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Über das 	Ende der Geografie © Panthermedia.net/Rorem
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13.11.2015

Über das Ende der Geografie

Unsere Vorstellungen von Städten und Stadtgrenzen werden sich im Zuge der Digitalisierung vollständig verändern.

••• Von Sven Gabor Janszky

Investitionen in die digitale Entwicklung der Städte sind die wichtigste Wirtschaftsförderung der Zukunft. Die Stadt der Zukunft profitiert dabei – so scheint es – von ihrer schieren Größe: Die Dichte von Nutzern, Kunden, Anbietern, Produkten bildet den großen Stadtortvorteil der Städte von morgen. Dies ermöglicht Lösungen der vernetzten Mobilität, die unter anderem den CO2-Ausstoß von Metropolen senken. Sie ermöglicht die Entwicklung von Technologien, um umfassende Re-Nutzungszyklen zu organisieren, heutiger Müll wird zu Rohstoff.Sie ermöglicht den Einsatz neuer Technologien in der Architektur und führt damit zu Gebäuden, die Substanz und Aussehen auf Dauer flexibel verändern können.

Das Problem dabei: Europäische Städte sind nicht sonderlich groß. Moskau, Greater London – im globalen Maßstab betrachtet, kann Europa keine fünf ernstzunehmenden Metropolen aufweisen. In Deutschland leben kaum 10% der Bevölkerung in Millionenstädten. Die typische deutsche Großstadt ist viel zu klein, um selbst eigene Lösungen für die smarte digitale Stadt entwickeln zu können. Sie ist auch aus Sicht der großen IT-Anbieter zu klein, um als Markt attraktiv zu sein. Werden die kleineren und mittleren Städte so von Digitalisierung und Vernetzung abgekoppelt? Nein, sie wird anders Gestalt annehmen.

Das Ende der Geografie

Die Lösung, so auch einer der Kerngedanken des eben über die Bühne gegangenen Urban Tech Manifestos, liegt in der Kooperation: Städte werden sich zusammenschließen und gemeinsame Märkte bilden. Dabei spielt die räumliche Nähe kaum eine Rolle. Ob sich Helsinki besser mit Kopenhagen oder Riga verknüpft, ist keine Frage der Kilometer, sondern der gemeinsamen Interessen, der ähnlichen Alltagsfragen und vor allem der Nutzung eines gemeinsamen Standards bei offenen Schnittstellen zu den Daten der Stadt. Das Verblüffende: Diese vermeintlich künftigen Netzwerke der digitalen Stadt der Zukunft existieren längst. Der Bankmanager aus dem Frankfurter Westend ist der Bankenstadt London ohnehin nah, jedenfalls näher als der Kurstadt Wiesbaden. Der Berliner Start-up-Gründer ist dem Gründer in Tel Aviv und Lissabon näher als dem Bauunternehmer aus Dresden. Den Bauunternehmer hingegen verbinden zahlreiche Themen mit seinen Branchenkollegen aus Prag und Kassel.

Beim Thema Heimatstadt ist uns dieser Gedanke längst vertraut: Ein Hamburger bleibt am Tor zur Welt, egal wohin es ihn verschlägt. Entsprechend können Start-up-Gründer tagelang um den Globus fliegen und steigen doch in ihrer Stadt wieder aus dem Flugzeug. Andere Koordinaten, selbe Stadt. Die digitalen Städte der Zukunft bilden längst eine gemeinsame vernetzte Metropole. Die gegenteilige Beobachtung stimmt natürlich auch: Ebenso wie etliche Flugstunden entfernt dieselbe Stadt wartet, müssen wir nur die Straße überqueren, um die Stadt zu wechseln. Die Städte der Zukunft bilden gemeinsam ein Netzwerk mit verschiedensten Schichten, unterschiedlich dicht, aber eben doch immer schon verknüpft.
Die Konsequenz: Die Stadt der Zukunft lässt sich nicht mehr sinnvoll in geografischen Kategorien beschreiben. Sie folgt nicht mehr der Logik nebeneinander existierender Kommunen. Die Nähe der Städte lässt sich nicht mehr an der Entfernung in Kilometern ablesen, sondern an der Intensität der Interaktion. Anstatt Städte im Norden, Westen, Süden oder Osten zu unterscheiden, werden wir künftig zwischen der Start-up-City, der Gesundheitsstadt, der Bildungsstadt, der Kulturstadt differenzieren. Die Logik der Layers löst die Logik der Kartografie ab.
Es geht dabei nur vordergründig um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Verbindungen zwischen den Metropolen der Welt sind mehr als ein Gefühl. Ob Tel Aviv in den Ausbau der Breitbandverkabelung investiert oder marode Straßen repariert, hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaftstätigkeit von Start-ups in Berlin und London. Der Erfolg eines Unternehmens ist direkt von Entscheidungen unterschiedlichster Kommunen abhängig. Investition hier – Auswirkungen dort. Allein: Diese Unternehmer sind bislang von jeglicher Partizipation ausgeschlossen. Ebenso läuft die Regelungskompetenz lokaler und regionaler Kommunen ins Leere. Dies ist eine Wurzel, warum all die Kampagnen wieder und wieder ins Leere laufen, die die Bürger an die Urnen bringen sollen: Die wirklich wichtigen Fragen stehen gar nicht zur Wahl. Wer die landauf, landab sinkende Wahlbeteiligung ausschließlich als Ergebnis einer allgemeinen Politikmüdigkeit deutet, übersieht die dahinter liegende, größere Entwicklung: Wahlen verlieren an Relevanz, wenn die aus Sicht der Bürger wichtigen Fragen nicht oder nur eingeschränkt zur Wahl stehen.

