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Spannende Zeiten für „Bitcoin-Believer” © APA/EPA/Jim Lo Scalzo
© APA/EPA/Jim Lo Scalzo

02.10.2015

Spannende Zeiten für „Bitcoin-Believer”

Zuerst die China-Schockwellen an den Börsen, jetzt das VW-Desaster, das den DAX runterreißt: Taugt das Bitcoin als Anlage-Möglichkeit?

Das erste Jahrzehnt in der Geschichte des Computergelds Bitcoin nähert sich nun langsam dem Ende – und die Zukunft birgt ebenso viel Spannung wie die Vergangenheit. Vor Kurzem schienen die Bitcoins, auch „Kryptowährung” genannt (weil das Konzept auf Verschlüsselungsverfahren basiert), ihre besten Zeiten hinter sich zu haben. Beim All-time-high am 29. November 2013 war 1 Bitcoin stolze 1.124,76 Dollar wert. Nicht schlecht für etwas, das 2008 erfunden wurde und Anfang 2013 erst 13,36 Dollar wert war. Heute liegt der Bitcoin irgendwo dazwischen: Der aktuelle Kurs zu Redaktionsschluss liegt bei 241,79 Dollar oder 212,32 Euro. Trotzdem ist die Digitalwährung weit davon entfernt, in der Versenkung zu verschwinden: Die Volumen, die monatlich gehandelt werden, liegen höher als in früheren Jahren. Laut den Berechnungen der auf Alternativwährungen spezialisierten Internetseite coinmarketcap.com liegt die Marktkapitalisierung aktuell bei 3,4 Milliarden US-Dollar; nicht gerade die Weltwährung Nr. 1, aber immerhin. Und im August hat mit Barclays eine britische Großbank angekündigt, künftig Bitcoins akzeptieren zu wollen.

Rückkehr ist einprogrammiert

Kurs-Crashes zu überstehen, ist beim Bitcoin sozusagen einprogrammiert. Am Anfang des Bitcoin steht viel Mathematik und einige Regeln, die – so hoffen die Anhänger – dafür sorgen, dass Bitcoin die erste Währung ist, deren Ausgabe automatisch begrenzt ist, nämlich bei 21 Millionen Stück.

Warum? Beginnen wir ganz am Anfang: Im Jahr 2008 erschien ein mit dem Namen Satoshi Nakamoto unterschriebenes Thesenpapier in einem von Kryptografen vielbesuchten Online-Diskussionsforum. Es beschrieb eine völlig neue Form von Geld: Dezentral sollte sie sein, nur in den Peer-to-Peer-Netzwerken der Computer der Anwender existieren und das Geldwesen von der Macht der Zentralbanken, dem Einfluss von Banken und Regierungen befreien. Der Vorschlag fand Anhänger, unter dem Namen Bitcoin wurde die Idee mitten in der Finanzkrise tatsächlich umgesetzt. Die Idee war so erfolgreich, dass sie Nachahmer gefunden hat: sie heißen Litecoin, Dogecoin, Ripple, Peercoin u.a. Nicht weniger als 100 Bitcoin-Alternativen listet coinmarketcap.com auf. Freilich ist Bitcoin mit dem 15-fachen Volumen der Nr. 2 klarer Platzhirsch.

Krypto-Formeln als Schlüssel

Doch wie funktioniert Bitcoin? Bitcoin ist sowohl eine Geldeinheit wie ein Zahlungssystem. Um Bitcoins zu schaffen und zu transferieren, bedient man sich eines kryptografischen Systems, vereinfacht ausgedrückt mathematischer Formeln: Sie sind kompliziert und erfordern viel Rechenkapazität.

Das ist ein bisschen so wie bei der Berechnung der Nachkommastellen der Zahl Pi: Neue Lösungen brauchen immer mehr und mehr Rechenzeit. Trotzdem wird diese von sogenannten Minern gern aufgewendet – denn für neue Lösungen der Formel erhalten sie neue Bitcoins. Bei den erwähnten 21 Mio. Stück ist allerdings Schluss – was nach Schätzungen aber noch ein Jahrhundert dauern soll. Man kann daher Bitcoins selbst am PC errechnen (heute unüblich) oder dafür Spezial-Hardware verwenden. Der einfachste Weg ist, bestehende Bitcoins zu kaufen, also solche, die in früheren Jahren von anderen errechnet wurden, als die Berechnung noch leichter war. Da neue Bitcoin-Ergebnisse immer schwieriger und schwieriger zu finden sind, müsste übrigens der Bitcoin im Lauf der Zeit mehr wert werden, so die Idee.
Doch 1, 10 oder 1.000 Bitcoins zu haben, ist nur eine Seite der Medaille. Man möchte etwas damit anfangen, etwas kaufen. Dafür gibt es das Bitcoin-Zahlungssystem: Sein Herz ist eine von allen Teilnehmern gemeinsam nach dem Peer-to-Peer-System verwaltete Datenbank. Jede Bitcoin-Transaktion wird darin aufgezeichnet, und zwar in einer sogenannten Block-Kette, der Block Chain.

