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Dem Lebensmittel wieder mehr Sinn vergönnen © Tina Herzl
© Tina Herzl

Redaktion 27.11.2020

Dem Lebensmittel wieder mehr Sinn vergönnen

Sigrid und Gerhard Zoubek freuen sich über das erfolgreichste Adamah-BioKistl-Jahr aller Zeiten.

••• Von Maren Häußermann

Als Gerhard Zoubek und seine Frau Sigrid vor über 20 Jahren den landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern übernahmen, wussten sie nicht, wohin dieses Abenteuer sie führen wird. Als nichtgelernte Bauern war für sie nur eines klar: Die Lebensmittel sollten Bewusstsein schaffen. Produkte frisch vom Bauernhof sollten direkt zu den Kunden kommen und eine Beziehung zwischen Bauern und Konsumenten bilden, die längst vergessen schien. Eine biologische Landwirtschaft war der logische Entwicklungsschritt.

2020 ist das Adamah BioKistl erfolgreicher denn je. Der Klimawandel und die Pandemie hinterlassen ihre Spuren in den Köpfen der Menschen und sie denken um, weg vom anonymen Produkt im Supermarkt, hin zum Sinn der Lebensmittel.
Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 mussten sie sogar Kunden abweisen, weil die Nachfrage so groß war. Die Zoubeks, mittlerweile unterstützt von der zweiten Generation, blicken auf eine Erfolgs­geschichte zurück – und mit Freude in eine Zukunft, die auch für ihre Enkel angenehm sein soll.


medianet: Die Zeiten ändern sich – hat sich auch das BioKistl geändert?
Gerhard Zoubek: Bei unseren ersten 40 Kunden vor 20 Jahren hatten wir vorwiegend Produkte, die wir selbst angebaut haben. Langsam und stetig haben wir von befreundeten Biobauern aus der Region und schließlich auch von Biogroßhändlern Lebensmittel zugekauft.

medianet: Damit liegen Sie jetzt optimal im Trend …
Zoubek: Ja, uns war es aber immer schon wichtig, dass diese Lebensmittel als Mittel zum Leben gesehen werden – und nicht als anonyme Ware irgendwo in den Supermärkten verschwinden, sondern als ‚Bio-Produkte mit Biografie' möglichst direkt zur Kundin, zum Kunden gelangen.

medianet: Worauf müssen Sie denn bei der Zusammenstellung der Kistln besonders achten?
Adamah: Wir wollen unseren Kunden mit biologischer Vielfalt bei Gemüse und Obst begeistern, die verschiedenen Adamah-Kistl so zusammensetzen, dass sie regional, saisonal und abwechslungsreich sind. Wöchentlich kommen mit dem Adamah-Kistl auch Rezepte & Neues. Da ist ein Informationsblatt mit an Bord, sozusagen eine Betriebsanleitung für Kochrezepte und Ideen, bezogen auf den jeweiligen Kistl-Inhalt. Weiters informieren wir über unsere Lieferanten, darüber, was im Augenblick in unserer Landwirtschaft läuft, und erläutern die Produktqualität, Inhaltsstoffe und den biologischen Landbau.

medianet: Das ist ja ein schlaues Kistl! Wie schaut denn das Backup dafür aus?
Zoubek: Die große Herausforderung liegt darin, biologischen Landbau und moderne IT-unterstütze Ablauforganisation zu kombinieren und zu optimieren. Kurz gesagt: verlässliche und professionelle Arbeit zu leisten. Und immer weiterzuentwickeln, damit die Direktvermarktung sich mit guter Planung ebenfalls gut weiterentwickelt.

medianet: Wo lagen da die besonderen Herausforderungen?
Zoubek: Wir haben uns recht schnell entwickelt. Die ersten 40 Kunden haben ihre Zufriedenheit an Freunde und Bekannte weitergegeben, und so sind wir durch diese Empfehlung gewachsen. Es war dann in der Folge nicht einfach, in diesem schnellen Wachstum Strukturen und die Organisation zu stabilisieren und zu organisieren. Auch die betriebswirtschaftlichen Strukturen und eine effiziente betriebswirtschaftliche Planung und das Controlling waren vom Beginn an spärlich und haben sich erst später entwickelt.

medianet: Vierzig Kunden am Start – wie viele sind es heute, wie hat sich die Reichweite des Kistls verändert?
Zoubek: Wir liefern im Radius von 100 Kilometern um unsere Produktionsstätte und unseren Bauernhof in Glinzendorf aus.

medianet:
Mehr ist da nicht möglich?
Adamah: Nein, denn das widerspricht unserem Konzept: Unser Konzept und Alleinstellungsmerkmal ist es nämlich, möglichst Mehrwegverpackungen zu gebrauchen. Wir wollen keine und wenn dann nur natürlich abbaubare Verpackungen verwenden. Wir liefern auch mit eigenem Personal und Betriebseigenen, gekühlten Fahrzeugen klimaneutral aus. Wir wollen unseren Kunden höchste Qualität mit einem Lächeln vor die Haustür bringen.

