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Fairtrade: Die Banane fällt nicht weit vom Strauch © Fairtrade Österreich/Tuma
© Fairtrade Österreich/Tuma

Redaktion 19.05.2017

Fairtrade: Die Banane fällt nicht weit vom Strauch

2016 fiel die Ernte für Fairtrade Österreich um 46% höher aus, besonders bei Kakao, Kaffee und Bananen.

Seinen Anfang nahm Fairtrade bei Produkten im Weltladen. Doch in der Vertriebsnische der kleinen Weltläden wollte die Organisation für fair gehandelte Produkte nie bleiben. „Unser Ziel war es immer, in den Lebensmittelhandel zu kommen”, erklärt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Und das ist wohl gelungen. 74% der Umsätze werden mittlerweile im heimischen LEH erzielt, der damit auch die zentrale Vertriebsschiene für Fairtrade ist. „Wir sind gegründet worden, um in den Massenmarkt vorzustoßen.”

Dass Produkte im Weltladen andere Preise erzielen, als bei großen Supermarktketten, kann die Organisation nicht beeinflussen – „im Gegenteil, wir würden uns sogar strafbar machen”, so Kirner. „Wir selber handeln ja nicht, wir bieten nur die Produkte an.” Die Gestaltung des Endverbraucherpreises des Kaffees, der im Weltladen sowie im Supermarkt erhältlich ist, obliegt dem Händler selbst. Als Hersteller könne Fairtrade nur eine unverbindliche Empfehlung abgeben.

LEH braucht Fairtrade

Die Eigenmarken der Lebensmittelhändler sieht Kirner nicht als Konkurrenz zu seinen Produkten an, selbst wenn diese bestimmte Warengruppen besetzen, die zu den Kernprodukten von Fairtrade gehören. „Lebensmittelhändler wollen ihr Nachhaltigkeitsprogramm ebenfalls voranbringen”, erklärt der Geschäftsführer.

Das gehe aber auch mit Produkten, die nicht aus dem Eigenmarkenbereich stammen. „Der Handel wartet nur darauf”, meint Kirner. Dass einer Innovation in Richtung neuer Produkte damit ein Riegel vorgeschoben wird, findet er nicht. Denn: „Wir unterstützen die Händler mit unseren fair gehandelten Produkten ja auch.” Casali zum Beispiel habe für ein Fairtrade-Siegel seine Wertschöpfungskette umstrukturieren und den vorgegebenen Standards anpassen müssen. „Damit ist also eher das Gegenteil der Fall – uns und dem Handel würde es helfen.”
Die meisten Fairtrade-Waren stammen aus bevölkerungsreichen Ländern wie Indien, Mexiko oder Brasilien, aber genauso aus kleinen Inselstaaten wie Mauritius oder Fidschi. Die Idee, das am meisten benachteiligte Glied in der Wertschöpfungs­kette, die Kleinbauern, durch faire Handelsverträge zu stärken, fand weltweit Anklang.
Heute besteht Fairtrade aus 25 nationalen Fairtrade-Organisationen und den drei kontinentalen Produzentennetzwerken: das Netzwerk in Lateinamerika, Fairtrade Africa (wo mehr als zwei Drittel der Produzenten vertreten sind) und das Netzwerk für Asien und den Pazifikraum

Arbeitsschwerpunkte

Insgesamt arbeiten 1,66 Mio. Bauern und Arbeiter in diesem Netzwerk, welches für Mindestpreise, Prämien und existenzsichernde Löhne einsteht. Wer Teil des Netzwerks sein möchte, muss sich zu fünf Arbeitsschwerpunkten verpflichten: Umweltschutz soll unterstützt, Kinderarbeit verhindert und die Gleichberechtigung von Frauen gefördert werden – 49% der Beschäftigten auf den Plantagen sind Frauen. Auch die Stärkung von Arbeiterrechten und die Stärkung von Kleinbauern, welche die Mehrheit der Fair­trade-Produzenten bilden, gehört dazu. „Bei uns steht vor allem der Mensch im Mittelpunkt”, bringt es Kirner auf den Punkt.

