die Einordnung in eine bestimmte Schubladen anhand des Outfits ganz gut. Heute führt sie oft in die Irre.

Nicht in jedem dunklen Anzug steckt ein erfolgreicher Manager, nicht in jeder Jeans ein Cowboy und nicht in jeder schwarzen Lederjacke ein Rebell. Die Codes, die mit bestimmten Kleidungsstücken verbunden sind, halten sich allerdings hartnäckig und deutlich länger als die schnell wechselnden Trends.

Tradition trifft Trend

Mit denen hat das Dirndl bzw. die Trachtenmode – so die weit verbreitete Meinung – eher wenig am Hut. Sie steht für eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition, für Authentizität und Ursprünglichkeit. Genau genommen ist das aber ein Etikettenschwindel. Sowohl das Ende des 19. Jahrhunderts als adäquate Kleidung für die Sommerfrische des gehobenen Bürgertums entwickelte Dirndl, als auch die in den 1930er-Jahren von Gertrud Pesendorfer, Leiterin der Nazi-Organisation Mittelstelle Deutsche Tracht, konzipierten Trachten basierten weniger auf der Kleidung, die das Landvolk tatsächlich tagtäglich trug – im Tiroler Raum war die Tracht damals im Alltag schon seit gut 100 Jahren out und wurde nur noch aus folkloristischen bzw. touristischen Zwecken aus dem Schrank geholt –, als vielmehr auf idealisierten und romantisierten Vorstellungen von der vermeintlichen ländlichen Idylle und waren ein bunter Mix aus verschiedenen Stilen und Epochen. Der Zielgruppe gefiel’s und sie verinnerlichte auch die Formel ‚Tracht ist gleich Tradition'.
Von der braunen Vergangenheit haben sich Dirndl, Trachtenjanker & Co nach dem Krieg ebenso schnell emanzipiert wie der VW-Käfer. Und während der mittlerweile den Abflug gemacht hat, konnte sich die Tracht nicht nur halten, sondern mit ihren Geschwistern Landhausmode und Alpen-Chic langsam, aber sicher sogar zum Darling der Fashion-Szene avancieren. Als Karl Lagerfeld 2014 die Metier d’Art-Kollektion Paris-Salzburg vorstellte, in der er französischen und alpenländischen Chic verbunden und mit ein wenig imperialem Sisi-Look abgerundet hatte, war das so etwas wie der Ritterschlag für die Tracht.

Neue Wege

„Die Tracht ist im Heute angekommen. Sie hat ihr verstaubtes und altmodisches Image abgelegt, ist vielfältig kombinierbar, besticht durch frische Farben und Muster und ist alles andere als langweilig”, konstatiert Julia Buchfink, Junior-Chefin von Wenger Austrian Style, und sieht bis auf Weiteres kein Abflauen des Trends – ganz im Gegenteil. Sie ist davon überzeugt, dass sich das Dirndl – als immer noch sehr ländlich konnotiertes Kleidungsstück – auch im urbanen Umfeld und als Businessgarderobe durchsetzen wird. „ Moderne Dirndl bieten dank flexibler Materialien Bewegungsfreiheit und guten Sitz.”
En vogue sind Trachten auch zu festlichen Anlässen. „In den vergangenen Jahren ist es sehr ‚in' geworden, am Land zu heiraten und sich dann auch zu wünschen, dass die Gäste in Tracht gekleidet sind”, weiß Lena Hoschek. Allerdings hat sich der Dresscode gelockert: „Früher war es Pflicht, dass die Braut auch ein Dirndl trägt. Heutzutage ist das auch gemischt. Ich selbst habe ein weißes Hochzeitskleid aus unserem Atelier getragen und die Gäste waren in festlicher Tracht gekleidet. Das Schöne ist, wenn man Tracht als Dresscode angibt, kann man sich darauf verlassen, dass alle Leute schön angezogen sind.”

