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Wer weiß wirklich, was wir wollen?
sabine bretschneider 01.02.2019

Wer weiß wirklich, was wir wollen?

Der Mensch ist nur in wirtschaftswissenschaftlich bereinigter Struktur einfach zu verstehen.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

EVOLUTIONÄR. „Studien von Anthropologen legen nahe, dass Märkte prosoziales Verhalten fördern”, twitterte kürzlich Standard-Journalist Andreas Sator. „Sie machen uns evolutionskulturell also nicht egoistisch, sondern sorgen dafür, dass wir mehr auf andere Menschen achten.” Dabei stützt er sich auf Überlegungen des Anthropologen Joseph Henrich. Prosoziales ­Verhalten im Homo oeconomicus-Modell steht also zur Debatte. Darüber könnte man jetzt diskutieren. Denn: Ist der Homo oeconomicus nicht ein streng rationaler Eigennutzenmaximierer, dem prosoziales Verhalten nur „unterläuft”, wenn es sich als Kollateralschaden ergibt?

Manche irren

Aber: Könnte es nicht auch sein, dass unser Wirtschaftssystem und insbesondere dessen gängigste Theorien auf einer von vornherein falsch definierten Annahme menschlichen Verhaltens aufbauen, und es diesen Homo oeconomicus gar nicht gibt? Diese These vertritt unter anderen Tania Singer, Neurowissenschaftlerin und Psychologin. Wir sind, so meint sie, in Wahrheit viel komplexer, widersprüchlicher und wandelbarer als der „rationale Agent” ökonomischer Modelle. Und: Könnte es nicht auch sein, dass der „Erwartungsnutzenmaximierer” gemäß seiner Evolution aus dem seit 300.000 Jahren eher auf das Gedeihen in Kleingruppen sozialisierten Homo Sapiens sehr gut weiß, dass auch der Egoist nur mittels Kooperation gewinnt?

Langer Einleitung kurzer Schluss: Wie auch immer man es betrachtet – in Sachen wirtschaftlicher Prosperität hatten wir sowohl in Österreich wie auch in den meisten anderen Ländern der Europäischen Union schon schlechtere Zeiten. Sicherheit, Stabilität und eine konjunkturelle Bergauf-Kurve scheinen aber nicht auszureichen. All diese Faktoren bedienen offenbar nicht unser Lustzentrum. Denn wie könnte es sonst sein, dass so aggressiv wie nie zuvor an den Grundfesten der europäischen ­Kooperation gesägt wird. Braucht, wer mehr Brot hat, auch mehr Spiele?

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