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Der Sturm im Milchglas könnte heftig werden © Berglandmilch
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Redaktion 04.11.2022

Der Sturm im Milchglas könnte heftig werden

Berglandmilch-Chef Josef Braunshofer über eine ­Kostenexplosion, wie man sie nie zuvor gesehen hat.

••• Von Georg Sander

Der russische Angriff auf die Ukraine führt Europa vor Augen, wie sehr man von fossilen Energieträgern abhängig ist. Die damit verbundenen Kostensteigerungen vor allem bei Energie stellen alle Unternehmen in Österreich vor besondere Herausforderungen. Auch bäuerliche Betriebe sind davon nicht ausgenommen. Insbesondere Molkereien nehmen durch ihren erhöhten Energiebedarf eine besondere Rolle im Ringen um Produktionssicherheit und Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln ein.

Doch die Energiekrise bedingt vor allem auch eine nachhaltigere Produktion. Josef Braunshofer, Geschäftsführer der Berglandmilch eGen, war zu Gast bei den medianet retail conversations und erklärte, wie man den energiegetriebenen Kostenerhöhungen bestmöglich begegnen könne.

Kein Gas, keine Milch?

Mit rund 1.500 Mitarbeitern, 1,4 Mrd. kg Milchausstoß im Jahr und einer Exportquote von 40% sowie einem Umsatz von 1 Mrd. € ist Berglandmilch quasi der österreichische Platzhirsch in Sachen Milch-, Käse- und Molkereiprodukte. Noch mehr als Corona betrifft der Krieg in der Ukraine so gut wie alle Produzenten, vor allem eben jene, die Gas brauchen. „Wenn wir kein Gas haben, können wir die Milch nicht verarbeiten”, meint Josef Braunshofer. „Hitze und Pasteurisierung bedingen Gas. Es heißt aber auch, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Becher haben, in die wir das Joghurt einfüllen.”

Umstellungen

Die gesamte Lieferkette bis zur Verpackung hänge stark von dem fossilen Brennstoff ab. Die Verwerfungen sind geopolitischer Natur, nebst dem menschlichen Leid in der Ukraine. Welche Vorkehrungen gebe es, die Unternehmen treffen könnten? „Wir können nur ändern, was wir in unserem Unternehmen direkt beeinflussen können”, so Braunshofer. „Was die Vorlieferanten machen, kann ich nicht direkt beeinflussen, nur hoffen, dass sie das Bestmögliche tun, um die Abhängigkeit von Gas zu reduzieren.” Bei Berglandmilch habe man sich dazu entschieden, schnell und radikal von Gas wegzugehen.

Das heißt: Innerhalb des nächsten Jahres werden drei Werke von Gas in Richtung nachwachsender Rohstoffe, konkret Hackschnitzel, umgestellt: „Mitte nächstes Jahr wollen wir Feldkirchen in Oberösterreich, Aschbach in Niederösterreich und Klagenfurt in Kärnten so befeuern.” Das geht über die aktuelle Krise hinaus. International setzen manche Staaten statt auf russisches Erdgas auf Flüssiggas aus dem Nahen Osten. Diese Quellen sind nicht viel weniger problematisch. „Wir müssen das tun. Manche Leute sagen, dass Hackschnitzel auch im Preis steigen, aber selbst wenn sie den Gaspreis erreichen, zahle ich noch immer lieber das Geld für die Energie an einen österreichischen Landwirt als nach Moskau”, sagt er dazu.

Inflation als Thema

Das heißt eben auch, dass man nicht nur unabhängiger ist, sondern regionaler. Die Kostenerhöhungen, so Braunshofer, wären eben Energie-getrieben. Das habe er in gut 20 Jahren Berglandmilch nicht erlebt. „Alles, was sich abspielt, kann man auf die Explosion im Energiebereich zurückführen. Wenn wir jetzt deutlich mehr für Verpackungen zahlen, 35 bis 45 Prozent im Jahresvergleich, dann liegt das daran”, sagt er – und das würden auch alle Produzenten so bestätigen, von der Herstellung bis zur Logistik; letzteres liegt vor allem an den Dieselpreisen.

„Das ist eine Kostensituation, die wir so noch nie gesehen haben oder kannten – wir müssen diese Kosten weitergeben, allein schon im Sinne eines ordentlichen Kaufmanns”, warnt er. „Sonst gibt es das Unternehmen bald nicht mehr. Das ist unangenehm, aber alternativlos.” Um die Versorgung zu garantieren, müsse man schließlich die gestiegenen Preise im Bereich etwa von Verpackung zahlen. Mit den Handelspartnern sei man im Austausch, aber „lästig ist, dass nach der Preiserhöhung im Frühjahr auch eine im Herbst folgen muss. Der Anstieg hat sich noch nicht eingebremst.” Immerhin: Während der Handel früher zurückhaltend war, gibt es derzeit mehr Verständnis. „In der dramatischen Situation müssen wir das unseren Partnern vermitteln.” Darüber hinaus rechnet man nun mit Lohnerhöhungen, die es in der Größenordnung auch noch nicht gegeben habe: „Das wird alles richtig fordernd bleiben.”

