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Massiver Zuwachs dank innovativer Brauer © PantherMedia/Volodymyr Melnyk
© PantherMedia/Volodymyr Melnyk

Redaktion 19.11.2021

Massiver Zuwachs dank innovativer Brauer

Die Anzahl der Brauereien hat sich zuletzt vervielfacht. Handwerk und Innovation prägen die Branche.

••• Von Georg Sander

WIEN. Individualität im Konsumverhalten ist in, und die österreichische Brauwirtschaft kommt dem entgegen und liegt damit im Trend, aber nicht nur da. „Bier kommt auch bei jungen Menschen immer besser an. Es gibt unzählige Varianten, ­Regionalität und Nachhaltigkeit werden ­großgeschrieben”, erklärt Florian ­Berger vom ­Verband der Brauereien Österreichs im Interview mit medianet. Natürliche Rohstoffe, heimisches Wasser, Handwerk – das entspricht dem Zeitgeist.

Doch zunächst einmal nackte Zahlen: Fast 4.000 Menschen arbeiten unmittelbar in der Bierbranche; hinzu kommt ein Mehrfaches an Personen, die in der Rohstoffherstellung, im Vertrieb und letztlich im Verkauf tätig sind. Und es werden immer mehr: Vor 30 Jahren zählte die Brauwirtschaft 63 Braustätten, mit Ende 2020 waren es über 300 – fast eine Verfünffachung. Klarerweise gibt es einen Codex, in dem genau geregelt ist, was sich Bier nennen darf, was nicht und was drinnen sein darf und was nicht. Dennoch gibt es genug Platz für Innovationen.

Die Stilfrage

Der Codex Alimentarius Austria­cus erklärt genau, was etwa ein Pils, ein Bockbier und so weiter ist. Entlang dieser klaren Regeln gibt es jedoch Raum für Kreativität. „Es freut mich, dass sich viele Unternehmen vor allem seit rund 15 Jahren mit dem Reinheitsgebot auseinandersetzen und innovativ tätig sind”, meint Berger. Damit spielt er auf das trendige Craftbier/Kreativbier an. „Der Erfolg gibt den Brauern absolut recht, denn die Konsumenten schätzen das”, stellt er klar.

Das betrifft nicht nur das, was in der Flasche ist. Die da und dort quasi „ab Hof” gebrauten Biere bestechen durch kreative Namen – nicht nur, aber auch wegen Covid haben viele in auffällige Designs investiert. „Was sich manche trauen, das hätte es früher nicht gegeben”, weiß Berger. Damit treiben die Kleinen die Großen an, Spezialbiere großflächig in den Lebensmittelhandel zu bekommen: „Ich finde das wirklich cool. Insgesamt trägt das dazu bei, dass es in Österreich viel mehr verschiedene Bierstile gibt.” Doch es stellt sich auch noch eine weitere Frage, die der Codex nicht regelt.

Aber wie nachhaltig ist man?

Alles schön und gut. So sehr Individualismus und Genuss zum Zeitgeist passen, tut das aber auch die Nachhaltigkeit. Der Codex selbst gibt keine Vorgaben, wie heimisch bzw. regional die Ingredienzien sein müssen. Hier kommt das Verantwortungsbewusstsein der Brauereien zum Tragen. Berger: „Es sollte so regional wie möglich sein, vor allem, um einerseits die Wirtschaft zu stärken und die Wertschöpfung im Lande zu belassen, aber auch, um die Transportwege kurz zu halten. Dies hat einen doppelten Effekt: Weniger Kosten und mehr Schonung für die Umwelt.”

Wo die Überprüfung der Nachhaltigkeit schwerer fällt, das ist im Bereich von Verpackung und Co. Hier liegt es aber an der Politik, die entsprechenden Vorgaben, wie etwa ein Lieferkettengesetz, zu implementieren. Allerdings: „Der Nachfragedruck nach möglichst umweltfreundlichen, ressourcenschonend hergestellten Produkten ist mittlerweile sehr hoch, dem kann sich wohl kaum eine Brauerei länger entziehen.”

Covid war und ist noch

Nicht entziehen konnte und kann man sich Corona. Die Pandemie hatte klarerweise auch Auswirkung auf die Bierbranche, die weitgehend um die Gastronomie und Hotellerie, die letztjährige Wintersaison, viele größere Festivals im Sommer und manches andere umfiel.

Laut vorläufigen Zahlen der Verbandsstatistik, die auf freiwilligen Meldungen der Bauwirtschaft beruht, liegt der Absatz aktuell ungefähr auf dem Niveau des (bereits Covid-belasteten) Vorjahres. Es ist eine Verschiebung in den Lebensmittelhandel erkennbar: „Der fehlende Absatz im Außer-Haus-Bereich, also zum Beispiel in der Gastronomie und Hotellerie, fehlt praktisch allen Brauereien erlösseitig.”
Die Corona-Situation ist auch im Herbst 2021 noch nicht im Griff. Dass es bald so weit sein wird, darauf ist zu hoffen – nicht nur, aber auch wegen des Biers.

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