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„Es gibt viel mehr Frösche als Prinzen” © Julia Pabst
© Julia Pabst

Redaktion 13.11.2020

„Es gibt viel mehr Frösche als Prinzen”

Maria Rauch-Kallat, Initiatorin des Journalistinnenkongresses, kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen.

••• Von Nadja Riahi und Laura Schott

Sie war unter anderem Landesleiterin und Bundesobfrau der Österreichischen Frauenbewegung, Wiener Landtags- und Gemeinderatsabgeordnete, Abgeordnete zum Nationalrat, Bundesministerin, Unternehmensberaterin und ist Gründerin und Vorsitzende zahlreicher ehrenamtlicher Vereine. So vielseitig Maria Rauch-Kallats Leben bislang war, war es vor allem eines: frauenbewegt.

Im Vorfeld des aufgrund der jüngsten Ereignisse auf den 14. November verschobenen Journalistinnenkongresses sprach dessen Initiatorin mit medianet über die Anfänge des Kongresses, über Prinzen und Frösche und darüber, was in Österreichs Medien für die Frauen noch getan werden muss.


medianet:
Frau Rauch-Kallat, Sie veranstalten den Journalistinnenkongress bereits seit 1998, Ihr Engagement für Frauen reicht jedoch noch viel weiter zurück. Was war ausschlag­gebend für Ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen?
Maria Rauch-Kallat: Das war einerseits die Frauenbewegung, die nach ’68 entstanden ist, und andererseits auch eigene Erfahrungen. Ich habe außerdem eine Tochter, die im Alter von vier Jahren erblindet ist, und habe relativ bald festgestellt, dass die Diskriminierung gegenüber Frauen sehr ähnlich der Diskriminierung gegenüber behinderten Menschen ist. Das hat mir einen zusätzlichen Ansporn gegeben. Und schließlich war es die eigene Emanzipation aus den Rollenmustern, in denen ich noch erzogen worden bin.

medianet:
Sie selbst haben einen unternehmerischen beziehungsweise politischen Hintergrund. Was hat dann den Anstoß gegeben, einen Kongress konkret für Journalistinnen ins Leben zu rufen?
Rauch-Kallat: Ich habe zusammen mit Maria Schaumayer, der weltweit ersten Notenbankpräsidentin, ein Konzept für ihre Stiftung entwickelt. In diesem Zusammenhang haben wir Diskussionsrunden mit Frauen in Führungspositionen organisiert, die immer aus je einer Branche kamen, also zum Beispiel 15 Ärztinnen, 15 Juristinnen und eben einmal auch 15 Journalistinnen. Aus dieser Runde ist in weiterer Folge die Idee eines Journalistinnenkongresses entstanden, den wir dann 1998 zum ersten Mal durchgeführt haben. Sie müssen sich vorstellen: Damals hatten wir keine einzige Frau in einer renommierten Tageszeitung, die dort wenigstens Ressortleiterin gewesen wäre – von einer Chefredakteurin ganz zu schweigen. Aber aus dem ersten Kongress sind Netzwerke entstanden, unter anderem das Standard-Netzwerk, wo im Jahr darauf die erste Abteilungsleiterin ins Wirtschaftsressort berufen wurde.

medianet:
1999 hatte also erstmals eine Frau eine Leitungsposition bei einem großen österreichischen Medium inne. Was waren seither die größten Erfolge für Sie und die Frauen im Journalismus?
Rauch-Kallat: Ich habe 2012 den Beirat des Journalistinnenkongresses ins Leben gerufen, in dem nicht nur Chefredakteurinnen, Herausgeberinnen und ihre Stellvertreterinnen vertreten sind, sondern auch Geschäftsführerinnen von Medienunternehmen. Dieser Beirat umfasst mittlerweile 25 Frauen, und es ist eine große Errungenschaft für mich, dass er über all die Jahre stetig angewachsen ist. Aber natürlich sind es immer noch viel zu wenige.

