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„Bei Zahlenspielen muss man vorsichtig sein” © BFI Wien/Sebastian Kaczor

Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer BFI Wien: „Derzeit wird Weiterbildung gut gefördert. Man muss sich nur ein bisschen durch den Förderdschungel kämpfen.”

© BFI Wien/Sebastian Kaczor

Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer BFI Wien: „Derzeit wird Weiterbildung gut gefördert. Man muss sich nur ein bisschen durch den Förderdschungel kämpfen.”

Redaktion 26.03.2021

„Bei Zahlenspielen muss man vorsichtig sein”

100.000 Green Jobs durch Klimaschutz? Nicht alles, wo „grün” draufsteht, ist neu. Technik-Berufe bleiben gefragt.

••• Von Sabine Bretschneider

WIEN. Ein Gespräch mit Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer des BFI Wien, über Arbeitsmarkt und Schulungen, Klimawandel und „neue” Zukunftsberufe.

medianet: Die Arbeitslosigkeit stagniert bei der Marke von etwa einer halben Million. Wie sieht es bei Ihren Schulungen aus?
Franz-Josef Lackinger: Was man spürt, ist, dass die Mittel, die die Regierung für Arbeitsmarktschulungen beschlossen hat, wirklich zu greifen beginnen. In Wien funktioniert das sehr gut, und die Menschen werden damit auch erreicht. Wir haben sowohl bei den Integrationsschulungen, die vom Integrationsfonds beauftragt werden, wie auch bei den AMS-Schulungen derzeit guten Zulauf. Die Mittel sind, soweit es vergabetechnisch möglich war, aufgestockt worden – und die ersten Ausschreibungen auch schon abgewickelt.

medianet:
Das heißt, diese vom Volumen doch recht beeindruckenden Mittel – das AMS sprach von einem Sonderbudget von 700 Million Euro – sind im Anrollen?
Lackinger: Genau. Dort, wo es möglich war, mit Aufstockungen bestehender Programme – das geht am schnellsten – und zum anderen mittels neuer Ausschreibungen. Das war allein vom Zeitkorsett her ein Ritt über den Bodensee. Auch die Individualförderungen sind deutlich nach oben gegangen. Kurz: Die Mittel sind da, sie kommen an bei den Leuten und es passiert auch etwas Sinnvolles damit.

medianet:
Ein besonderes Fokusthema ist seit jeher die Jugendarbeitslosigkeit. Laut Arbeitsministerium sind in Österreich nicht einmal zehn Prozent der Jungen arbeitslos, das ist der drittbeste Wert in der EU. Alles in bester Ordnung – oder wie ist Ihr Befund dazu?
Lackinger: Man muss hier aufpassen, das Bild ist im Vergleich mit den sonstigen Jahren etwas verzerrt. In den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen gibt es ja, meist von der Öffentlichkeit unbemerkt, vor allem in den ersten Klassen in normalen Zeiten einen enormen Turn-over; etwa 40 Prozent beenden dieses erste Jahr nicht erfolgreich, verlassen die Schule und landen damit am Arbeitsmarkt. Heuer sind coronabedingt viele aufgestiegen, die es unter normalen Bedingungen nicht geschafft hätten. Einige Jugendliche sind quasi noch in Schulen ‚versteckt', die ansonsten am Arbeitsmarkt wären. Das heißt, diese Zahlen spiegeln nicht wirklich einen positiven Trend wider, weil man nicht abschätzen kann, wie es sich nächstes Jahr entwickeln wird.

