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Schauplatz Supermarkt: Hort der grünen Lüge? © Filmladen Filmverleih
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Daniela Prugger 06.04.2018

Schauplatz Supermarkt: Hort der grünen Lüge?

Regisseur Werner Boote und die Journalistin Kathrin Hartmann nehmen Greenwashing unter die Lupe.

••• Von Daniela Prugger

Michael H. steuert das Obst- und Gemüseregal an, bleibt stehen und nimmt ein Netz mit Zitronen in die Hand. Er studiert das Etikett, „Bio” steht darauf. „Würde mich wundern, wenn da wirklich zu 100 Prozent Bio drinnen steckt”, sagt der 28-Jährige, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Michael H. arbeitet als Obst- und Gemüse-Einkäufer für eine große Supermarktkette. Er weiß, dass Konsumenten Produkte mit der Aufschrift Nachhaltigkeit, fair und Bio lieber kaufen. „Das weckt bei den Konsumenten Assoziationen. Man kauft sich ein gutes Gewissen”, erklärt er. Doch Produkte müssen keineswegs hundertprozentig nachhaltig sein, nur weil grüne Slogans auf den Verpackungen kleben. Werbung und cleveres Marketing haben ein hohes Täuschungspotenzial. „Auf dem Etikett steht nicht mal, wer die Produzenten dieser Zitronen sind.” Die Handelsketten aber brüsten sich mit ihren grünen und nachhaltigen Aktivitäten und Produktregalen. „Die Frage ist ja, was bewirkt der Kauf dieser Bio-Zitronen bei einem Konzern?”

Unwort Nachhaltigkeit

Das Schlagwort Nachhaltigkeit ist in der heutigen Konsumgesellschaft regelrecht zum Unwort verkommen. Wer das Wort „nachhaltig” in der Suchmaschine eingibt, bekommt 16 Millionen Treffer. Das englische Wort „sustainable” bringt es gar auf 300 Millionen Einträge. Wenn man in den Ergebnissen stöbert, stellt man fest: Alles, was bislang als schädlich und schändlich galt, dient heute der Weltrettung. Thunfischsteaks, dicke Autos, die Formel1, Aktienfonds, Flugreisen, Palmöl, Gen-Soja, Kohlekraft, Erdöl – all das gibt es in „nachhaltig”, „grün” oder „verantwortungsvoll”.

Die Zahl der Produkte, die vorgeben, „nachhaltig”, „grün”, „bio” oder „100 Prozent natürlich” zu sein, ist in den letzten 20 Jahren explodiert. Geht man heute Lebensmittel einkaufen, ist man oft völlig überfordert mit der Flut an „grünen” Versprechungen und vermeintlich aussagekräftigen Gütezeichen.
Problematisch sind vor allem unklare Bezeichnungen, wie etwa „aus kontrolliertem Anbau”. „Diese Bezeichnung unterliegt keinen klaren Richtlinien”, sagt Friedrich Hinterberger, Gründungspräsident des Sustainable Europe Research Instituts. Bei Obst- und Gemüse sieht Hinterberger in Österreich weniger die Gefahr eines Ettikettenschwindels. Für ihn stelle sich vielmehr die Frage nach der Sinnhaftigkeit bei der Produktwahl. „Ein überspitztes Beispiel: Wenn Biokartoffeln des Lebensmittelkonzerns aus Ägypten kommen, muss man sich fragen: muss das sein?”

Suche nach Verantwortung

Den nachhaltigen Aktivitäten von Konzernen widmet sich der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote in seinem neuen Film „Die grüne Lüge”. Zusammen mit der deutschen Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann geht Boote im Film der Frage nach, ob wir mit umweltschonenden Elektroautos und nachhaltig produzierten Lebensmitteln wirklich die Welt retten können. „Das ist eine populäre und gefährliche Lüge”, so Boote.

