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Renaissance der Zahlenmystik
Redaktion 27.03.2020

Renaissance der Zahlenmystik

Die mathematische Modellierung der Corona-Fieberkurven hat auch ihre Tücken.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

 

GLOCKENKURVENLÄUTEN. Zahlenmystik: „Im Gegensatz zum mathematischen Zahlenverständnis, bei dem Zahlen rein formale Funktionen haben, weist die Zahlenmystik bestimmten Zahlen darüber hinausgehende Bedeutungen zu.” Oder von der erstbesten Esoterikseite: „Jede Zahl zeigt eine bestimmte Qualität und besitzt eine bestimmte Schwingung. Diese wirken auf die Umgebung und beeinflussen so unser tägliches Leben (…).”

Schräg. Aber ganz daneben ist diese Definition auch nicht. Dass Zahlen eine gewisse „Wirkung auf die Umgebung” ausüben, ist zum jetzigen Zeitpunkt tadellos nachvollziehbar, verfolgt die Welt doch gebannt die täglich aktualisierten Diagramme – Corona und das Mysterium des exponentiellen Wachstums.
Sie kennen die Geschichte vom Schachspiel und den Reiskörnern? Ein Reiskorn auf das erste Feld, zwei auf das zweite, vier auf das dritte, 9 Trillionen auf das letzte.
Seit einigen Wochen versuchen die Infografiker in Österreichs Redaktionen, diesen exponentiellen Fluch anschaulich darzustellen. Die Stippvisite bei der Corona-Party ist das Reiskorn auf dem ersten Feld; im Idealfall einer topfitten sonstigen Gästeschar.

Mehr Äpfel, mehr Birnen?

Ist diese Botschaft erst einmal flächendeckend gesickert, tut sich der nächste Abgrund auf: Auch der akribischste Datensammler vergleicht zum jetzigen Zeitpunkt Äpfel mit Birnen. Mehr Tests, mehr Infektionen – schon ist ein Hacker in der Kurve, für deren Verflachen sich das ganze Land in nicht-so-splendid isolation begeben hat.

Die Epidemie erreicht ihren Höhepunkt, wenn die Anzahl der neuen Ansteckungen der Zahl der Genesungen entspricht, sagen kluge Leute. Dann klingt sie ab. Und: Flatten the curve!


(Anm.: In der Mathematik gibt es ­tatsächlich ein „Corona-Theorem” als Satz aus der Funktionentheorie. Mit Viren hat es allerdings ­garantiert nichts am Hut.)

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