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Der Tyrann und die Wahlurne
Redaktion 23.08.2019

Der Tyrann und die Wahlurne

„Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück” (Shakespeare). Das beunruhigt.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

VORBEIGEZIELT. Jetzt ist schon wieder was passiert. Diesmal auf wahlkabine.at, einer zunehmend beliebten Politquiz-Umfrage im Internet, die nach der Beantwortung eines Fragenkatalogs verrät, welche Parteipräferenzen man hat. Das Instrument ist vom Grundsatzgedanken her eine superspannende Sache. Die Wähler tatsächlich nach ihrer Zustimmung zum jeweiligen Parteiprogramm zu fragen, ist so genial wie radikal. Die Ergebnisse – so hört man – seien oftmals durchaus überraschend. Insbesondere für jene, die sich als in einem gewissen Teil des politischen Spektrums fix verankert betrachten – und bizarrerweise plötzlich an dessen anderem Ende auftauchen. Die Volkspartei hat am Mittwoch jedenfalls darauf hingewiesen, dass bei drei Fragen im Online-Fragebogen auf www.wahlkabine.at nicht die von der Volkspartei übermittelten Antworten übernommen worden seien. „Trotz ausführlicher Begründung und mehrmaliger schriftlicher und mündlicher Aufforderungen” sei dem Ersuchen auf Änderung nicht entsprochen worden. Hm. Ein Skandal jagt den anderen im Staate Österreich.

„Herr Strache ist ein ehrenwerter Mann”, hatte Peter Filzmaier kürzlich Shakespeare für eine Analyse eines Gesprächs mit eben jenem (Strache) zitiert. Irgendwie scheinen beide Sachverhalte – die türkise Vermutung, der Wähler wähle sachorientiert, und die Einschätzung Filzmaiers, der Vergleich mit Cäsar und Brutus würde manch einem die Augen öffnen – am Mainstream knapp, aber doch vorbeizuzielen. Angela Merkel wurde im Urlaub bei der Lektüre von „Der Tyrann” beobachtet; Stephen Greenblatt erklärt darin mit Shakespeare, wie Trump funktioniert. Offenbar tickt sie ähnlich wie unser Lieblingspolitanalyst.
Schon während Trumps Wahlkampagne wurde übrigens des Öfteren darauf hingewiesen, dass die Presse ihm kostenlose Publicity im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar verschaffe, indem sie allem, was er tut, übertriebene Aufmerksamkeit schenkt. In diesem Sinne: Ende.

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