Die Produzenten

Das Grundprodukt, die Milch, kommt von den Bauern. Laut einer Studie hätten diese einen Nettostundenlohn von 5,70 €. Das macht den Beruf nicht unbedingt attraktiv. Früher gab es 10.000 Lieferanten, heute nur rund 9.000. In der Steiermark etwa gibt es im Vergleich zu 2010 33% weniger Milchbauern.

„Sie gehören nicht zu den reichen Bevölkerungsschichten”, räumt Braunshofer ein. „Wir stellen fest, dass die Hofnachfolge entscheidend ist – gibt es jemanden, dem man es schmackhaft machen kann?” Darum sei es aus Genossenschaftssicht zweifach wichtig, einen vernünftigen Preis zu zahlen. Einer bleibt dabei, weil er bereit ist, einen vernünftigen Preis zu zahlen. Einer bleibt dabei, weil er einen vernünftigen Preis anbietet, der ein gutes Leben ermöglicht – und die nächste Generation sieht ebenfalls das Potenzial. „Eine Genossenschaft macht per definitionem keine übermäßigen Gewinne. Bei Übergewinnen fühlen wir uns nicht angesprochen”, möchte er noch klarstellen, wenn es öffentlich darum ginge, die Industrie würde sich an der Krise eine goldene Nase verdienen.
Die Milchmenge steige nicht mehr, Betriebe hören auf, durch Mehrproduktion der anderen könne der Ausfall „mühsam” kompensiert werden. „In großen Milchländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Frankreich gibt es in den letzten Jahren sogar ein Minus bei der Anlieferung – zum ersten Mal.”

Markenstärke

Wie sieht es in Österreich aus? Berglandmilch exportiert 40%, vor allem nach Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland – Fernost sei schon einmal wichtiger gewesen. Durch coronabedingte Schließungen ganzer Regionen habe man sich etwas zurückgezogen. Kompensiert wurde das durch Nordafrika sowie Nord- und Südamerika.

Der wichtigste Markt sei aber die Heimat. Man wolle dem Rechnung tragen, bei der Marke bleiben und in Werbung investieren. „Zunächst ist wichtig, dass das Produkt gut ist und schmeckt”, stellt Braunshofer klar. „Weiters sind unsere Lebensmittel gesund – wenn ich die beiden Parameter erfüllt habe, komme ich zur umweltfreundlichen Verpackung wie im Glas.” Doch schon davor steht Nachhaltigkeit im Fokus. Die kleinen heimischen Bauern erhöhen die Umweltfreundlichkeit im Vergleich zu riesigen Herden in anderen Ländern. Futtermittel aus Übersee gibt es auch nicht. Das betreffe die gesamte Milch, nicht nur die Bio-Milch: „Ich will, dass alles naturnah erzeugt wird. Und das ist auch so.” Also auch kein Palmfett oder Glyphosat.

An Morgen denken

Genau die Themen Nachhaltigkeit in jeder Hinsicht scheinen auf dem Prüfstand, um überhaupt Milch zu produzieren. „Ich hoffe nicht – das würde ein Abrücken von unserer Ideologie bedeuten, die wir vermitteln wollen”, entgegnet Braunshofer.„Natürlich ist es fordernd durch die Sammelkosten.” Hackschnitzel oder Biogas sind eben weitere Schritte in Richtung Unabhängigkeit. Was daran hinderlich ist, sind die Behörden: „Das muss ich jetzt schon als Klage formulieren. Die sagen nicht: Super, dass auf nachhaltige Energieträger umgestellt wird. Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck.” Es sei sehr kompliziert, die Umstellung auch wirklich zu schaffen, weil es nebst Behörden auch Anrainer Bedenken haben. Energiewende ja, aber nicht vor der eigenen Haustür, könnte man attestieren.

Und was wird für innerhalb die eigenen vier Wände gekauft? Auf jeden Fall Käse, es gehe aber weg von den hochpreisigen Segmenten, da die Theke leide. „Aber wir haben eine breite Palette, die Kunden finden etwas”, sagt er. Joghurt ging im warmen Sommer gut, die Milchflasche hin­gegen habe einen Plafond erreicht.
Wie sieht nun die Zukunftsprognose aus? Mengenmäßig verkauft man da und dort weniger, der Umsatz passe aber. Das Sortiment werde an den Rändern jedenfalls verkleinert.
„Wir hoffen alle, dass es nicht so kommt, wie es zu befürchten ist. Prognosen auf drei, vier, fünf Monate sind kaum zu geben”, meint er abschließend. „Wir müssen aber optimistisch bleiben, Österreich ist ja noch ein wohlhabendes Land, und wir können die Konsumenten überzeugen, sich mit heimischen Lebensmitteln etwas Gutes zu tun – auch wenn die Zeiten schwieriger werden. Wir liefern Qualität, die muss ihren Preis haben.” Letztlich sei Weltuntergangsstimmung fehl am Platz: „Milch ist ein gutes Lebensmittel – in guten wie in schlechten Zeiten.”


Das Interview sehen Sie hier:

https://tv.medianet.at/video/retail-milch-honig-mit-wenig-energie

Redaktion TV: Andy Marada

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