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„Digitalisierung verbessert per se noch kein Produkt” © Kronen Zeitung / Reinhard Holl

Gerhard Valeskini.

© Kronen Zeitung / Reinhard Holl

Gerhard Valeskini.

Redaktion 22.04.2022

„Digitalisierung verbessert per se noch kein Produkt”

Die Tageszeitungen verbuchen ein Plus, allerdings gibt es wegen der Papierpreise neue Herausforderungen – die Digitalisierung sollte indes weitergehen.

••• Von Georg Sander

WIEN. Das Tagszeitungsgeschäft ist mit Sicherheit kein einfaches – tagtäglich erwarten sich Lesende aktuellste Informationen, und das in Zeiten, in denen sich die Ereignisse regelmäßig überschlagen. Die Branche möchte dem eigenen Anspruch dennoch gerecht werden und setzt auf „echten” Journalismus, denn mit zahlreichen Medien, die vor allem im Internet Fake News verbreiten, gibt es weitere Kontrahenten. Journalismus bedeutet, Informationen zu bewerten und zu checken – und nicht irgendetwas ungeprüft zu publizieren. medianet hat sich in der Branche umgehört.

Externe Kostentreiber

Was den Tageszeitungen derzeit an anderer Stelle die Arbeit erschwert, sind die steigenden Preise. „Das ist ein externer Kostentreiber, den wir nicht beeinflussen können. Durch diverse interne Maßnahmen versuchen wir uns bestmöglich darauf einzustellen”, erklärt etwa Herwig Langanger, Vorsitzender der Presse-Geschäftsführung. Thomas Kralinger, Geschäftsführer des Kurier, nennt dazu Zahlen: „Wir rechnen mit einem Anstieg der Preise im Q2/22 von 30 bis 40 Prozent gegenüber vor der Krise. Begegnet wird dieser Situation mit Innovationen und Vertikalisierung wie auch mit Effizienzprogrammen.”

Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding und somit für die Tiroler Tageszeitung verantwortlich, bringt es auf den Punkt: „Hier gibt es derzeit für alle Marktteilnehmer die gleichen Probleme. Die Papiermenge ist knapp, und die Preise sind so hoch wie noch nie.” Die Papierpreissteigerung, so Thomas Spann, Geschäftsführer der Kleinen Zeitung, sei aber absehbar gewesen, es „kommt nun der Faktor der Energiepreissteigerung dazu”.
Maximilian Dasch, Geschäftsleitung der Salzburger Nachrichten, illustriert das Dilemma: „Die aktuellen Preissteigerungen können wir aufgrund der schieren Höhe weder unseren Lesern, noch unseren Werbepartnern entsprechend weiterreichen.” Wolfgang Jansky, Geschäftsführer von Heute, bezeichnet die Situation als „angespannt” und stellt einerseits eine Steigerung der Auflage aufgrund der Informationssehnsucht fest. Andererseits: „Just in dieser wieder wachsenden Situation werden wir nun mit den dramatisch steigenden Papierpreisen konfrontiert. Und ein Ende ist nicht absehbar.”
Harte Kritik am System kommt an diesem Punkt von der Kronen Zeitung in Person von Geschäftsführer Gerhard Valeskini: „Grundsätzlich ist anzumerken, dass die (nahezu) Verdreifachung der Papierpreise innerhalb eines Jahres auch die Grenzen der marktregulatorischen Mechanismen aufzeigt. Die Zeitungsverlage sind hier einem Anbieter-Oligopol ausgeliefert, auf der Einkaufsseite gibt es geringen Spielraum.

Stärkt ePaper Print?

Abgesehen von den Printprodukten setzt man im Tageszeitungsgeschäft auf ePaper, das sich großer Beliebtheit erfreut. Valeskini hat hierbei eine differenzierte Sicht, über das ePaper hinausgehend: „Die Informationsfunktion der gedruckten Ausgabe ist längst in den Hintergrund gerückt. Weit wichtiger ist es, im Zusammenspiel der digitalen Plattformen und der gedruckten Ausgabe Informationen zu vermitteln und komplexe Zusammenhänge verständlich aufzubereiten.”

