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Kräftige Lebenszeichen aus der Filmwirtschaft © Vienna Film Commission

… und Cut! Filmemacher lieben Wien. Allein die Wiener Friedhöfe haben im Vorjahr 90 Drehbewilligungen erteilt (Bild: Dreharbeiten zu „M – Eine Stadt sucht einen Mörder” am Zentralfriedhof).

© Vienna Film Commission

… und Cut! Filmemacher lieben Wien. Allein die Wiener Friedhöfe haben im Vorjahr 90 Drehbewilligungen erteilt (Bild: Dreharbeiten zu „M – Eine Stadt sucht einen Mörder” am Zentralfriedhof).

Redaktion 27.09.2019

Kräftige Lebenszeichen aus der Filmwirtschaft

Was muss passieren, damit eine gedeihliche Koexistenz mit Netflix & Co möglich ist? Eine Expertendiskussion.

Geändertes Zuseherverhalten, Online-Plattformen, ­Binge-Watching von Highend-Serien auf Netflix, Amazon und bald auch auf Disney- und Apple-Plattformen. All das krempelt die Filmproduktionswirtschaft ordentlich um. Positiver Effekt: Es wird mehr filmischer Content denn je nachgefragt und gesehen. Aber: Spüren das auch die österreichischen Produzenten auf ihren Märkten? Wie geht es der Filmbranche, was erwartet sie sich von einer neuen Bundesregierung – und wo sieht sie die Herausforderungen in einem Medienumfeld „in motion”?

medianet diskutierte diese Fragen mit Alexander Glehr (Film-AG, Präsident Verband aafp), Helmut Grasser (Allegro, Präsident Film Austria), Danny Krausz (Dor-Film, Obmann Fachverband der Film- und Musikwirtschaft), Nils Klingohr (Interspot) und Andreas Kamm, (MR-Film).


medianet: Österreich gilt seit Jahren in der internationalen Kinolandschaft als kleines, aber überaus feines ‚Filmwunderland'. In Österreich selbst wird das oft gar nicht so wahrgenommen. Wie wirkt sich das auf die ökonomische Situation der Produzenten aus? Fahren alle Anwesenden bereits den teuersten Tesla?
Danny Krausz: Um den Vergleich aufzugreifen – von der kulturellen Wertigkeit her sind wir Tesla, ökonomisch sehr oft aber leider eher E-Roller! Es gibt zwei wesentliche Parameter in der Entwicklung und Produktion von Filmen und das ist in ganz Europa so – einerseits die wesentliche Rolle der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, andererseits ein konkurrenzfähiges Fördersystem. Beides zusammen und natürlich Kreativität und Know-how der am Film Beteiligten – dieser Mix macht es aus.

Unsere Nachbarländer haben sich dafür zum Teil mit innovativen Fördermodellen – Stichwort: Steuermodell – Planungssicherheit in der Produktion und einer Attraktivierung des Standorts gesichert, und da hinken wir einfach nach, weil trotz positiver Signale der Politik seit Jahren nichts mehr geschehen ist.


medianet:
Über Film zu reden, geht wohl nicht, ohne über die Fördersituation zu reden. Österreich steht in der Filmförderung des Bundes rund 40 Mio. Euro zur Verfügung. Ist das nicht eine schöne Basis für die österreichischen Filmschaffenden?
Krausz: Selbst in Deutschland gab es vor Kurzem im Zusammenhang mit den Deckungsbeiträgen die Klage der deutschen Filmproduzenten, dass man aus Erlösen von Kinofilmen nicht mehr leben kann. Also selbst in einem zehn Mal so großen Markt wie in Österreich geht der Wandel der Verwertungsketten nicht konsequenzlos voran.

