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The Circle of Life in der Immobilienwirtschaft © Panthermedia.net/Gabriele Sitnik-Schmach
© Panthermedia.net/Gabriele Sitnik-Schmach

Redaktion 24.09.2021

The Circle of Life in der Immobilienwirtschaft

Was macht eine nachhaltige Immobilie aus? Das PV-Panel am Dach? Oder doch eher die Betrachtung über ihren gesamten Lebenszyklus?

••• Von Helga Krémer

WIEN. Umweltschutz, Nachhaltigkeit und die Wiederverwendung von Rohstoffen sind hochaktuelle Themen unserer Gesellschaft, die auch in der Immobilienwirtschaft immer mehr Beachtung finden – beziehungsweise finden sollten.

Das quasi Zauberwort lautet dabei Kreislaufwirtschaft. Ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden – das genaue Gegenteil zur Wegwerfgesellschaft. Wiewohl Immobilien eher selten weggeworfen werden.

Am Anfang steht der Plan

Kreislaufwirtschaft beginnt mit integraler Planung, zum Beispiel durch den Einsatz von recyclingfähigen Baustoffen in Systembauweise, bei der über die spätere Rückbaubarkeit entschieden wird. Als Entscheidungshilfe für die nachhaltige Planung von Gebäuden kann eine umfassende Ökobilanz dienen, in die End-of-Life und kreislaufwirtschaftliche Parameter einfließen.

Das Gebäude sollte neben der eigentlichen Nutzungsbestimmung dabei auch immer als Materiallager betrachtet werden. Hier kommt der Stand der Digitalisierung den Beteiligten höchst gelegen: Mittels Building Information Modeling, kurz BIM, können ausnahmslos alle relevanten Daten und Informationen über den ganzen Lebenszyklus des Gebäudes erfasst und dokumentiert werden – wie beim Ikea-Neubau am Wiener Westbahnhof gerne auch mittels 3D-Scan, durchgeführt vom Roboterhund „Spot” von Boston Dynamics.
Mittels BIM wird dann auch der digitaler Zwilling erstellt – Planungs-, Vertrags- und Echtzeitdaten, die das komplette Gebäude beschreiben. Unabhängig vom Standort können sowohl interne als auch externe Partner den digitalen Zwilling nutzen.
Zurück zu den Materialien: „Durch ein smartes Management der Stoffströme auf der Baustelle kann zudem Abfall reduziert werden. Mehr Transparenz kann auch ein verpflichtender Materialpass für Gebäude schaffen”, sagt Brigitte Karigl, Expertin für Kreislaufwirtschaft im Umweltbundesamt, und führt aus: „Die wichtigsten Hebel für mehr Ressourcenschonung am Bau sind eine verlängerte Lebensdauer durch Umnutzung bestehender Gebäude, die Entwicklung neuer Verwertungstechnologien und Fügeverfahren sowie die Weiterentwicklung von BIM und eines materiellen Gebäudepasses.”

Exakte Dokumentation

Dieser Materielle Gebäudepass (MGP) ist eine Dokumentation über die materielle Zusammensetzung eines Bauwerks, die quantitative und qualitative Auskunft über die relevanten Rohstoffe in einem Bauwerk gibt, heißt es dazu aus dem Institut für Interdisziplinäres Bauprozessmanagement der TU Wien.

Der Nutzen eines lebenszyklus­orientierten MGP sei mehrfach: als Planungs- und Optimierungswerkzeug in Hinsicht auf den effizienten Materialeinsatz und späteren Rückbau, zur Dokumentation der notwendigen materiellen Information für das Recycling von Bauwerken am Lebensende und als Grundlage für einen urbanen Rohstoff­kataster auf der Stadt-Ebene.

Urban Mining

Hätte das Ferry Dusika Stadion schon einen MGP mitgebracht, sein Rückbau für die neue Sport-Arena Wien würde sich einfacher gestalten. Die Stadt Wien setzt dabei auf Urban Mining. Markus Meisner, Projektkoordinator von Baukarussell, erklärt das Prinzip: „Wir haben Erze und Metalle aus Minen genommen und in unsere Infrastruktur gepackt. Dort sind sie im Begriff des ‚Urban Mining' gelagert. Nachdem die Nutzung beendet ist, kann man sie dort, wie aus einer normalen Mine, eigentlich wieder entnehmen und einer neuerlichen Nutzung zuführen.”

Nachhaltige Kunden

Wie so oft hat es aber auch der Kunde selbst in der Hand, wie man am Beispiel des Wiener Acccenture-Office sieht: „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keinen Glaspalast, der nach unseren Bedürfnissen designed wird, in die Landschaft zu stellen. Wir haben uns für das Börsegebäude entschieden, das in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet wurde und wie kaum ein anderes Gebäude für die Kunst der Veränderung steht. Das könnte auch unserer Motto sein: Aus alten Strukturen Neues schaffen”, so Accenture Österreich-Chef Michael Zettel.

Es sei freilich komplexer und aufwendiger, mit einer bestehenden Substanz zu arbeiten. Der Plan müsse sich an den Vorgaben orientieren, die baulichen Gegebenheiten müssen integriert werden – wie Säulen, Wände, Rundungen. Die Bedürfnisse dann an den Raum anzupassen, sei Aufgabe des Architekten und fordere seine Kreativität.

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