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Öfter der Nase nach © diefotografin.at

Seine Liebe zu Düften begleitet Yogesh Kumar von Kindheit an. In seinem Wiener Atelier entwickelt der Meisterparfumeur seit mehr als 25 Jahren exklusive Parfüms.

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Seine Liebe zu Düften begleitet Yogesh Kumar von Kindheit an. In seinem Wiener Atelier entwickelt der Meisterparfumeur seit mehr als 25 Jahren exklusive Parfüms.

Yogesh kumar 28.09.2018

Öfter der Nase nach

Gastkommentar Der Geruchssinn beeinflusst uns stärker, als wir glauben.

Wien. Wir in Europa sind wahnsinnig fixiert auf das Visuell-Auditive. Dabei haben diese beiden Sinne sicherlich die sinnlich kleinste Komponente. Pro Tag sammeln wir über 100.000 Bilder; am Abend, beim Zu-Bett-Gehen, können wir uns vielleicht an 100 erinnern. Wir hören am Tag mehr als 50.000 Geräusche und an 50 können wir uns abends erinnern. Die 10.000 bis 12.000 Gerüche pro Tag, die wir großteils unbewusst wahrnehmen, speichern wir alle in unserem limbischen System. Und während visuelle und auditive Eindrücke ausgefiltert werden, bleiben Gerüche sozusagen auf Lebenszeit in uns gespeichert.

Der Geruchssinn hat keinen Filter. Allerdings werden die gespeicherten Düfte erst dann aktiviert, wenn Sie wieder mit einem von ihnen konfrontiert werden. „Hier riecht es so wie bei der Oma” – „Das erinnert mich an den Sommer in der Provence!” Wir kennen solche Momente sehr gut …

Subtil, aber mächtig

Damals bei der Oma hätten wir nicht sagen können, wie es bei der Oma riecht. Aber wenn wir mit diesem Geruch wieder konfrontiert sind, wird auch gleichzeitig die Emotionalität dazu ‚abgerufen'.
Das ist nicht steuerbar, die Schublade geht von selber auf. Wenn Sie heute auf der Straße an einem stressigen Tag einen Duft einfangen, der Sie an Ihren Urlaub erinnert, öffnet sich Ihnen sofort eine Parallelwelt.
Gerüche sind eine Art Vokabular und funktionieren wie ein Gedicht oder vielmehr wie eine Musikkomposition. Wenn Düfte im Kopf zusammenkommen, werden Gefühle erweckt, und olfaktorische Erinnerungen schaffen eine andere Dimension.
Der Geruchssinn ist ein chemischer und mystischer Sinn. Es ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass die Nase das Organ ist, das als erstes entscheidet, ob wir jemanden mögen oder nicht. Es geht aber noch viel weiter. Denn im Grunde ist die Nase das erste Organ, mit dem unser Leben beginnt und das letzte, wenn unser Leben endet – der erste Atem nach der Geburt, der letzte Hauch beim Tod. Die Nase ist das Tor zur Welt und aus der Welt wieder hinaus. Außerdem macht dieser Sinn uns gewaltig individuell.
Wie viel mächtiger der Geruchssinn ist als der visuelle oder akustische, zeigt sich auch, wenn wir in einen wunderbaren Raum treten, der in den schönsten Farben glitzert und schimmert – aber wenn es darin stinkt, können wir uns dort nicht wohlfühlen. Alle anderen vier Sinne können uns nicht davon ablenken, dass es in dem Raum unangenehm riecht. Kommen Sie dagegen in einen chaotischen, hässlichen Raum, der aber für Sie gut riecht, werden Sie ein Eckchen finden, um zu bleiben.
Die Nase kann man trainieren und den Geruchssinn stimulieren und damit das Bewusstsein über das eigene Riechvermögen deutlich verstärken. Positiver Nebeneffekt: Damit trainiert man zusätzlich intensiv sein Gehirn!
Das bedeutet: ein Duft, in dem ich drinnen bin, in dem mein Wesen sich widerspiegelt, nicht irgend­etwas, das ich auf meinem Körper trage, wo jeder sofort erkennen kann: „Ah, ja, das ist dieser und jener Duft” – als wäre ich ein lebendiger Werbeträger für eine Marke.

Duftende Visitenkarte

Mit meinem eigenen Körperduft repräsentiere ich mich in der Welt. Mit dieser „Visitenkarte” möchte ich mich wie „Ich” fühlen und mich nicht wie in einem Mantel verstecken. Nehmen Sie z.B. ein Kleidungsstück. Man kann sagen: „Das Kleid ist schön.” Man kann sagen: „Dieses Kleid steht dir gut.” Oder man kann sagen: „Du machst dieses Kleid so schön.” Merken Sie den Unterschied? Ein Kleid für sich trägt kein Leben in sich, es kann nichts ausstrahlen, das kann nur die Person darin. Genauso ist es beim Duft.
Denn dein Duft durchweht das Universum ein einziges Mal …

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