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Auf ein kühles Bier mit Bierpapst Conrad Seidl © APA-Fotoservice/Jacqueline Godan
© APA-Fotoservice/Jacqueline Godan

christian novacek 04.05.2018

Auf ein kühles Bier mit Bierpapst Conrad Seidl

Anlässlich des neuen Bier Guides resümiert Bierpapst Conrad Seidl über ein bierig erfrischendes Jahr.

••• Von Christian Novacek

Es kann nur einen geben, einen Bierpapst nämlich: Conrad Seidl resümiert im großen medianet-Interview über Vorlieben und Gegebenheiten und eine Marktentwicklung, die trotz hohem Gewicht des Heineken-Bierkonzerns genug Raum für Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Und, sozusagen als schriftlich dokumentiertes Beweismaterial: Über den aktuellen Bier Guide, der den Markt bereits seit 19 Jahren widerspiegelt – und einen guten Einblick in eine Branche liefert, die mittlerweile auch gern mal ein Stout auf den Tisch stellt.


medianet: Soeben ist der neue Bier Guide erschienen, den Sie als Herausgeber federführend verantworten. Was ist denn die auffälligste Entwicklung vom letzten Bier-Jahr zum aktuellen?
Conrad Seidl: Was ganz deutlich ist – und was man nur in der Breite der zeitlichen und der räumlichen Abdeckung, die der Bier Guide seit 19 Jahren bietet, erkennen kann: Es gibt ein wesentlich breiteres Angebot. Auch in Lokalen, die nicht unbedingt als Spezialitätenlokale geführt sind, steht jetzt mal ein Pale Ale oder ein Stout auf der Karte.

 

medianet: Craft Beer ist in aller Munde – ein nachhaltiger Trend oder bereits im Abklingen?
Seidl: Craftbiere, also Bierstile jenseits unserer gängigen Märzen-, Pils- und Weizenbiere, sind inzwischen im Mainstream angelangt. Das heißt nicht, dass jeder Biertrinker sie bevorzugt; sie werden immer nur für einen kleinen Teil der Konsumenten inter­essant sein. Aber diese Gruppe von Bierliebhabern ist dann eben auch bereit, ein bisschen mehr zu bezahlen. Das sind dieselben Leute, die auch mehr über Bier reden, mehr verschiedene Lokale aufsuchen – also den Kern der Bierszene darstellen.

medianet: Inwieweit können große Brauereien von Nischenprodukten profitieren? Ist es sinnvoll, viel Geld ins Marketing für Leichtbiere zu stecken, um am Ende zu sehen, dass das Segment flugs rückläufig ist, wenn der Werbedruck nachlässt?
Seidl: Großbrauereien zeigen derzeit in besonderem Maße, wie man Nischen profitabel besetzen kann. Natürlich brauchen manche Produkte eine Erklärung, natürlich muss man jedes Jahr einen neuen Jahrgang von Konsumenten ans Biertrinken heranführen. Schauen Sie sich die Bevölkerungsstruktur an: In Österreich sind im vergangenen Jahr 84.605 Personen 16 Jahre alt geworden, sind damit also ins legale Alter für Bierkonsum gekommen.

Natürlich muss man da versuchen, eine Biermarke, vielleicht sogar ein besonderes Produkt, in den Köpfen zu etablieren. Wir haben das bei Produkten wie dem längst vergessenen Gösser Ice erlebt, dass das genau so lang funktioniert hat, wie das Produkt beworben wurde. Dennoch war das nicht vergeblich: Die Generation, die vor 20 Jahren mit Gösser Ice ans Biertrinken herangeführt worden ist, trinkt ja heute weiterhin Bier – und wohl bevorzugt andere Gösser-Biere.


medianet: Ist die Tradition bei Österreichs Bierbrauern der Feind der Innovation? Wäre da – im internationalen Vergleich – mehr drin?
Seidl: Der Biermarkt ist ja generell eher träge – das betrifft nicht nur die Brauer, die traditionsbewusst sind, sondern in viel höherem Maß die Konsumenten: Wer mit seinem Zipfer Urtyp, seinem Stiegl Goldbräu, seinem Murauer Märzen, etc. glücklich und zufrieden ist, wird nicht unbedingt nach einem anderen Bier greifen. Man weiß aus Untersuchungen, dass die Hälfte der Konsumenten lieber beim Bewährten bleibt. Die darf man nicht verschrecken, die brauchen auch das Gefühl, dass sie geschätzt werden – also muss man sie ebenfalls umwerben und ihnen versichern, dass sie mit ihrer Lieblingsmarke eine gute Wahl getroffen haben. Aber es gibt eben die andere Hälfte der Konsumenten, denen man Neues bieten kann und muss – und zwar ohne die Stammkundschaft zu verschrecken. Es passt nicht jede Innovation zu jeder Marke. Aber wenn man eine bodenständige Landbrauerei wie die Zwettler anschaut, dann sieht man, dass die durchaus innovativ unterwegs sind. Die waren die erste Brauerei, die Zwicklbier angeboten hat. Und eine Generation später brauen die Zwettler Porter und sind damit erfolgreich. Das hätten die selber vor zehn Jahren nicht geglaubt!