medianet: Das BioKistl gilt als Paradebeispiel für Selbstvermarktung. Haben Sie auch mal neue Absatzwege angedacht?
Zoubek: Als wir die zweijährige Umstellungsphase, die jeder konventionellen Umstellung auf den Biolandbau vorausgeht, durchgeführt hatten und uns für die im Marchfeld funktionierende Produktion von Gemüse entschlossen haben, haben wir uns die möglichen Absatzwege überlegt. Gerade die Absatzstruktur im Lebensmittelhandel zeigt auf eine Übermacht des LEH, der in den Händen großer, meist internationaler Konzerne liegt. Für Bauern sind diese Oligopole im Verkauf ein Problem.

medianet: Trotz entsprechender Regionalitäsbekenntnisse der Händler?
Zoubek: Es gibt halt keine Preiswahrheit, wenn wenig Aufkäufer vielen Anbietern gegenüberstehen. Die wenig marktbeherrschenden Einkäufer nehmen einen Marktpreis und es gibt kaum andere Absatzmöglichkeiten für die Anbieter. Wir am Adamah BioHof wollten daher die Direktvermarktung professionalisieren und ausbauen. Unsere günstige geografische Lage vor den Toren Wiens hat dieses Konzept unterstützt. Ich sage in diesem Zusammenhang immer gern: Wir haben ein Millionenpublikum vor der Haustür.

medianet: Wie handhaben Sie dieses Millionenpublikum in der Nachfrage?
Zoubek: Unser Kistl-System ist für eine landwirtschaftliche Planung ideal. Wir wissen im Voraus schon, wie sich die Nachfrage entwickeln wird, und können dadurch unsere Produktion gut steuern. Die 20-jährige Erfahrung hat uns da viel gelehrt.

medianet: Mit wie vielen und welchen Unternehmen arbeiten Sie zusammen? Welche Kriterien sind wichtig?
Zoubek: Am allerliebsten arbeiten wir mit reinen Biobetrieben oder Biohändlern. Wenn es Betriebe sind, die noch nicht ausschließlich im Bio-Bereich arbeiten, bevorzugen wir jene, wo wir annehmen, dass die Denke der handelnden Personen darauf hinweist, dass Bio für sie ein richtiger Weg ist.

medianet: Wie nötig ist für Sie der persönliche Kontakt zu den Partnerbetrieben?
Zoubek: Wir wollen unsere Partner und die Betriebe möglichst persönlich besuchen und kennen. BioZertifizierung ist Voraussetzung, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist uns wichtig – in die Richtung ‚Du lieferst mir, was ich nicht habe und umgekehrt ich dir!' Weltverändernde, umweltverantwortliche Betriebe, die auch in eine enkeltaugliche Zukunft denken – das mögen wir!

medianet: Von wegen Zukunft – mit welchen Innovationen beschäftigen Sie sich derzeit?
Zoubek: In der Landwirtschaft und im Einkauf mit natürlicher Vielfalt; mit optimalen Lagerbedingungen; mit einem authentischem Marketing mit gut organisierter und strukturierter Verpackung und mit ökologischer Auslieferung. Die Vielfalt hat übrigens auch internationale Prägung: Wenn Sie wollen, finden Sie im Kistl Bananen – wir tun das, um Kunden den Weg in den Supermarkt zu sparen.

medianet:
Blicken Sie auch abseits des Sortiments über die Grenzen des Liefergebiets hinaus?
Zoubek: Immer wieder bekommen wir Anfragen aus nicht belieferten Gebieten. Wir versuchen, Unterstützung und Möglichkeiten der Zusammenarbeit anzubieten, um die Direktvermarktung weiterzuentwickeln und auszubauen.

medianet: . Die Zukunft scheint derzeit ja in der Wirtschaft ein großes Fragezeichen zu sein – wie stellen Sie sich darauf ein?
Zoubek: Wir sind davon überzeugt, dass die Krise viele Menschen zum Nachdenken angeregt hat. Die Frage, was wichtig ist im Leben, wird stärker. Gesunde biologische, regionale Lebensmittel werden wichtiger. Wir müssen den Kundinnen und Kunden diese Botschaft übermitteln. Unsere Zukunft ist stabil, davon bin ich überzeugt.

medianet: Letzte Frage: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an das BioKistl denken?
Zoubek: Adamah, unseren Hofnamen, haben wir uns gegeben und er soll auch dafür stehen, dass unser Tun und unser Erfolg das Ergebnis vieler fleißiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. Adamah ist ein hebräisches Wort und bedeutet ‚Ackerboden, lebendige Erde', aber auch ‚der Mensch'.

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