Auf unsere Initiative hin wurden hier jüngst die Rahmenbedingungen im Österreichischen Filminstitut verbessert und angepasst. Trotzdem: Seit fast einer Dekade wurden die Fördersummen nicht erhöht und gleichzeitig die Förderung mit immer mehr strukturellen Aufgaben belastet. Im ÖFI – unserem wichtigsten Partner beim Kinofilm – steht gerade einmal etwas über die Hälfte ihres Budgets für die Herstellung von Filmen zur Verfügung, der Rest geht schon in andere Bereiche.
Bei unserem größten Koproduktionspartnerland Deutschland wurde mit dem German Motion Pictures Fund, der Anhebung des Deutschen Filmförderfonds und der deutlichen Steigerung des BKM (Bundesregierung für Kultur und Medien) zig Millionen in die Hand genommen, um den Filmproduktionsstandort attraktiv zu halten. Die Schieflage Österreichs im Vergleich ist unübersehbar.

Alexander Glehr: Von Steuermodellen in anderen Ländern, vor allem rund um Österreich, gar nicht zu reden. Das ‚Filmwunderland' ist ja kein Selbstläufer …
Helmut Grasser: Rund 40 bis 50 Filme mit österreichischem Ursprungszeugnis kommen pro Jahr in die österreichischen Kinos. Es ist kein Wunder, dass der Zuseher gar nicht mehr die Gelegenheit hat, das gesamte Filmangebot zu sichten. Dazu kommt der Run auf die Gunst des Konsumenten durch Games und Medienangebote im Internet. Da tut sich ein ungeheurer Flaschenhals auf, der gerade dem österreichischen Film erschwert, beim Kinogeher anzukommen. Zusätzlich hat der österreichische Film ohnehin eine Kunstlastigkeit, die ihn manchmal schwer vermarktbar macht.
Andreas Kamm: So sehr der österreichische Film international künstlerisch erfolgreich ist, müssen wir auch die ‚Hürde' des internationalen kommerziellen Erfolgs schaffen. Dazu braucht es zumindest mit Deutschland vergleichbare Film- und Marketing-Budgets. Wir müssen aus dem österreichischen ‚Klein-klein' heraus, was ohne das in Europa sonst übliche Steueranreizmodell nicht funktionieren kann.

medianet:
Stichwort ‚Ö-Topstars' Michael Haneke, Ulrich Seidl …
Grasser: Festivalerfolge und Auslandsoscars sind sicher gut fürs Renommee des Filmlands, keine Frage. Und da hat die Filmförderung seit ihrem Bestehen die Basis geschaffen. Aber wir brauchen auch marktgängiges Kino für die Masse der Kino­besucher. Und die Verteilung von immer weniger Fördergeld auf immer mehr Filme trägt nicht zur Attraktivierung von Filmen bei, die einfach eine gewisse Laufzeit benötigen, um beim Zuseher anzukommen.

medianet:
Netflix und internationale Partner beleben den Markt; hochwertige und hochpreisige Fernsehserien und horizontales Erzählen sind der Film-Modetrend der Saison. Steht die Filmproduktionswirtschaft vor den Toren der neuen Anbieter, um ihre Formate dort anzubieten?
Grasser: Natürlich ist dies eine riesige Chance. Dass wir Geschichten erzählen können, beweisen wir ja täglich im Kino und vor allem in der TV-Fiktion. Man muss aber auch sehen, dass es sich hier um Budgetsummen handelt, wo wir aufgrund unserer Förderstruktur schon schwer mitspielen können. Schon eine einzige Folge von ‚Das Boot' kostet rund vier Mio. Euro und unsere ganze Fernsehfilmförderung hat gerade einmal 13,5 Mio. Euro brutto und steht in Wahrheit nach dem zweiten Call auf Null.
Nils Klingohr: Genau! Das Publikum ist inzwischen – auch durch den Markteintritt von Netflix & Co – hochwertige internationale Fernsehserien gewohnt und einen Look, den es früher nur im Blockbuster-Kino gab. Die daraus resultierende hohe Erwartungshaltung des Publikums bedingt dementsprechend hohe Budgets, die aber allein aus dem kleinen österreichischen Markt heraus nicht zu finanzieren sind.

Außerdem bedingt der hohe soziale Standard, den sich Österreich erarbeitet hat, entsprechend hohe Kosten speziell beim Faktor Arbeit: Wir sind beim Film ‚Hochpreisland'.