Abwechslungsreich …

Maximilian Gössl, Junior-Chef der Salzburger Premiummarke Gössl, bestätigt den Trend zur Trachtenhochzeit in der Stadt und am Land. „Wir stellen auch fest, dass man vermehrt für die Oper, das Theater oder die Matinee zur Tracht greift. Damit ist man immer gut angezogen, oft sogar edler als die vermeintlich besonders modischen Besucher.”
Geliebt und getragen wird die Tracht längst nicht mehr dort, wo ihre Wurzeln liegen. „Ganz versessen auf alles Trachtige sind die Amerikaner, das merkt man vor allem in Salzburg. Durch ‚Sound of Music' lieben sie die österreichische Tracht. Auch in Aspen ist der alpine Look sehr angesagt. In Deutschland bemerke ich, dass sich die Liebe zur Tracht immer weiter Richtung Norden ausbreitet und sich nicht nur auf Bayern beschränkt”, sagt Hoschek. Für Anna-Katharina Mayer, Designerin beim Grazer Label Mothwurf, ist es die Wandlungsfähigkeit der Tracht, die den Export begünstigt: „Wir haben auch immer wieder Kunden aus – für uns – exotischen Gebieten – von Kuwait bis Amerika. Wichtig ist es, in Tracht niemals verkleidet zu wirken, sondern sie mit dem eigenen Stil und Mode aus dem eigenen Land zu mixen. Unser Sisi-Rock zum Beispiel wird auf der ganzen Welt getragen – mal klassisch mit Spitzenbluse, dann wieder lässig mit Shirt und Turnschuhen oder auch elegant für eine Abendgala. Es kommt immer drauf an, was man individuell daraus macht.”
Geografische Grenzen für Dirndl, Janker & Co sieht auch Gössl nicht: „Zu unseren Kunden gehören auch Asiaten, Amerikaner, Briten und Spanier genauso wie Inder oder Araber. Bei Letzteren insbesondere die Frauen, die auch unsere kurze Dirndlblusen gerne unter ihrem üblichen Gewand tragen. Sie kaufen auch sehr gern die teuersten Seidendirndl.”

… und vielseitig

Zu den Erfolgsfaktoren der Tracht zählt, dass sie mit der Zeit geht und offen für Einflüsse von außen ist. Wenger hatte heuer zum Beispiel anlässlich des 50jährigen Jubiläums des Woodstock-Festivals das Flowerpower-Dirndl kreiert. „Für uns lag der Reiz darin, hochwertige Handwerkstradition mit Akzenten aus einem gegensätzlichen Stil harmonisch zu kombinieren und so etwas völlig Neues zu kreieren”, erklärt Buchfink.
Auch Hoschek sieht Tradition und Trend nicht als Gegensätze, sondern als einen Spielplatz, auf dem man sich als Designer nach Herzenslust austoben kann. „Die einen verfolgen eher die Strategie, dass sie immer etwas Neues kreieren wollen, die anderen wiederum möchten lieber sehr beständig und klassisch bleiben. Dann gibt es wiederum welche, die ein Afrikadirndl oder ein Comic Dirndl designen, und das Schöne ist, dass dadurch für jeden etwas dabei ist.” Selbst sieht sie sich eher in der „goldenen Mitte” angesiedelt. „Ich verwende häufig keine typisch trachtigen Stoffe, sondern zum Beispiel Rosenstoffe aus England oder alte Drucke aus dem 18. Jahrhundert für unsere Trachten. Für mich ist dabei wichtig, dass die Materialien oder Drucke immer eine Heritage mitbringen. Auch wenn die Stoffe nicht aus den österreichischen Regionen stammen, ist aber dafür die Verarbeitung ganz klassisch österreichisch und traditionell.”

