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„Nichts ist spannender als die Wirklichkeit” © Claus Muhr
© Claus Muhr

Chris Radda und Georg Sander 26.04.2019

„Nichts ist spannender als die Wirklichkeit”

Filmemacher und Fotograf Claus Muhr ist Zeit seines Lebens Risiken eingegangen. Heute dreht er Dokus und Werbefilme; er initiierte auch das Film Forum Linz.

••• Von Chris Radda und Georg Sander

Im Jahr 1959 erblickte Claus Muhr in Linz das Licht der Welt und wuchs in Wels auf. Eine Zeit, die lange zurückzuliegen scheint. „Das ganze Brimborium der Filmproduktion ist durch das Internet obsolet geworden”, sagt er über die Generation der Digital Natives, die immer mehr in die Produktionsstätten eindringt. „Da gibt es keine große Vorbereitung und Präsentationen. Die Kids erzählen in fünf Bildern eine Geschichte.” Eine sehr positive Entwicklung, wie er meint. Die Jungen hätten die Alten angetrieben. „Das ist schnell, frisch und anders – aber nicht unbedingt schlampig oder schlecht”, erklärt er im Gespräch mit medianet.

Rückblende, vielleicht dramaturgisch gar in schwarz-weiß: Nach der sechsten Klasse Gymnasium in Wels brach Claus Muhr die Schule ab und ging nach Linz, um Fotograf zu werden. Beinahe zufällig heuerte er als Lehrling bei Sepp Schaffler an, einem „der besten Werbefotografen in Linz und Umgebung. Nach zwei Jahren habe ich mich besser am Gelände der voestalpine ausgekannt als in der Stadt, weil wir sehr viel Industriefotografie gemacht haben.” Die Werbefotografie spielte eine große Rolle, Muhr fotografierte für Quelle beispielsweise Waschmaschinen. Wer das beherrsche, könne im Grunde eigentlich (fast) alles.

Autodidakt

1979 kam Muhr – wieder durch Zufall – als Fotograf zur Kronen Zeitung. Das Filmen lernte er quasi nebenher, schon in der Jugend: „An vielen Urlaubstagen während der Lehrzeit durfte ich beim bekannten Kameramann Hermann Jamek, dem Gründer der WDW-Film in Klagenfurt, als Volontär arbeiten.” Richtig los ging es dann Ende der 80er, als Claus Muhr mit seinem Lehrmeister der Sportfotografie, Rudi Brandstätter, 1988 zunächst die C + R-Bild gründete. „Gleichzeitig hatten wir einen Vertrag mit dem ORF, der mit 2. Mai 1988 mit dem Regionalfernsehen begonnen hat”, erinnert er sich. Mit Anfang Jänner 1990, nach einer freundschaftlichen Trennung von Brandstätter, machte sich Muhr allein selbstständig und legte los.

„Mein erster großer Job war 1992 in Afghanistan für das Jugendmagazin X Large-Reportage”, erzählt er über die 16 Tage im kriegsgebeutelten Kabul. „Für diese und andere Sendungen der ORF-Jugendredaktion drehte ich in Südafrika, Vietnam, Russland, Ukraine, Polen, Tschechien, Serbien oder Bosnien.” Der Schritt in die Selbstständigkeit war geglückt, seit 30 Jahren funktioniert es für Muhr super. In den 1990ern konnte durchgestartet werden, „Heimat” war eine 45-minütige Sendereihe mit prominenten Moderatoren und später dann mit dem legendären Horst Friedrich Mayer. Bei fast jeder Fernsehdokumentation, die Elisabeth Scharang gestaltete, war ich an der Kamera.” 2000 startete die Zusammenarbeit mit Satel Film, das Format hieß „Aufgegabelt in Österreich”. Der Kulinarik blieb Muhr treu. Seit 2008 und bis heute dreht er die Nachfolgesendung „Aufgetischt”, eine kulturelle und kulinarische Reise durch Österreich.

Heute

Das Hier und Jetzt ist gänzlich anders. Muhr dreht auch Werbefilme, etwa für die Grüne Erde, für Elin-EBG und andere. Über allem steht für den Regisseur und Kameramann in Personalunion dabei die Geschichte: „Wir sind klassische Dokumentaristen, und Dokumentation kann Sinn machen im Fernsehen, im Kino und auch in der Werbung. Es gibt nichts Spannenderes als die Wirklichkeit. Es gibt aber einen Bedarf an Geschichten, die der Wirklichkeit entsprechen, und diese zu erzählen. Film und Video wird sich immer mehr vom Kaufen wegentwickeln, hin zur Geschichte, die spannend sein soll.”

Man mache auch Imagefilme, aber das sei schwierig. „Ich rede Firmen immer öfters den klassischen Imagefilm aus”, erklärt er. „Auch in zwei Minuten ist es nicht spannender als in fünf, dass man der Beste und Größte ist. Man muss zeigen, dass man anders ist. Das muss wie eine journalistische Fernsehgeschichte erzählt werden. Authentizität heißt Glaubwürdigkeit.” Die käme manchmal abhanden: „Das Problem ist, dass den Kunden das eigene Geschäftsfeld zu selbstverständlich ist. Jeder sagt, er ist der Beste.” Hier müsse angesetzt werden und eine Geschichte erzählt werden, die er als Mensch „von außen” eben auch mit der langjährigen Erfahrung unter Umständen besser sehe als das Unternehmen.

Nachwuchs

Der Nachwuchs liegt dem Erfahrenen am Herzen. Die neue Zeit mit den Digital Natives, die die Alten antreiben und sie besser machen, taugt dem Oberösterreicher. Darum initiierte er, der seit 2005 gewählter Branchensprecher der Film- und Musikschaffenden Oberösterreichs ist, das Film Forum Linz. „2007 haben wir das Film Forum Linz als Wettbewerb der neuen Art aus dem Boden gestampft. Für Wirtschafts- und Werbefilme ist es das einzige”, sagt Muhr. Beim Staatspreis gebe es nur eine Kategorie, beim im Herbst zum achten Mal stattfindenden Wettbewerb gibt es sechs Kategorien, davon eine für den Nachwuchs. Die Nominierungen werden in voller Länge gezeigt, so sieht nicht nur die Expertenjury, was es gibt, denn „ich muss meine Hand ins Feuer legen, dass der Bewerb vielfältig und fair ist”.

Was die Zukunft bringen wird

Diese Hingabe betrifft auch die Arbeitsverhältnisse: Als Interessensvertreter will er das Beste für seine Branche, die im Grunde sehr atypische Beschäftigungsverhältnisse vorsieht. „Man ist nicht einfach selbstständig oder unselbstständig”, meint er und weiß, dass es eben darum geht, das Beste für alle rauszuholen. Hier gebe es eben Unterschiede zwischen den Jungen und den Alten. Er bekäme schließlich schon Tantiemen, die Jungen noch nicht und man müsse sich „darum kümmern, welche Rechte wir gewahrt haben wollen”.

Noch einmal zurück zur Arbeit selbst, die heute ganz anders ist, als in der Zeit, als der junge Claus Muhr von Wels nach Linz kam: „Es ist egal, mit welchen Mitteln man Geschichten erzählt. Die Geschichte muss gut sein. Wenn man wen findet, der eine Geschichte erzählen will, hat man eine Arbeit. Wie das in Zukunft aussieht, weiß ich nicht.” Das werden wir alle wohl erst dann wissen, wenn die Zukunft eingetreten ist …

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