Glehr: Umso wichtiger ist es, dass wir auf der Landkarte der Netflixe auch wahrgenommen werden. Ohne attraktive Rahmenbedingungen wird das nicht gehen. Wir müssen die Lücke füllen, dass es in Österreich im Moment keine Fördereinrichtung gibt, die für jene Projekte, die mit den berühmten neuen Anbietern geplant werden, ansprechbar wäre. Warum wir die Lösung im Steueranreizsystem sehen, ist vor allem die Tatsache, dass das die notwendige Flexibilität auch für die Veränderungen und Anforderungen, die noch auf uns zukommen werden, bieten kann.
Kamm: In Österreich wurden seit der Einrichtung des Fernsehfonds Austria international sehr erfolgreich TV-Premium-Event-Produktionen in höchster internationaler Qualität gedreht. Hier gibt es die Regisseure, hochqualifizierte Teams, die Darsteller, die Locations und die Stories.

Das Maximum an Screen-Value für ein Minimum an Kosten ist ein aus den Umständen geborenes österreichisches Markenzeichen. Ich rede hier beispielsweise von internationalen Erfolgen wie ‚Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe' und aktuellen Produktionen wie ‚Freud' mit Netflix-Beteiligung oder ‚Vienna Blood' mit BBC und Red Arrows.
Aber für internationale Produktionen muss man aus dem eigenen Markt Geld mitbringen, um als Hochlohn- und Hochpreisland attraktiv zu sein. Der Fernsehfonds Austria war hier sicher bisher der Trigger. Mittlerweile haben aber fast alle europäischen Länder nachgezogen und den Einsatz erhöht.
Wir brauchen daher einen massiv in österreichische Highquality-Fiktion investierenden ORF, die in allen bisherigen Regierungsprogrammen vorgesehene Valorisierung des Fernsehfonds Austria endlich auch umgesetzt – und das bereits im ‚Vor-Ibiza-Ministerrat' abgesegnete und in der EU übliche Steueranreizmodell.


medianet:
Nun zum ORF als wohl wichtigstem Partner und Auftraggeber der Filmwirtschaft. Der ORF hat mit euch eine Vereinbarung über eine drei Jahre festgelegte Investitionssumme geschlossen. Ist damit die Fernsehproduktion mit dem ORF gesichert?
Kamm: Ich behaupte, der ORF ist für sein Publikum das österreichische Programm – und das ist die Existenzberechtigung des ORF. Mein These ist weiters, dass Österreich sowohl für seine Identität als auch wirtschaftlich ein starkes und nachgefragtes Leitmedium benötigt. Der ORF ist einzig und kann – solange ausreichend finanziert – auch einzig dieses Leitmedium sein.

News finden statt, und jeder kann sie abfilmen und aktuell online stellen, Sport ist unberechenbar und geht an den Meistbietenden. Was bleibt, extrem nachgefragt und verlässlich ist, sind österreichische Serien, Filme und Dokus. Diese Einsicht teilen wir mit der Geschäftsführung des ORF.
Was wir aber nicht teilen, ist, als Filmwirtschaft in den ORF-Finanzen die maßgebliche Variable zu sein und als wichtigstes Druckmittel gegenüber einer so gern ORF-populistischen Politik ‚benutzt' zu werden.

Krausz: Gleichzeitig muss man den ORF aber auch wettbewerbsfähig halten. Ihn im Verhältnis zu den Privatsendern und den neuen Medienanbietern ausschließlich auf klassisches Fernsehen zu beschränken, wird man rasch ändern müssen – auch der ORF wird ein modernes Medium mit einem zeitunabhängigen, internetbasierten Programm sein müssen, um wettbewerbsfähig zu sein – das gehört auch zum öffentlichen Auftrag. Und nur so werden auch jüngere Publikums­schichten wieder zu gewinnen sein.
Klingohr: Produzenten und ORF teilen das gemeinsame Interesse an hochwertigem Programm und wir erleben in der täglichen Zusammenarbeit Professionalität und Engagement von beiden Seiten. Die von den Kollegen zuvor erwähnten Rahmenbedingungen gelten für uns alle! Es wird unsere gemeinsame Anstrengung benötigen, um die TV-Filmwirtschaft nachhaltig abzusichern.
Grasser: Unseren deutschen Nachbarn ist es wenigstens gelungen, verlässliche Terms of Trade mit den deutschen Öffentlich-rechtlichen abzuschließen. Das würden wir uns für ­Österreich schon auch wünschen.