Die ersten Recherchen führten zu jenen Unternehmen, die in der öffentlichen Meinung ein positives Image haben. „Ich traf mich mit Fairtrade und ähnlichen respektierten Vereinen und Organisationen und erfuhr, dass Produkte keineswegs hundertprozentig nachhaltig sein müssen, nur weil grüne Slogans auf den Verpackungen kleben. Meist bezieht sich die Kennzeichnung nur auf einzelne Bestandteile der Produkte, und davon muss oft auch nur ein geringer Bruchteil tatsächlich nachhaltig sein. Mit der Zeit fiel mir auf, dass ich keinen Konzern finden konnte, der mich nachhaltig überzeugte”, sagt Boote.
Wie einfach es ist, sich trotzdem grün zu geben, stellten Hartmann und Boote fest, als ihnen bei einer Veranstaltung in Berlin ein Vertreter eines bekannten deutschen Prüf- und Gütesiegelanbieters vorschlug, gegen Bezahlung von 3.000 € den neuen Film mit dem Prädikat „CO2 neutral” zu zertifizieren. „Da war mir klar: Dieser neue Film wird ein wichtiger Film.”

Kleines Sortiment, großer Etat

Wer sich zu Unrecht nachhaltiges Engagement auf die Fahne schreibt und sich mit ökologischen oder auch sozialen Leistungen brüstet, der betreibt Greenwashing. „Davon spricht man, wenn eine Firma bewusst ihr Image als umweltbewusster und fairer darstellt als es ist. Handelsketten zum Beispiel bewerben mit riesigen Werbeetats ein kleines, umweltschonendes Sortiment, obwohl diese Produkte weit unter einem Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen”, erklärt Boote. Vom österreichischen Supermarkt aus reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Ein offenes Geheimnis ist etwa, dass der Brand des indonesischen Regenwalds 2015 bewusst gelegt bzw. beschleunigt wurde. Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen – das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.

Aschestaub und Palmöl

„Was ich nie vergessen werde, war, als wir in Sumatra auf einem frisch abgefackelten Stück Primärregenwald standen, also ein Aschefeld einer riesigen Dimension. Da spürt man, wie gewalttätig diese Zerstörung ist”, sagte Hartmann vor Kurzem im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. „Es ist heiß, dieser Aschestaub wirbelt durch die Luft. Und am Rande des abgebrannten Felds stehen dann schon die ersten Palmölsetzlinge. Und der Aktivist, mit dem wir unterwegs waren, Fery Irawan, hat diese Firma, auf deren Spur wir uns begeben haben, dann auch der Brandstiftung überführt.”

Derzeit lebt die Weltbevölkerung so, als hätte sie 1,6 Erden zur Verfügung, erklären die Macher des Films. Würden alle auf der Welt so konsumieren wie in reichen Ländern wie Deutschland, bräuchte es mehr als drei Erden, um den „Bedarf” zu decken. Das Global Footprint Network berechnet jedes Jahr den Earth Overshoot Day. An diesem Erdüberlastungstag sind alle Ressourcen der Welt, die binnen eines Jahres klimaverträglich, ökologisch und sozial gerecht genutzt werden können, aufgebraucht, und die Kapazität, Müll und Treibhausgase aufzunehmen, ist erschöpft.

Kerngeschäft wird versteckt

Zwischen 1980 und 2010 hat sich der jährliche globale Verbrauch pflanzlicher, mineralischer und fossiler Rohstoffe von unter 40 auf 80 Mrd. Tonnen verdoppelt.

In dramatischer Geschwindigkeit nimmt deshalb die Artenvielfalt ab, schwinden Wälder, degradieren Böden, vermüllen die Meere, nehmen Emissionen, Ausbeutung von Arbeitskraft und Hunger zu. Indem sie so tun, als würden sie sich selbst um die Probleme kümmern, die sie verursachen, halten sie sich Gesetze vom Hals, die sie zum ökologisch und sozial gerechten wirtschaften zwingen und ihren Profit schmälern würden, so Hartmann. Konzernen gelingt es bestens, ihr Kerngeschäft zu verstecken. „Und ihren Kunden verkaufen sie ein gutes Gewissen, damit diese sorglos weiter konsumieren. Greenwashing nennt sich diese Strategie.”

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