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„Abstumpfungseffekte hat es schon immer gegeben” © APA / APA-Fotoservice/Rastegar

PräsentationClemens Pig (APA), Stefan Gadringer (Universität Salzburg), Michael Ogris (KommAustria), Katharina Schell (APA), Ingrid Thurnher (ORF), Reiner Reit­samer (ORF III).

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PräsentationClemens Pig (APA), Stefan Gadringer (Universität Salzburg), Michael Ogris (KommAustria), Katharina Schell (APA), Ingrid Thurnher (ORF), Reiner Reit­samer (ORF III).

Redaktion 24.06.2022

„Abstumpfungseffekte hat es schon immer gegeben”

Bei zu vielen Negativ-Schlagzeilen versuchen User, diese zu meiden, so der Reuters Digital News Report 2022.

••• Von Petra Stückler

WIEN. Der kürzlich in den Räumlichkeiten der APA präsentierte Reuters Digital News Report (DNR) stellt den Medien ein bedenkliches Zeugnis aus, denn global wie auch in Österreich attestiert dieser ein generell rückläufiges Interesse an Nachrichten. Die aktive Nachrichtenvermeidung sei in der Studie sehr deutlich geworden.

Einerseits sehen die Studienautoren eine gewisse Sättigung nach den Corona-Jahren, andererseits werde „der Nachrichtenkonsum von vielen als Belastung empfunden”, wie ORF-Radiochefin Ingrid Thurnher beschreibt. Selbstkritisch fügt sie hinzu: „Und wir Nachrichtenmacher machen es den Leuten nicht allzu schwer, sich abzuwenden.”
Denn das abgedroschene Motto „Only bad news are good news” sei in den Redaktionen oft vorherrschend, wie Katharina Schell (stv. CR APA) anmerkt; die Branche solle dies als Warnzeichen sehen, das Journalisten dazu bringen sollte, darüber nachzudenken, wie altruistisch die Berichterstattung sei. „Wir haben die drei apokalyptischen Reiter, die versuchen, den Kopf vorne zu behalten – wir haben die Pandemie, den Ukrainekrieg und das Klima”, sieht Schell auch die Gründe für zunehmende Nachrichtenverdrossenheit.
Auch Michael Ogris (Vorsitzender, KommAustria) sieht eine gewisse „Abstumpfung” bei den Medienkonsumentinnen und Konsumenten, die zu Desinteresse führe.
Um gegenzusteuern, sollte sich die Medienbranche hinterfragen und auf das Publikum zugehen, befanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion, die anlässlich der Veröffentlichung des DNRs im APA-Pressezentrum stattgefunden hat.
Während Studienleiter Josef Trappel von der Universität Salzburg eine „Verschiebung der Ebenen, der Dimensionen des Medienkonsums” ortet, zeigt der Blick auf die jüngste Generation der Medienrezipienten, der „Social Natives”, die den „Digital Natives” nachfolgen, das drastische Bild dazu.
Denn bei dieser Gruppe erfolgt der Nachrichtenkonsum großteils über Soziale Plattformen, darunter Instagram, YouTube, TikTok, Snapchat, Twitter und Facebook. Hier gäbe es nicht erst seit gestern eine Dreiecksbeziehung zwischen User, Plattform und Medienhäusern. Nur: Wie gefährlich ist es für heimische Medienhäuser, sich von diesen abhängig zu machen? „Ich glaube, der Zug ist abgefahren. Wir können diese Plattformen nicht anderen und deren kruden Thesen überlassen”, so Thurnher.

Zahlungsmoral wächst

Dafür sei dieser Verbreitungsweg zu mächtig. Dort nicht vertreten zu sein, wäre ein „fataler Fehler”. Schell konstatierte, dass Medienhäuser in den vergangenen Jahren viel an Know-how im Umgang mit den Plattformen gewonnen hätten, man aber definitiv nicht darauf verzichten könne, hier die User abzuholen.

Erfreulich aus Sicht der Medienunternehmen ist, dass der Trend, für Online-Nachrichten zu zahlen, sich weiter fortsetzt. In Österreich gebe es einige Vorzeigemedien, die mittlerweile kreative Lösungswege entwickelt hätten, um dem Unwillen vieler Personen zu begegnen, für Nachrichten im digitalen Raum zu zahlen. Kaum noch ein Medium existiere ohne Bezahlschranke in der einen oder anderen Form. Um die Zahlungsbereitschaft zu steigern, empfehle es sich, das Gefühl von Heimat, das viele bei der Lektüre ihrer Stammzeitung empfänden, ins Digitale zu transferieren. Und das sei eine Herausforderung, der man sich stellen müsse. Was der DNR wieder einmal bestätige, sei die sehr starke gemischte Nutzung traditioneller, als auch digitaler Medien in Österreich über alle Altersgrenzen hinweg – dieses Charakteristikum ist die große Ausnahme im internationalen Vergleich.

Vertrauen und Recherche

Viel Vertrauen bei der österreichischen Bevölkerung büßte gegenüber dem Vorjahr – wie die meisten Medienhäuser – der ORF ein. Thurnhers Erklärung dafür: „Es hat noch nie so viel Wissenschaft und glaubwürdige Expertise wie im vergangenen Jahr in der Berichterstattung gegeben. Das hat zu den hohen Werten beigetragen. Jetzt nähern wir uns wieder dem normalen Status an”, meinte Thurnher. Den Trend müsse man beobachten. Ein Fazit der Podiumsdiskussion ist: Man muss stärker auf das Publikum zugehen und gute Recherche in den Vordergrund stellen.

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