Block Chain: Mutter aller Bitcoins

In die Block Chain – sie ist inzwischen stattliche 43 Gigabyte groß – wird jede Bitcoin-Transaktion eingetragen. Das funktioniert so: Teilnehmer A überträgt 1 Bitcoin an Teilnehmer B; beide melden die Transaktion an die anderen Bitcoin-Verwender. Damit die Transaktion gültig ist, muss sie digital signiert werden – das bedeutet, sie wird mit den privaten digitalen Schlüsseln der Teilnehmer verschlüsselt. Sogenannte Netzwerk-Nodes überprüfen das Ganze und tragen es in die Block Chain ein. Alle anderen Teilnehmer übernehmen die neue, ergänzte Block Chain.

Apropos: Wie erwähnt, werden neue Bitcoins von „Minern” berechnet – und zwar so, dass sie neue „Blocks”, nämlich neue Block Chain-Teile mit ganz neuen Bitcoins, errechnen. Dafür müssen sie aber gleichzeitig die ganze bisherige Block Chain miteinberechnen – was für alle Teilnehmer die Sicherheit gegen Manipulationen erhöht, denn die Ergebnisse müssen immer überall identisch lauten. Wie man Bitcoin-Transaktionen genau durchführt, regelt das Bitcoin-Protokoll; passende Software ist am PC, Android-Smartphone, iPhone, usw. verfügbar. Abgewickelt werden die Transaktionen oft unter Mitwirkung von Online-Marktplätzen.
Ist man als Teilnehmer eigentlich anonym? Grundsätzlich ja, das Protokoll sieht keine Namen vor. Da aber alle Transaktionen in der Block Chain stehen, findet sich irgendwo meist ein Punkt zum Einhaken, z.B. ein Online-Marktplatz, auf dem Bitcoins per Kreditkarte gekauft wurden. Dort könnten Ermittlungsbehörden ansetzen – und tun es auch, Bitcoins werden mitunter als Zahlungsmittel bei unerlaubten Geschäften herangezogen. Freilich: Bei welcher Währung wäre das nicht so?

Die Erfolge und die Gefahren

Heute ist Bitcoin in vielen Regionen und Marktsegmenten vertreten, auch wenn es bis zum Alltagsshopping noch ein weiter Weg ist. In Österreich vertreibt seit Kurzem das Grazer Start-up Coinfinity u.a. über Bankomaten und Trafiken Bitcoins. Auch die etablierten Banken nehmen Bitcoin immer genauer unter die Lupe: Sie interessiert vor allem das Konzept der „Block Chain”, weil es ohne zentralen Hüter (und dessen Kosten) auskommt.

Dass der Wegfall solcher Zentralinstanzen mächtige Institutionen wie die Zentralbanken überflüssig und damit die Welt besser machen würde – das war übrigens die romantische Idee vieler beim Bitcoin-Start. Doch der Glaube ist ernüchtert, das neue Geld hat mit typischen Problemen des alten zu kämpfen.
Höhepunkt war bisher die Verhaftung des Chefs der gescheiterten Bitcoin-Plattform Mt. Gox, Mark Karpelès: Er wurde wegen Verdachts auf Datenmanipulation und Veruntreuung von Kundengeldern in Japan festgenommen und im September 2015 offiziell unter Anklage gestellt – die Bitcoin-Community hat ihren ersten Monsterprozess. Mt. Gox hatte im Februar 2014 den Tausch von Bitcoins in reale Währungen ausgesetzt, kurze Zeit später meldete man Konkurs an. Dabei gingen Bitcoins im Wert von 350 Mio. € verloren; zumindest rund 2,1 Mio. € sollen bei Karpelès gelandet sein, meint die Anklage – was Karpelès aber vehement zurückweist.
Doch Pleiten, Skandale, selbst die Tatsache, dass Bitcoin-Erfinder Nakamoto in Wahrheit eine Phantasiefigur sein dürfte (s. Kasten) waren bisher nicht das Ende von Bitcoin – und auch nicht der früher gelegentlich erhobene Vorwurf des Pryramidenspiels (inzwischen von der Weltbank nach einer Überprüfung ad acta gelegt). Denn, wie es US-Rechtsprofessor Eric Posner von der University of Chicago formulierte: „Bitcoins sind kein Pyramidenspiel, eher ein Fall von kollektiver Einbildung.”
Als eine Art Geld haben auch Bitcoins jenen Wert, den die Menschen ihm zuschreiben. Nur wenn sie damit aufhören gilt: Game over. Kritiker sehen aber auch andere Gefahren: Zum Beispiel könnten die zahlreichen Bitcoin-Nachahmerwährungen überhand nehmen. Oder jemand könnte gegen die Bitcoin-Spielregeln aufbegehren, was Inflation oder Spaltung heraufbeschwört.
Tatsächlich war es schon einmal fast soweit: Infolge eines Fehlers bei einer neuen Version der Bitcoin-Software gab es im März 2013 einige Stunden lang nicht eine Block Chain, sondern zwei. Die unfreiwilligen Abspalter kehrten schließlich zurück und verzichteten auf ihre erzeugten Bitcoins aus der „falschen” Block Chain. Zum Glück: Eine Kontrollinstanz, die die „falschen” Bitcoins hätte entwerten können – die gibt´s eben nicht.

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