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Milchmarkt: Keiner spricht vom Wendepunkt © APA/dpa/Carmen Jaspersen
© APA/dpa/Carmen Jaspersen

Ornella Luna Wächter 03.03.2017

Milchmarkt: Keiner spricht vom Wendepunkt

Die Preise am Milchmarkt steigen, doch noch herrscht Uneinigkeit über die Prognosen für 2017.

••• Von Ornella Luna Wächter

Die Genesung auf dem Milchmarkt erfolgt quälend langsam. Aufzuatmen traut sich noch keiner, selbst wenn die ersten Prognosen für das Jahr 2017 besser ausschauen als noch im Jahr davor. Das Aufheben der Milchquote führte zu einer Überproduktion an Milch, die sich aufgrund der schwachen Nachfrage Chinas und des Russland-Embargos über den EU-Markt ergoss. 2016 war das Jahr, in dem Molkereien in ihrer Milch geradezu ertranken; zu Dumpingpreisen musste sie schließlich in den Supermärkten verscherbelt werden.

Die Preiskurve für Milch glich und gleicht einer Berg- und Talfahrt, 27 Cent erhielten Bauern für einen Liter Kuhmilch – ein Preis, der in keinerlei Verhältnis zu ihrem Arbeitsaufwand steht. 2014 waren es noch 40 Cent pro Liter. Nun scheint sich der angeschlagene Milchmarkt zu erholen, Ergebnisse der Marktforschung deuten auf ein kontinuierliches Ansteigen der Erzeugerpreise. Der Agrarmarkt Austria schätzt zu Beginn des Jahres 2017 den Auszahlungspreis auf 34,40 Cent/kg, für Biomilch rund 44,2 Cent/kg.
Kostendeckend arbeiten die Bauern laut Expertenmeinung aber erst bei einem konventionellen Milchpreis von 35 bis 36 Cent. Doch wie schaut es in der Realität aus? Johann Költringer von der Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter (VÖM) kann eine Verbesserung in den Auszahlungspreisen erkennen, weil auch Milchprodukte wieder teurer verkauft werden. Diese Maßnahme sei „dringend” nötig gewesen, sie sei in Österreich aber relativ spät erfolgt. Doch damit allein könne man sich historische Tiefpreise und deren Auswirkungen nicht überwinden.
Mut zur Innovation und starke Marken seien in solchen Zeiten wichtig, ist Josef Braunshofer, Chef der Berglandmilch, der Meinung. „Wir setzen auf starke Marken und versuchen herauszufinden, wie wir unser Produktportfolio mit innovativen Konzepten erweitern können.” In der Sparte Käse sei Berglandmilch gut unterwegs; man versuche, dort mit neuen Sorten und neuer Verpackung zu punkten, auch im Convenience-Bereich.

Weniger ist mehr

Um die Milchflut einzudämmen, wurde im vergangenen Jahr eine Milchreduktionsmaßnahme eingeführt; auch diese scheint offenbar zu funktionieren: Die Auslieferungsmenge lag mit ca. 260.000 t Milch (Stand Dezember 2016) um knapp 1,6 Prozent unter der Vorjahresmenge. Über 4.000 Landwirte in Österreich hatten sich bereit erklärt, im Zeitraum Oktober bis Dezember 2016 weniger Milch zu produzieren, um den Milchmarkt zu entlasten. Pro Kilo nicht angelieferter Milch zahlt die EU 14 Cent. Doch das Programm läuft im Mai aus, und kritische Stimmen bezeichnen die aktuelle Situation lediglich als ein Zwischenhoch.

Markt-Diagnose

Nach Einschätzungen von Landwirtschaftsminister ­Andrä Rupprechter sei es noch zu früh, von einer „endgültigen Trendwende” am Milchmarkt zu sprechen. „Die Talsohle beim Milchpreis ist aber durchschritten.” Nach der Reduzierung der Mengen erneut eine Milchquote einzuführen, würde die Preise ebenfalls nicht stabiler machen, staatliche Regulierung schütze nicht vor Preisschwankungen am Weltmarkt. Damit lehnt der Umweltminister eine Wiedereinführung der Quote ab.

Der Druck steigt

Christian Leeb, Geschäftsführer der Molkerei Salzburg Milch, erwartet mit dem Ende der Reduktion ab Mai wieder einen „vermehrten Druck” auf dem Milchmarkt und steht den zögernden Erholungstendenzen ebenfalls skeptisch gegenüber. Die Milchanlieferung werde wieder zunehmen und damit steigt auch wieder das Risiko eines Preisrückgangs, so Leeb. „Vorsichtig pessimistisch” äußert sich auch Alfred Berger, Leiter für Marketing, Verkauf und Finanzen der Nöm AG, über die zu erwartenden Entwicklungen in der österreichischen Milchwirtschaft. Man hoffe auf einigermaßen stabile Milchmengen und Preise, die nicht nur im Inland ausschlaggebend sind.