Ein großes Thema ist und bleibt in diesem Bereich das ‚Matching'. Das heißt, dass Betriebe, die Lehrlinge suchen, nicht immer die passenden Lehrlinge finden. Hier ist die Rolle, die wir und andere Weiterbildungsinstitute einnehmen, wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger werden: Es gilt, dieses Matching zu verbessern. Wir beweisen immer wieder, dass es uns gelingt, Jugendliche, die von der Schule mit wenig Lorbeeren verabschiedet wurden, dann doch so weit zu bringen, dass sie in den Betrieben aufgenommen werden.

medianet: Kooperieren Sie auch direkt mit den Betrieben – in dem Sinne: Was wird gesucht? Wir bilden aus …
Lackinger: Nun ja, die Auswahl der Berufsgruppen, die ausgebildet wird, liegt nicht in unserer Hand. Das ist etwas, das von AMS und Sozialpartnern entschieden wird. Aber wir beschäftigen uns auch mit der Orientierung der Jugendlichen. Viele Berufe sind unbekannt, die Jugendlichen haben nicht wirklich eine Vorstellung davon, wo sie überhaupt landen könnten – oder sie haben unrealistische Vorstellungen. Aus diesem Prozess ergibt sich dann erst ein passendes Berufsangebot.
Dazu kommt: Es ist ganz klar unsere Aufgabe, die Jugendlichen nicht bis zur Lehrabschlussprüfung auszubilden, sondern sie in Betriebe zu bringen, wo sie dann ihre Lehre abschließen. Das gelingt uns je nach Berufsbild in bis zu 60 Prozent der Fälle. Dank der Ausbildungsgarantie haben sie ein Sicherheitsnetz: Wenn es im Betrieb nicht klappt und sie in der Probezeit wieder zurückkommen, können sie bei uns dennoch die Lehrabschlussprüfung absolvieren. Wenn die Wirtschaft wieder anspringt, sorgen wir somit dafür, dass fertig ausgebildete Jugendliche bereitstehen.

medianet: Wie sieht es aus mit den geförderten Weiterbildungsangeboten in der Kurzarbeit? Wird das angenommen?
Lackinger: Wir haben Hinweise, dass in den Betrieben immer noch zu große Hürden bestehen. 40 Prozent der Mittel müssen ja von den Betrieben selbst kommen – die jetzt natürlich Probleme mit Liquidität und Perspektiven haben.

medianet:
Gibt es alternative Anreize, abgesehen davon, dass 100 Prozent der Kosten übernommen werden?
Lackinger: Es wird wohl hauptsächlich darauf hinauslaufen, aber das ist auch legitim. Arbeitssuchende werden für Weiterbildung auch nicht zur Kasse gebeten. Gerade in Zeiten wie diesen muss Weiterbildung ohne bürokratische Hürden für alle zugänglich sein. Man sollte nicht warten, bis die Arbeitslosigkeit eintritt und dann erst aus dem Vollen schöpfen, sondern in die Prävention investieren. Das zeigen alle Zahlen: Die Mittel, die hier investiert werden, amortisieren sich für das Gesamtgesellschaftssystem – von der Sozialversicherungsseite her, von der Steuerseite und von der Wertschöpfungsseite. Das ist unbestritten.

medianet: Laut Statistik Austria wird das Arbeitskräfteangebot bis 2050 um ca. 50 Prozent sinken. Sind wir, zwar mit langem Zeithorizont, also wieder auf dem Weg zur Vollbeschäftigung?
Lackinger: Das ist meiner Meinung nach eine Milchmädchenrechnung, weil es zwei Faktoren gibt, die man überhaupt nicht berechnen kann – eventuelle Migrationsbewegungen, die für die Zukunft mit Fragezeichen versehen sind, und das Thema Angebot und Nachfrage.

Wir kennen die Diskussionen: Da gibt es auf Arbeitgeberseite den Fachkräftemangel, der auf Arbeitnehmerseite mit Hinweis auf die Arbeitslosenzahlen bestritten wird. Im Grunde reden beide Seiten aneinander vorbei. Beide Phänomene existieren real, das ist auch kein Gejammer, aber es wird nicht dadurch gelöst, wenn die Zahlen aus demografischen Gründen zurückgehen.