In ein ähnliches Horn stößt man bei Heute. Die Tageszeitung genieße insgesamt eine hohe Glaubwürdigkeit – egal ob gedruckt oder nicht. „Das legen aktuelle Studien nahe”, so Jansky, „Deshalb werden wir das Heute ePaper weiter optimieren – sowohl für unsere Leser, was den Lesegenuss betrifft, und andererseits erweiterten wir auch die Werbemöglichkeiten für unsere Werbekunden.” Für die Leser, die mit einer gedruckten Zeitung „aufgewachsen” sind, biete das ePaper-Format „einen barrierefreien und den einzig logischen Einstieg in die digitale Welt.” Digital Natives hingegen würden meist wenig Gefallen an einer ePaper-Ausgabe finden.
Auch die Presse und der Kurier sehen den Ausspielkanal insgesamt als nicht so wichtig an. Langanger bezeichnet das Blatt als „kanal­agnostisch”. Kralinger wiederum sieht die Plus-Inhalte als notwendig an, denn „der Rückgang der Print-Abos war ähnlich zum Vorjahr und konnte weitgehend durch den Anstieg der online Abos ausgeglichen werden”.
Die Coronapandemie habe zudem auch bei den Salzburger Nachrichten zu einer deutlichen Nachfragesteigerung digitaler Angebote geführt. Dasch meint: „Die Entwicklung bestärkt uns vollumfänglich in unserer langjährigen Strategie, qualitätsvollem und unabhängigem Journalismus auch in der elektronischen Welt einen monetären Wert gegenüberzustellen.” Das ePaper sehe man als wichtigen Bestandteil des Gesamtangebots und natürlich auch als wertvolle, digitale Verlängerung und Ergänzung des einmaligen Produktkonzepts einer gedruckten Zeitung.
Diese Mischnutzung sieht man auch bei der TT: „Aus unserer Sicht geht es nicht nur um ePaper, sondern auch um paid content. Wir erleben, dass sich ein Paid Content-Abo als idealer Einstieg in eine Abrechnungsbeziehung anbietet.”

Qualität im Fokus

Ein Faktor, der all diese Arbeit auf allen Kanälen hingegen erschwert, ist die Zunahme von Fake News – nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie, aber hier wurde es klar ersichtlich. Wesentliche Qualitätsmerkmale journalistischen Handwerks sind die Prüfung und Gegenprüfung von Fakten, so Dasch: „Die klare Kennzeichnung von Informationsquellen, eine klare Unterscheidbarkeit von Meinung und Bericht sowie von Werbung und redaktioneller Beiträge.”

Unverzichtbar in Zeiten von Fake News, führt Spann aus, sei die gründliche Recherche – Check, Re-Check und Double-Check – sowie die akribische Prüfung von Quellen: „Wir haben einiges an Aufklärungsarbeit mit Informations- und Imagekampagnen geleistet. Unter anderem haben wir die Schulführungen ins Leben gerufen, um die Medienbildung voranzutreiben und aufzuzeigen, wie wichtig Qualitätsjournalismus ist. Außerdem muss dabei aufgezeigt werden, wie man seriöse Quellen von Fake News unterscheidet.”

Professionalität gegen Fake

Zeitungen bzw. Qualitätsmedien könnten sich heute nur durch journalistische Professionalität von der – oft inhaltlich falschen – Informationsschwemme im Netz abheben, illustriert Petz. Oder, wie man es bei der Presse sieht: „Verlässliche Informationen waren und sind immer wichtig. Die Presse bleibt ihrem hohen Qualitätsanspruch, den sie an ihre journalistische Arbeit stellt, treu. ”

Das Bedürfnis der Menschen nach verlässlichen und objektiven Informationen sei in Österreich in den letzten Jahren gestiegen, wie eine unabhängige Studie vor Kurzem bestätigt hat, erklärt Kralinger unter Verweis auf eine vom Marktforscher Marketagent durchgeführte Studie.

Nah am Menschen sein

Wie kann es nun weitergehen? „Es wird schwierig, richtig und falsch auseinanderzuhalten, wenn sich in den Sozialen Medien jeder seine eigene Wahrheit sucht”, stellt Kralinger klar. „Umso wichtiger ist unabhängiger, fundierter, seriöser und verständlicher Journalismus für alle und jederzeit.”

Valeskini ergänzt: „Gehaltvolle Geschichten, mehr regionale Informationen und dichter medialer Diskurs auf allen Plattformen lässt uns nah bei den Menschen sein und mit ihnen durch schwierige Zeiten gehen.”
Die Presse sieht sich durch die Pandemie in der strategischen Ausrichtung bestätigt. Dennoch: „Die Digitalisierung verbessert noch per se kein Produkt. ­Notwendig dafür sind Investitionen in Digitalisierungsprozesse, wie beispielsweise in eine moderne technologische Infrastruktur.”
Die Digitalisierung, so Spann, helfe: „Sie ermöglicht es, die Reaktionen, Wirkungen und Inanspruchnahme der Leser sichtbar zu machen.” Nach einer Phase, in der weite Teile sich auf den Traffic konzentriert hätten, könne man so das Scoring einarbeiten: „Wir können das Verhalten zu Inhalten heranziehen und durch diese Interaktion besser auf Produkt und Kundenbedürfnisse eingehen.”
Mahnende Worte kommen von den Salzburger Nachrichten: „Die Geschwindigkeit sollte am Ende nur nicht zulasten der Qualität gehen – eine Gratwanderung.”

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