Alpine Haute Couture

Gössl ist der Meinung, dass vor allem in der Tracht sehr viel Innovation stattfindet – mehr als in anderen Fashionsegmenten. Schließlich seien die einstigen Festtagstrachten mit aufwendigen Details wie Goldstickereien oder besonderen Verarbeitungstechniken echte Haute Couture. „Da wurde das Besondere ausprobiert, und das Kunsthandwerk ist in der Tracht sehr weit entwickelt worden und dieser Prozess wird fortgeführt.”
Ein Dirndl aus Leder, mit bunten Comic-Prints oder aus afrikanischen Stoffen? „Warum nicht? Ich selbst beschäftige mich stark mit dem Thema Volkstrachten weltweit und ich finde es so schön, dass sich die Gemeinsamkeiten, die die verschiedenen Völker miteinander teilen, viel mehr hervorstechen, als das optisch Trennende – vor allem, wenn man genauer hinschaut und sich die Verarbeitungen und die weitergegebenen Handwerkstraditionen unter die Lupe nimmt. Es gibt viel mehr Völkerverbindendes in der Tracht, als Unterscheidendes”, ist Hoschek überzeugt. Auch beim Traditionsunternehmen Gössl hat man keine Probleme mit unkonventionellen Ansätzen: „Junge Designer sind kreativ und wollen sich – zu Recht – profilieren, wollen Neues ausprobieren und auch provozieren. Das gehört dazu, und es ist meiner Meinung nach wichtig, dass sich junge respektive neue Köpfe mit der Tracht auseinandersetzen. Stillstand brauchen wir keinen.” Selbst geht man allerdings einen anderen Weg.
2009 wurde erstmalig eine Luxuslinie, die Gössl Edition, lanciert. „Damit haben wir nicht nur für das eigene Label, sondern branchenweit neue Maßstäbe gesetzt und damit ein Luxussegment bedient, das sich sehr gut entwickelt hat.” Mittlerweile sind solche Meisterstücke Teil jeder Gössl-Kollektion. „Das sind die Modelle, bei denen die Designer noch mehr Freiheiten genießen, etwas Besonderes machen können, ihre Kunstfertigkeit ausleben dürfen und wo wir nicht so auf den Preis schauen. Die Edition ist kein breitenwirksames Segment, aber für Kunden, die das Besondere suchen, genau das Richtige.”
Als typische Antithese zur Fast Fashion ist die Tracht auch ganz auf der Höhe der Zeit, in der Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle spielen. Ein hochwertiges Dirndl, ein edler Janker oder die typische Lederhose, die sich mittlerweile auch durchaus modisch und hipp zeigt, sind schließlich Kleidungsstücke für mehrere Saisonen, wenn nicht gar das ganze Leben.

Besondere Accessoires

Auch im Accessoire-Bereich ist die Auswahl an außergewöhnlichen Pieces in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Die aus Brasilien stammende Designerin Niely Hoetsch, die sich sowohl im exklusiven Brautmoden als auch aufwendigem Kopfschmuck einen Namen gemacht hat, hat etwa der traditionellen Wachauer Goldhaube ein modernes Facelift verpasst. Kürzlich hat sie ihr Repertoire gemeinsam mit der deutschen Marke Ostwald Bags um passende Taschen ergänzt.
„Unsere Vision ist es, die Liebe zum traditionellen Handwerk zu wecken. Alle Werkstücke sind Unikate und werden ausschließlich in präziser Atelierarbeit gefertigt. Mode ist eine faszinierende Kunstform, die Leidenschaften einen Ausdruck gibt. Unser Lustprojekt ist eine Hommage an die selbstbewusste, anspruchsvolle Frau mit Persönlichkeit und eigenständigem Stil. Unsere Kollektion ergänzt jedes stilvolle Outfit und bietet außerdem jedem femininen Look ein vielseitig kombinierbares und elegantes Accessoire für besondere Anlässe”, so die Designerin.

Schmuckes i-Tüpferl

Ulrike Taferner dagegen widmet sich in ihrem Atelier in Bad Aussee einem kleinen, aber wichtigen Modeaccessoire, dem Knopf. In liebevoller Handarbeit verziert sie Knöpfe aus Perlmutt, Horn, Glas oder Porzellan mit Miniaturgemälden; neben eigenen Entwürfen auch gerne mit Motiven nach Kundenwünschen.
Bald folgten auch Schmuckstücke wie Ohrringe und Anhänger, ein Segment, das sie in Zusammenarbeit mit der Goldschmiedin Anita Seebacher aus Altaussee jetzt um eine Premiumlinie aus Perlmutt, Sterlingsilber, Edelsteinen wie Quarzen, Jade oder Amethyst erweitert hat. Erhältlich sind die Unikate, die sowohl einem Trachtenoutfit den letzten Schliff geben, aber auch zum klassischen Businesskos­tüm oder zu lässigen Jeans einen schmucken Kontrapunkt setzen, sowohl in Tafernes kleinen Laden „Ausseer Knopferl” als auch in der offenen Werkstatt von Seebacher.

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