Vernetzte Städte – vernetzte Werte

Was für Infrastruktur gilt, trifft auch für die Ebene gemeinsamer Werte zu. Ein Münchner Abiturient, der sich einem internationalen Team einer High-School in Miami anschließt und an einem Projekt zum Leben von Haien und deren Schutz arbeitet – wer würde diesem Schüler die Anerkennung eines solchen Projekts für seine eigene Schulbildung verweigern wollen? Hat er doch Biologie gelernt, Teamarbeit erprobt, die Organisation von Kampagnen erlernt und das Ganze auch noch in Englisch. Allein: Ob die High-School die Evolutionstheorie anerkennt oder abstreitet, wird allein im lokalen kommunalen Gremium beraten und entschieden. Aus – in diesem Fall: Münchner – Sicht auf Bildung eine hochrelevante Frage. Diskussionen über Werte, Entscheidungen über Investitionen, Gesetzgebung: Das Muster kehrt wieder.

In der global vernetzten Stadt sind Unternehmen und Menschen an einen Ort von Entscheidungen an einem anderem Ort direkt abhängig und diejenigen Städte sind im Vorteil, die ihre Bürger ortsübergreifend in die Entwicklung der Stadt einbinden können.

Vernetzung: die künftige Standortpolitik

So führt die Digitalisierung der Städte direkt zu der Frage nach der digitalen Partizipation. Wichtigster Treiber ist eine nüchterne Abwägung: Welche Stadt wird die eigene Wirtschaft besser fördern können? Welche Stadt wird zu besseren Entscheidungen kommen? Es ist jene Stadt, die es schafft, die Unternehmen und Menschen, die in der globalen digitalen Metropole eine Verbindung untereinander haben, wirtschaftlich, technologisch, innovativ und auf Werteebene mit ihr zu ­vernetzen. Vernetzung ist die Standortpolitik der Zukunft! Um Missverständnisse auszuschließen: Der Ausbau einer leistungsfähigen Netzinfrastruktur ist selbstverständliche ­Voraussetzung aller Zukunftsfähigkeit; sie ist nicht zu debattieren, sondern schnell umzusetzen und dauerhaft zu sichern.

Die Vernetzung, die über die Zukunftsfähigkeit der Städte entscheidet, ist aber keine aus Kupfer und Glasfaser. Entsprechend benötigt eine Kommune auch kein Amt für „Digitalisierung, Breitband und Vermessung” , wie es dies mancherorts gibt. Die Vernetzung der Städte ist Beziehungspflege und Kommunikation. Je eher Städte ihren Bürgermeister als ersten Relation Manager begreifen und ihn entsprechend ausstatten, desto mehr Vorteile werden sie realisieren können. Der in diesem Sinne digitale Bürgermeister löst das Freiheitsversprechen adaptiver Städte der Zukunft ein. Die Intensität und Qualität der internationalen Vernetzung bildet die Grundlage für die Entwicklung der Städte und entscheidet über die Attraktivität und Strahlkraft des Lebens- und Wirtschaftsorts.

Digitale Partizipation – Digital Citizens

Ganz nebenbei wird damit die Logik von Wahlbeteiligung umgekehrt, das Wahlrecht vom Kopf auf die Füße gestellt: In der globalen Metropole wird kein Bezirksamt mehr darüber entscheiden können, wer bei welcher Frage wahlberechtigt ist. Solche Konstrukte benötigt nur, wer im Kern den Kreis der Berechtigten einschränken will, wer kontrollieren und ausschließen möchte. Die digitale Stadt der Zukunft treibt mit Macht in eine andere Richtung und atmet den Geist der Aktivierung und der Inklusion.

Denn nur jene Stadt wird diese Vorteile erreichen können, die es schafft, auch tatsächlich Beteiligung herzustellen. Entsprechend kann es auf Dauer auch nicht um informelle Beteiligung gehen. Es geht hier nicht um Show, sondern um echte Beteiligung digitaler Bürger mit vollen Rechten, unabhängig von der Anschrift. Die digitalen Bürger müssen dabei selbst und frei entscheiden, wann und wo sie sich an Entscheidungen und Entwicklungen beteiligen. Dies sind keine späten Träume basisdemokratischer Aktivistengruppen; es geht nicht darum, nett zu sein, sondern um bessere Services, bessere Wirtschaft, besseres Leben.
An zahlreichen praktischen Fragen ist zu arbeiten: Die technische Grundlage der Beteiligungs- und Wahlverfahren ebenso wie die Verhinderung von Missbrauch, Unterdrückung und organisiertem Stimmenkauf. Die Stadt, der es gelingt, ihre digitalen Bürger unabhängig vom Wohnort kontinuierlich in die Prozesse der Meinungsbildung einzuschließen, wird es gelingen, zu besseren Entscheidungen über Infrastruktur, Investitionen und Regelwerke zu kommen. Sie bietet bessere Lösungen für ihre Bewohner und ihre globalen Bürger, ihrer digital citizens. Das Berliner Urban Tech Manifesto formuliert die konkreten Anforderungen an Städte der Zukunft und markiert Anfang und Grundlage dieser Entwicklung.

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