medianet: Österreich ist, ausgehend vom Pro-Kopf-Verbrauch, ein Land der Biertrinker. Trinken Sie als Bierpapst auch mal ein anderes Getränk? Welche Tagesmenge halten Sie für gesundheitlich bedenklich bzw. förderlich?
Seidl: Ich trinke sehr viel mehr Wasser als Bier. Und ich trinke kaum andere alkoholische Getränke – Wein und Spirituosen nur dann, wenn es etwas ganz Spezielles zu verkosten gibt; das ist vielleicht alle zwei, drei Monate der Fall. Was den gesundheitlich richtigen Konsum betrifft, muss jeder selber abschätzen, was ihm guttut. Ich halte mich da an den hochgeschätzten Professor Ludwig Narziss, der die Regel aufgestellt hat: Ein Bier ist besser als kein Bier. Zwei Biere sind besser als ein Bier. Das heißt aber nicht, dass zehn Biere besser als ein Bier sind.

medianet: Braucht das Bier das Wirtshaus oder ist der Konsum daheim für Sie genauso gut?
Seidl: Bier gilt als das Gleitmittel im Sozialverkehr – wenn man mit jemandem reden will, sagt man: ‚Gehen wir auf ein Bier'. Gastronomie und Bier gehören also zusammen. Manche Biere, gerade die sehr speziellen, habe ich durchaus daheim, um sie mit den Speisen zu kombinieren, die meine Frau zubereitet. Aber die soziale Komponente, der gemeinschaftliche Genuss mit mehreren Freunden, das ist im Wirtshaus, in der Bierbar, im Pub wesentlich besser aufgehoben als in den eigenen vier Wänden.

medianet: Weiter in der Gastronomie: Wie ist derzeit die Situation der kleinen Brauer? Können die überhaupt noch ausreichend reüssieren, wenn die großen aktuell immer mehr Spezialprodukte in den Markt stellen?
Seidl: Für die kleinen Brauer wird zunehmend der Vertrieb ein entscheidender Faktor – das sehen wir nicht nur in Österreich, sondern gerade jetzt auch in den USA, dem Mutterland der Craftbier-Revolution. Die kleinen Brauer müssen gerade so wie die großen ihre Marken aufbauen, weil ja auch der Craftbierkonsument nicht irgendein Craftbier haben will, sondern ganz bewusst ein Nicobar White IPA vom Gusswerk, einen Affenkönig von Brew Age oder einen High Diver von Next Level verlangt. Den kann der Wirt nicht mit einem Stiegl Columbus abspeisen – auch wenn das ein ähnlicher Bierstil und eine durchaus gelungene Interpretation des Pale Ale ist. Aber der Gast hat heute eben speziellere Wünsche und die müssen befriedigt werden.

medianet: Brauereien machen Märkte – das war, wie Sie ausgeführt haben, beim Märzenbier in Österreich so und beim Pils in Deutschland gleichfalls. Den heimischen Markt definieren heute nicht zuletzt die Niederländer – wird das geschmackliche Konsequenzen zeitigen?
Seidl: Da gilt die alte Weisheit: All beer business is local business. Und diese Weisheit kennen auch die Niederländer. Ich bin überzeugt, dass es der Brau Union in den nächsten Jahren gelingen wird, die Marke Heineken in bestimmten Gastronomietypen zu forcieren. Andererseits weiß man auch im Heineken-Konzern, dass die Österreicher ihre heimischen Marken und deren Geschmack schätzen – es hat ja auch bisher das Zipfer, Gösser, Puntigamer, Wieselburger und Edelweiss mit großem Erfolg gegeben, das bleibt also auch in absehbarer Zukunft erhalten.

medianet: Vor Kurzem gab es den DLG-Skandal in Sachen Fleisch. Viele österreichische Brauereien rühmen sich gern mit ihren DLG-Medaillen, die nun einen inflationären Touch haben. Welche Bier-Prämierungen sind für Sie eine verlässliche Richtlinie?
Seidl: Man muss da schon unterscheiden: Es gibt Prämierungen, die im Wesentlichen besagen, dass das Produkt in Ordnung ist – wie die DLG-Prämierung, wo alles unter einer Goldmedaille auf ein Qualitätsproblem hindeutet. Die sogenannte Skandalwurst hat ja auch kein Gold bekommen, sondern Silber, was bei einem Kenner schon die Alarmglocken schrillen lässt: Die wurde auch von der DLG als problematisch erkannt. Auf der anderen Seite gibt es Wettbewerbe, wo es erste, zweite und dritte Plätze – also nur einmal Gold in der jeweiligen Kategorie Pils, Pale Ale, Hefeweizen, etc. – gibt. Da machen aber manche Brauereien nicht so gern mit, weil die den Vergleich scheuen. Und schließlich gibt es Wettbewerbe, wo Punkte vergeben werden. Da weiß man einzuordnen, dass ein Bier mit 92 von 100 Punkten sehr gut ist, eines mit 96 Punkten hervorragend und mit 98 Punkten an der Weltspitze mitmischt – immer vorausgesetzt, dass die Punkte von echten Experten vergeben werden und nicht von irgendwelchen voreingenommenen Laien.

medianet: Welches österreichische Bier erfreut sich derzeit Ihrer besonderen Sympathie?
Seidl: Da empfehle ich einen Blick in den Bier Guide – dort sind die Innovationen der Jahres, vom Austrian Lager bis zum Zitronenbier, mit allen Begründungen aufgelistet.

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