Ausbau im Milchexport

Der Handel mit Milch im Ausland sei für die heimische Wirtschaft besonders wichtig, so Költringer vom VÖM – nicht zuletzt, um überproduzierte Milchmengen zu verkaufen. Dass Österreich dabei keine „Standardmilch”, sondern Qualitätsmilch anbiete, sei dabei von Vorteil.

Bis zu 50% der Umsätze (848 Mio. €) erzielt die österreichische Milchwirtschaft mit dem Exportgeschäft. Die wichtigsten Abnehmer des österreichischen Käse, Joghurts, Milchpulvers und der Butter sind Deutschland und Italien. Mit ca. 85% insgesamt wird in 100 Staaten exportiert.
Gleichzeitig werden genau dieselben Produktkategorien im Ausmaß von 527 Mio. € – das sind ca. 30% des Umsatzes – importiert, was den hohen Wettbewerb auf dem Markt unterstreicht. Für die Zukunft müsse die Milchwirtschaft auf dieser Qualitätsstrategie weiterbauen, so Költringer, die letztlich von den Lebensmittelhändlern, der Gastronomie und dem Tourismus mitgetragen werde.
Christian Leeb von Salzburg Milch und Alfred Berger von der Nöm AG verweisen allerdings auf eine Zukunfts-Problematik, die sich bereits jetzt abzeichnet: Alle Milchbetriebe setzen im Moment auf denselben Markttrend – auf Biolebensmittel. Bei Molkereiprodukten sind es vor allem Milch, Käse und Joghurt, die immer beliebter werden.

Gesteigertes Bewusstsein

Der Konsument von heute ist produktbewusster geworden, er achte auf umweltschonende und nachhaltige Herstellung, auf ­regionale Herkunft und artgerechte Tierhaltung – und ist bereit, mehr dafür zu zahlen, fasst Josef Braunshofer von Berglandmilch zusammen. Immer mehr Bauern steigen auf die verheißungsvolle biologische Landwirtschaft um, um den Hunger nach regionalen, gentechnik-, farb- und konservierungsstoff-freien Produkten zu stillen (siehe Grafik über Qualitätsansprüche).

Attraktive und stabile Preise in der Bio-Produktwelt klingen verlockend. „Regionalität wird eine noch größere Rolle spielen”, lautet die Prognose. „Besonders in Deutschland ist ein verstärkter Trend im Umstieg von konventioneller auf Biomilch zu verzeichnen”, so Leeb. Das kann wiederum zu höheren Milchmengen führen. Mittlerweile werden rund 15% der heimischen Milch rein biologisch produziert.
Beruhigende Preisentwicklungen sieht Berger von Nöm AG aber in den konventionellen Segmenten. Einen Trend nach oben verzeichne man bei Naturjoghurt und flüssigen Produkten wie Trinkjoghurt, Molke und Milchgetränken. In anderen Segmenten mit einem hohen Pro-Kopf-Verbrauch, wie haltbare Milch (76,4 kg im Jahr) und Butter (5kg im Jahr), gäbe es aber weiterhin einen „Aktionswahnsinn”, so Berger.

Preise allein helfen nicht

Doch wie sehr helfen höhere Preise bei Milchprodukten letztendlich den Milcherzeugern? Den gerade diesen „Aktionswahnsinn” bekamen die Bauern in den letzten zwei Jahren mit voller Wucht ab. Eine hohe Nachfrage nach teuren Qualitätsprodukten scheint die Höfe jedenfalls nicht vor Existenznöten zu schützen: Immer mehr Betriebe verschwinden vom heimischen Milchmarkt. Gab es 1950 in Österreich mehr als 400.000 bäuerliche Familienbetriebe, sind es heute nur noch rund 160.000. Landwirtschaftliche Produkte werden weit unter ihrem Wert verkauft.

Es herrsche eine „dramatische Unterbezahlung”, was Milch, Butter und Käse betrifft, kritisiert Ernst Halbmayr von der IG-Milch die Preisgestaltung im LEH. Auf Milcherzeugern, aber auch auf den Milchkühen, laste ein „enormer wirtschaftlicher Druck”. Von den höheren Verkaufspreisen im LEH komme nicht viel bei den Betrieben an.
Um bessere Preise für die Erzeuger zu erzielen, schlägt die IG-Milch eine Mengensteuerung auf privatwirtschaftlicher Ebene vor, die der Bauer mit der Molkerei flexibel aushandelt.

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