medianet:
Wo sehen Sie denn noch den größten Aufholbedarf für Frauen in den Medien?
Rauch-Kallat: Genau hier, in den Führungs- und Entscheidungspositionen. Frauen können erst dann verändern, wenn sie eine gewisse ‚kritische Masse' erreicht haben. Es ist aber nach wie vor so, dass die Positionen, in denen entschieden wird, wo es langgeht, von Männern bekleidet werden. Nachholbedarf gibt es aber auch noch in der Bewusstseinsbildung der Frauen selbst. Frauen bewerben sich viel seltener für Führungs­positionen und sind zögerlicher, wenn ihnen eine Position angeboten wird. Ich sage den Frauen immer, sie sollen nicht warten, bis der Prinz sie findet, sie sollen sich den Prinzen selbst suchen. Und wenn der Prinz die Stelle ist, müssen sie nach ihm Ausschau halten und nicht warten, bis er vorbeikommt. Es gibt viel mehr Frösche als Prinzen …

medianet:
Was haben Corona und die damit einhergehenden veränderten Lebensumstände in den vergangenen Monaten für oder gegen die Frauen gemacht?
Rauch-Kallat: Ich möchte hier nicht generalisieren, aber Frauen waren in der Coronazeit, denke ich, weitaus mehr gefordert als die meisten Männer. Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut zu bringen und dann auch noch die ganze Familie bei Laune zu halten, war sicher ein großes Problem. Außerdem ist aufgefallen, dass wieder Männer die öffentliche Kommunikation bestimmt haben. Es gibt genügend Virologinnen, dennoch haben nur die Männer gesprochen. Diese Dinge passieren nebenbei, man muss sie immer wieder ins Bewusstsein der gesamten Öffentlichkeit holen – in das der Männer wie auch der Frauen.

medianet:
Liegt es an den Frauen, hier Erklärarbeit zu leisten?
Rauch-Kallat: Nein, das sollen schon die Männer auch tun. Aber natürlich liegt es an den Frauen, sich zu wehren und zu sagen ‚Jetzt ist einmal Schluss'. Und auch Hilfe einzufordern. Frauen tun sich immer viel schwerer mit dem Einfordern ihrer Rechte, weil sie anders erzogen werden. In meiner Generation war der Unterschied natürlich noch viel gravierender als heute. In meiner Jugend war einer der beliebtesten Sprüche im Stammbuch: ‚Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein. Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.' Aber die Unterschiede in der Erziehung bestehen auch heute noch.

medianet:
Wir haben uns gefragt, warum eigentlich so wenige Männer beim Journalistinnenkongress sind …
Rauch-Kallat: Wir haben es nicht sehr vorangetrieben, dass Männer teilnehmen, wir haben es aber auch nicht verhindert. Es gibt immer wieder einmal männliche Referenten und irgendwann wird es sich mehr durchmischen, aber ich glaube, die Zeit ist noch nicht ganz reif dafür.


medianet: Auch im Hinblick auf die Gäste?
Rauch-Kallat: Für männliche Gäste ist der Kongress natürlich offen und ich bin auch sehr dafür, dass mehr Männer ihn besuchen. Aber ich glaube, die Sehnsucht der Männer hält sich in Grenzen. Die fürchten sich ja auch vor 300 so starken Frauen auf einem Fleck (lacht). Ich könnte mir aber vorstellen, dass durch das Streaming heuer mehr Männer teilnehmen werden, weil die Schwelle dadurch niedriger ist.

medianet:
Zum Abschluss noch die bei diesem Thema quasi obligatorische Frage nach einer verpflichtenden Frauenquote in Führungspositionen. Sind Sie dafür oder dagegen?
Rauch-Kallat: Ich bin seit mehr als 30 Jahren für eine ver­pflichtende Quote. Und zwar mit Sanktionen, natürlich nur dort, wo es verfassungsrechtlich möglich ist, was zwar nicht elegant ist, die Quote wirkt aber nur dann. Das hat sich x-Mal ­gezeigt in den letzten Jahrzehnten.

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