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Was die KMU am besten vor Corona schützt © APA/AFP/National Institute of Allergy and Infectious Diseases
© APA/AFP/National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Redaktion 26.03.2021

Was die KMU am besten vor Corona schützt

Digitale Transformation und ein solider Kapitalpolster lassen Unternehmen besser durch die Krise steuern.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN. Der österreichische Mittelstand kämpft mit allen Mitteln gegen die Krise. Es zeigt sich: Viele KMU in Österreich kommen bis dato relativ gut durch die Krise, allerdings vor allem jene, die auf eine stabile Eigenkapitalbasis zählen können und die digitale Transformation noch vor der Pandemie vorangetrieben hatten.

Dies geht aus einer aktuellen Umfrage hervor, die das Wiener Beratungsunternehmen Advicum Consulting durchführte. Trotz mehrheitlich negativer Auswirkungen der Covid-19-Krise auf Umsätze und Erträge ist der Liquiditätsspielraum der befragten KMU überwiegend stabil, nur knapp 16% rechnen kurzfristig mit Liquiditätsproblemen.

Verlust der Mitte

„Die Covid-19-Krise beschleunigt den Verlust der Mitte im Mittelstand”, analysiert Roman Pongracz, Associate Partner bei Advicum, die Umfrageergebnisse und betont: „Die agilen Unternehmen, die bereits vor der Krise in Digitalisierung investierten, ihre Prozesse schlank hielten und die Kundenbedürfnisse eng im Fokus hatten, sehen die Chance, ihre Position weiter auszubauen und ihren Vorsprung zu vergrößern. Jene Unternehmen, die auf alte Rezepte setzten, mit dem Bestehenden zufrieden waren und unterdurchschnittliche Renditen erwirtschafteten, drohen in der Krise hingegen den Anschluss zu verlieren.” Insgesamt sei in allen Märkten mit einem sehr starken Konsolidierungsdruck zu rechnen, so Pongracz.

Kapitalspritze nötig

Knapp die Hälfte der befragten Mittelstands-Betriebe erwartet jedenfalls einen erhöhten Finanzierungsbedarf im laufenden Geschäftsjahr – überwiegend, um in Digitalisierung, Anlagevermögen oder Markt- und Vertriebsaktivitäten zu investieren.

Immerhin jedes fünfte Unternehmen benötigt frisches Geld aber primär, um entstandene Verluste zu decken. Das Vertrauen in die Hausbank scheint bei den mittelständischen Unternehmen auch in Corona-Zeiten ungebrochen. Rund 80% der Umfrageteilnehmer rechnen damit, dass die Banken ihre Finanzierungslinien im weiteren Verlauf der Krise noch erweitern oder zumindest beibehalten werden.
Für mehr als 40% sind Förderungen ein wichtiges Element im Finanzierungsmix. Factoring und andere alternative Finanzierungsformen spielen bei den KMU hingegen eine eher untergeordnete Rolle.
„Ob das erstaunlich große Vertrauen in die Banken aber tatsächlich gerechtfertigt ist, wird sich erst zeigen, wenn die Bilanzen der heimischen Unternehmen für das Geschäftsjahr 2020 vorliegen”, sagt Roman Pongracz.

Optimismus überwiegt

Insgesamt überwiegt bei den von Advicum befragten Unternehmen eine optimistische und zuversichtliche Grundhaltung. Bei knapp einem Viertel liegt der Umsatz bereits jetzt über dem Vorjahresniveau, weitere 52% rechnen damit, dass binnen zwei Jahren das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht werden wird. Ein knappes Viertel geht allerdings davon aus, dass dies, wenn überhaupt, erst auf lange Sicht wieder möglich sein wird.

Advicum Equity-Partner Daniel Knuchel warnt vor kommenden Problemen, die durch Insolvenzen entstehen könnten. Denn die staatliche Förderung von Unternehmen durch Stundungen, Ausfallsentschädigungen und Kurzarbeit wird ungeachtet der Leistungskraft und Zukunftstauglichkeit eines Betriebes ausgeschüttet.

Tote Pferde füttern

Wenn die „toten Pferde” der Wirtschaft weiterhin mit Futter versorgt werden, fürchtet Knuchel Schlimmes: „Am Ende gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es wird zu einer enormen Insolvenzwelle kommen, oder man erlässt den schwachen Unternehmen die Rückzahlungen. Dann zahlen die gesunden Firmen die Zeche, und diese wird nicht gering ausfallen.”

Die Zahl der Unternehmens­insolvenzen in Österreich ging im ersten Corona-Jahr um rund 40% auf 3.034 zurück (medianet berichtete).

„Rucksack wird größer”

Der natürliche Selbstreinigungsprozess der Wirtschaft wurde und wird durch die aktuelle Wirtschaftspolitik in Corona-Zeiten nachhaltig gestoppt, so der Advicum-Experte. Immer mehr und immer länger erhalten Zuschüsse und Unterstützungsmaßnahmen auch jene Betriebe am Leben, die schon vor der Krise keine echte Zukunftsperspektive hatten.

„Der Rucksack wird laufend größer”, fürchtet Knuchel, der mittlerweile mehr als 10.000 heimischen Unternehmen einen Zombie-Status attestiert. „Der Mittelstand wird uns in großen Teilen wegbrechen. Ein Insolvenz-Tsunami droht, wenn am Ende des Tages die ‚Rettungskosten' zu zahlen sind”, sagt Daniel Knuchel.

Zurück zur Dynamik

„Wir müssen rasch wieder zurück in eine dynamische und innovative Wirtschaftswelt, die Trägheit abwerfen und Veränderungen zulassen”, ist man bei Advicum überzeugt.

Marktbereinigungen seien nichts Schlimmes und machen Platz für das Erblühen neuer Unternehmen mit zukunftsorientierten Geschäftsmodellen.
Knuchels Forderung an die Verantwortlichen lautet daher: Stundungen stoppen, Förderungen an die grundsätzliche Lebensfähigkeit eines Unternehmens knüpfen statt sie mit der Gießkanne auszustreuen und Selektion zulassen.

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