medianet:
Noch eine Frage zur EU-Politik: Mit den audiovisuellen Mediendienstrichtlinien und dem neuen EU-Urheberrecht werden wesentliche Bereiche geregelt, die wohl primär die Filmwirtschaft betreffen. Was erwartet ihr euch davon?
Krausz: Dem Fachverband ist es zusammen mit den EU-Verbänden im EU-Urheberrechtspackage letztlich gelungen, eine insgesamt vernünftige Lösung durchzubringen. Wenn uns auch nicht alles gefällt, gibt es doch auch gute Ansätze. Die Haftung für Plattformen wie YouTube bei Urheberrechtsverletzungen ist uns ganz wichtig.
Glehr: YouTube ist für uns keine Verwertungsform für Kino- und Fernsehfilme; dennoch wird unter diesem Schlagwort der Rechtsraum, in dem wir uns in Zukunft digital bewegen werden, definiert. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die wir für unser Nutzerverhalten im digitalen Raum erarbeiten, werden eine ähnliche Bedeutung bekommen, wie es die Einführung des Urheberrechts nach Erfindung des Buchdrucks hatte.

Dass die Internetgiganten nun selbst dafür sorgen müssen, dass Filme entweder lizenziert werden oder eben nicht online gehen, ist ein entscheidender Schritt auf diesem Weg.

Grasser: Netflix und Amazon sind inzwischen gute Partner in der Verwertungskette geworden, und wir schauen mit großem Interesse auf diese Märkte, die sicher die Zukunft sind. Dafür ist es aber ganz besonders ­wichtig, Piraterie und unlizenzierte ­Inhalte vom Markt fernzuhalten.
Krausz: Beim neuen Urhebervertragsrecht wird man wohl darauf achten müssen, dass kein neues Administrationsmonster wie bei der Datenschutzgrundverordnung entsteht.

medianet:
Und am Schluss die Weihnachtswunsch-Frage: Wünsche an die neue Regierung – jeder einen Satz, bitte:
Kamm: Gebt uns die Chance, Österreich national und international darzustellen. Das heißt: ein starkes Leitmedium, wirtschaftliche Chancengleichheit als Hochpreis-Land innerhalb der EU und damit eine nicht transferierbare Arbeitsplatz-/Export-/Wohlstandschance. Und dazu ein Steueranreiz-Modell, die Valorisierung des Fernsehfonds Austria, einen starken ORF mit mindestens 120 Mio. Euro für österreichische Filme, Serien, Dokus, Shows … Sorry, das war jetzt länger!
Krausz: Absolut – und wenn das kommt, können wir in Folge Planungssicherheit für Kino- und Fernsehfilmproduktionen durch Anpassung der Förderungen, Kalkulationsrealismus beim ORF und innovative steuerinduzierte Modelle erzielen.
Glehr: Ganz klar – ein Steuermodell nach dem belgischen Vorbild als wesentliches Asset für Filmfinanzierung als für den Staat kostenneutraler, innovativer und flexibler Wirtschafts- und Kulturmotor.
Grasser: Eine nachhaltige budgetäre Ausstattung, um hochwertiges Kino- und Fernsehprogramm attraktiv für den Markt entwickeln zu können.
Klingohr: Der TV-, Medien- und Produktionsmarkt unterliegt einer hohen Dynamik, wie wir alle in den letzten Jahren durch das rasante Wachstum internationaler Player gesehen haben. Wir wünschen uns daher einen sensiblen Umgang der Politik mit diesem Markt, der gänzlich ­anders tickt als andere Branchen.

Moderiert wurde das Gespräch von Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbandes Film- und Musikwirtschaft (FAMA, Film and Music Austria). (sb)

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