medianet: Ein Themenwechsel: Nach der Krise ist vor der Krise. Sobald die Coronakrise überstanden ist, werden wir uns verstärkt mit dem Klimawandel auseinandersetzen müssen. Eine Studie der Kepler Uni prognostiziert, dass durch den vorgesehenen Ausbau der Erneuerbaren Energien 100.000 Arbeitsplätze entstehen werden. Darauf beruft sich auch Klimaschutzministerin Leonore Gewessler. Wir werden in den nächsten Jahren Photovoltaik­ingenieure brauchen, Windkrafttechniker …
Lackinger: Bei Zahlenspielen muss man immer vorsichtig sein. Tatsache ist, dass hinter diesen neuen Berufen oft ganz traditionelle technische Berufe stecken, in denen schon seit Jahren der Fachkräftemangel beklagt wird. Das heißt: Jeder, der dazu beiträgt, junge Menschen für MINT-Themen und technische Berufe zu gewinnen, leistet einen Beitrag dazu, dass diese neuen Green Jobs auch besetzt werden können.

Vielleicht einmal abgesehen vom Bauern, der auf glyphosatfreien Anbau umgestiegen ist, gibt es wenige wirkliche Green Jobs sui generis. Es sind in erster Linie technische Berufe, die mit Zusatzmodulen ausgestattet werden. Natürlich ist heute etwa in der Installations- und Gebäudetechnik Photovoltaik auch ein Thema – und natürlich ist heute der Bedarf an Kälteanlagentechnikern größer geworden, was sich auch in den Berufsbildern abbildet. Ein Kfz-Mechaniker wird heute sinnvollerweise auch Module absolvieren, die sich mit Hochvolttechnologie beschäftigen, um dem E-Auto-Boom gewachsen zu sein.
Dahinter steckt die Aufgabe, dass wir mehr Jugendliche für technische Berufe gewinnen müssen – und hier insbesondere auch Mädchen. Ob das dann reicht für den zukünftigen Jobmarkt, werden wir sehen.
Aber es wurde bereits darauf reagiert. Deswegen gibt es in diesem Regierungsprogramm innerhalb der Weiterbildungsinitiative neben dem Schwerpunkt Frauenberufe auch die sogenannten Zukunftsberufe. Wir können uns alle gemeinsam nur bemühen, dass wir das auch in der entsprechenden Quantität und Qualität schaffen.
Gut ist, wenn man rechtzeitig damit startet. In der Politik herrscht oft die Vorstellung, man macht einen Beschluss und zwei Monate später sind die Leute fertig ausgebildet. So ist es halt nicht.

medianet: Es werden also großteils keine vollkommen neuen Jobs entstehen, sondern es wird mehr Möglichkeiten geben für diejenigen, die entsprechende Qualifikationen haben?
Lackinger: Stimmt. Aber neben der technischen Seite gibt es das Drumherum – also im weitesten Sinne alles, was mit Logistik zu tun hat, mit Projektmanagement, mit den entsprechenden Soft Skills. Es geht bei den Green Jobs sehr oft um das Bewusstsein, um die Gestaltung von nachhaltigen Prozessen, um die Verringerung des ökologischen Fußabdrucks. Das wird sukzessive Teil der Ausbildung sein. An den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen orientieren sich auch immer mehr Bildungseinrichtungen. Die eigentliche Herausforderung ist, die gesamte Prozessgestaltung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten – und das betrifft naturgemäß viele Ausbildungsgänge, wenn man es ernst nimmt.

medianet:
Man kann die Green Jobs-Thematik also herunterbrechen auf, einerseits, den Fachkräftemangel, dem man begegnen muss, und einen Marketingaspekt – zu kommunizieren, dass Green Jobs nichts Exotisches sind, sondern dass man mit ganz klassischen Ausbildungen in diese Suchschablonen passen wird?
Lackinger: Genau. Die abschließende Botschaft an alle lautet: Die Zeit, die uns durch das Virus jetzt vergällt wird, sollte man nutzen. Derzeit wird Weiterbildung gut gefördert. Man muss sich nur ein bisschen durch den Förderdschungel kämpfen. Egal, ob man in Kurzarbeit ist oder arbeitsuchend: So einfach wie jetzt war es schon lange nicht, sich beruflich neu zu orientieren und sich das auch leisten zu können. Jetzt ist so viel Förderung unterwegs wie noch nie – und die ist dazu da, dass man sie auch in Anspruch nimmt.

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