Produkt-Dreifaltigkeit

Die wichtigsten Produkte für Fairtrade sind dabei vor allem drei: Kaffee, Bananen und Kakao. Die 16,7% Wachstum bei Kaffee zeigen, dass es da „noch sehr viel Wachstum nach oben gibt”, so Kirner. Der Markt für Bananen ist allerdings schon sehr gesättigt, erklärt er weiter. Biobananen seien nun alle zertifiziert – trotzdem hatte man dort noch um 20,2% zulegen können. Das Wachstumspotenzial sei also selbst ohne die Gewinnung von neuen Partnern machbar, organisches Wachstum könne man auch nur mit bestehenden Produkten haben.

Kakao-Bohnen sind mit 80,4% mit Abstand am meisten gewachsen – dort habe Fairtrade im letzten Jahr nämlich viele neue Partner dazugewinnen können, erklärt Kirner. Die wichtigsten Produktionsländer sind dabei die Elfenbeinküste, Ghana und Peru. „Wir wissen, dass derzeit nur ein Drittel dessen, was die Fairtrade-Genossenschaften produzieren, auch als Fairtrade-Produkte gehandelt werden kann. Die Bauern haben also zwei Drittel übrig, die irgendwann als fair gehandelte Produkte absetzbar wären.” Zurzeit gebe es dafür aber noch keinen Markt, meint Kirner dazu. Die Ware muss über den „normalen Markt” verkauft werden.

Es bleibt, wie es ist

Das in Zukunft zu ändern, sei ihr „strategisches Ziel”, führt Kirner weiter aus und beantwortet damit auch die Frage, ob Fairtrade zu den drei essenziellen Warengruppen Kakao, Kaffee und ­Bananen nicht noch neue Bereiche beackern will.

Nein, neue Produkte dazunehmen möchte Fairtrade nicht, sondern vielmehr bei bestehenden „weiterkommen”. Doch auch Rohrzucker (+43,7%), Baumwolle (+25,2%) Rosen (+7,7%) und Fruchtsaftkonzentrat (–0,9%) gehören zu den Rohstoffen, die wesentlich zum beachtlichen Umsatzwachstum von 46% in Österreich beigetragen haben. „Bei Fruchtsäften geht der Markt aber seit Jahren schon zurück”, sagt Kirner mit Blick auf die Zahlen. Insgesamt brachte der Verkauf von Fairtrade-Produkten, von denen hierzulande über 1.700 in den Regalen liegen, Direkteinnahmen von 39,4 Mio. USD ein. Neben dem LEH werden die Produkte auch in Bäckereien, Cafés, oder Restaurants verkauft. Die Einnahmen gehen an die Produzentenorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Kooperationen sind wichtig

Das grün-blaue Siegel ist in Österreich nichts Unbekanntes mehr. Eine von Fairtrade in Auftrag gegebene Konsumenten-Umfrage ergab: 92% der Österreicher kennen das Siegel und wissen, wofür es steht; ebenso, dass Fairtrade nichts mit biologischem Anbau zu tun habe, sondern mit fairen Preis- und Handelsstrukturen. „Fairtrade-Standards werden auch in Zukunft nicht Richtung Bio gehen”, so Kirner, der darauf verweist, dass es sich nicht alle Produzenten leisten können, auf Bio-Standards umzustellen.

Konzerne, etwa Mondelez und Nestlé, sind gleichfalls Teil des Nachhaltigkeitsprogramms, indem sie eigene Produkte mit Fairtrade-Siegeln zertifizieren lassen. Dass eine Kooperation für Mondelez oder Nestlé Sinn mache, erklärt Kirner damit, dass die Glaubwürdigkeit höher sei. Wenn sich ein Konzern durch eine externe Kontrolle zertifizieren lässt, kommt das beim Konsumenten besser an, als interne Programme. „Wir haben einen Ruf zu verlieren, wären unsere Kontrollen nicht so streng”, betont Kirner. „Würden wir die Augen zudrücken bei Fehlern, bestünde die Gefahr, dass Fairtrade komplett untergeht.”
Vor allem in der Schokoladen­industrie – Fairtrade kooperiert seit 2014 mit der österreichischen Confiserie Heindl – schließen sich immer mehr der Strategie an. Heindl beispielsweise kauft zertifizierten Kakao für seine Produkte. Hartwig Kirner ist sich sicher: „Fairtrade kann und hat bereits vieles im Handel verändert.”

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