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Kampf um Europas Gemüsegarten © Maren Häußermann
© Maren Häußermann

Redaktion 16.04.2021

Kampf um Europas Gemüsegarten

Weil der Boden in Südspanien übermäßig beansprucht ist, wollen ihn junge Leute mit regenerativen Techniken retten.

••• Von Maren Häußermann

MADRID. Der Boden in Südspanien leidet. „In zehn Jahren werden wir hier das gleiche Wetter haben wie in Marrakesch”, sagt Dietmar Roth von der Organisation Alvelal, die versucht, die spanische Landwirtschaft durch Forschungs- und Investitionskooperationen in nachhaltige Techniken zu retten. Mehr als 50% der 370 Mitglieder sind Landwirte, die direkt betroffen sind – nicht nur vom Klimawandel, sondern auch von der Ausbeutung ihres Landes zugunsten kurzfristiger Profite.

Auch Österreich importiert Obst und Gemüse aus den südspanischen Regionen Andalusien und Murcia. Der Anbau von Salat erfordert pro Hektar 5 Mio. l Wasser. Aber das Gebiet um Almeria in Andalusien ist das trockenste in ganz Europas. Wenn es regnet, dann kurz und heftig. „Wir verlieren jedes Jahr 20 bis 40 Tonnen fruchtbaren Boden durch Erosion”, sagt Roth. Und das, obwohl der ausgedehnte Anbau von Mandelbäumen schon zu 50% ökologisch ist. Bio reicht nicht mehr.

Arbeiten wie die Großeltern

Das haben auch die Bewohner der La Junquera verstanden, einer vergleichsweise großen Farm, die sich über 1.000 ha an der murcianischen Grenze zu Andalusien erstreckt. Es dauert eine Generation, um die Umstellung der Landwirtschaft zu vollziehen, sagt Roth, der die Junquera gut kennt.

Auf dem Bauernhof lebt der 32-jährige Alfonso Chico de Guzmán mit seiner kleinen Familie und einem Dutzend weiterer junger Menschen. Vor neun Jahren ist er allein aus Madrid auf das Grundstück seines Vaters gezogen, wo er zunächst ohne fließendes Wasser und Strom lebte. In der Zwischenzeit hat er den Großteil der kleinen Steinhäuschen, die ursprünglich ein ganzes Dorf bildeten, wieder aufgebaut. Die Fußbodenheizung wärmt von unten, das Kaminfeuer von der Seite, als die Gruppe an einem kalten Abend Ende März den nächsten Tag plant.
Ihre Arbeit unterscheidet sich grundlegend von der konventionellen Landwirtschaft, die in den vergangenen Jahren zunehmend auf Profit gesetzt hat. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit einer Landflucht, die heutzutage eine Rückkehr kaum mehr ermöglicht. Die Grundbesitzer leben in den Großstädten und da ihre Nachkommen das Land nicht übernehmen wollen, sind sie dankbar für Einnahmen aus dessen Verpachtung. Dabei denken sie nicht daran, dass der Boden, wenn er nach fünf Jahren zurückgegeben wird, oft kaum mehr kultivierbar ist.

Den Boden wiederbeleben

Deshalb machen Alfonso und seine Mitstreiter es anders. Mit dem Ackergaul Pequeño („Kleiner”) pflügen sie den Boden so selten wie möglich, um die Mikro­organismen im Boden nicht zu töten. Sie fügen Kompost hinzu, um die Pflanzen zu ernähren, decken sie mit Stroh ab, um den Boden zu schützen. „Es ist alles ein bisschen Probieren und Scheitern”, erklärt die 30-jährige Silvia Quarta und lacht bei der Erinnerung daran, wie die 17 Kühe einer vom Aussterben bedrohten Art den Rasen zur falschen Jahreszeit zu lange „mähten” und düngten. „Dieses Jahr machen wir es anders.” Die Italienerin leitet das Regeneration Camp, in dem Freiwillige arbeiten, während sie für ihre Studien forschen.

Am wichtigsten sei es, die 300 mm Regen aufzufangen, die Murcia pro Jahr sieht. Dafür heben sie künstliche Teiche aus, pflanzen die Mandelbäume in Wellenlinien an und Gewürze dazwischen, um den Boden vor Erosion zu schützen und eine Biodiversität zu kreieren.

Politische Verfehlungen

Ein großes Problem für die südspanische Landwirtschaft ist die gemeinsame Agrarpolitik der EU. In den vergangenen Jahren waren diese Subventionen nicht an die Erfüllung von Bedingungen geknüpft. Das hat dazu geführt, dass Landwirte auch Geld bekamen, wenn sie statt die lokale Bevölkerung mit Arbeitsplätzen zu versorgen, unregistrierte Migranten auf ihren Feldern arbeiten ließen, vom Umgang mit dem Boden ganz zu schweigen. Bei den Coronahilfen kommt es nun darauf an, welche Prioritäten das Ministerium für den ökologischen Wandel setzt. Erneuerbare Energien scheinen wichtiger als die Rettung des Bodens, deshalb ist Roth bedingt optimistisch.

Nach Österreich schaut Alvelal auch, beispielsweise, wenn es um Slowtourism in Kärnten geht oder um das Netzwerk Kulinarik, das Roth auf einer Messe kennenlernte. Auch die Wiener Boku ist auf der Junquera ein Begriff.

Auf der Farm versucht man, internationale Netzwerke zu bilden und den Austausch zu fördern; junge Landwirte aus der Region sollen lernen, mit dem Boden unter den gegebenen Umständen richtig umzugehen.

Umdenken unter Druck

Gleichzeitig muss die Farm bestellt werden und man muss dringend weniger von Förderungen abhängig werden.

Doch es ist schwierig, im bestehenden System konkurrenzfähig zu sein. Die Nachbarn wollen eine neue Schweinefarm bauen, die das Grundwasser verschmutzen wird, Plastikfetzen wehen von den Feldern der Biobauern herüber. Die Regierung will gerne Flächen für Solaranlagen aufkaufen. Die Junquera ist mit einem Kredit von 1 Mio. € belastet; ihr Überleben steht für die Rettung der Zukunft.

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