INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Industrie 4.0, Co-­Creation, Open Innovation und IoT © Austrian Standards/Thomas Maria Laimgruber
© Austrian Standards/Thomas Maria Laimgruber

Redaktion 05.10.2018

Industrie 4.0, Co-­Creation, Open Innovation und IoT

Austrian Standards-Direktorin Elisabeth Stampfl-Blaha ­erklärt, wie die Wirtschaft mit Standards punktet.

••• Von Paul Christian Jezek und Chris Radda

 

Zum dritten Mal hat Österreich am 1.7. den Vorsitz im Rat der EU übernommen und wird dessen politische Arbeit bis Jahresende wesentlich mitbestimmen.

In diesem Zusammenhang betonen die europäische Normungsorganisation CEN und ihr österreichisches Mitglied, Austrian Standards International (A.S.I.), den wesentlichen Beitrag, den Standards bei der erfolgreichen Bearbeitung der großen Themen und Prioritäten des österreichischen Vorsitzes unter dem Motto „Europa, das schützt” leisten. So spielen Standards eine zentrale Rolle bei der Lösung sicherheitspolitischer Herausforderungen, vor denen die EU heute steht, und helfen dabei, die Wettbewerbsfähigkeit der EU durch die Digitalisierung zu stärken. medianet führte dazu ein Exklusivinterview mit Austrian-Standards-Direktorin Elisabeth Stampfl-Blaha.


medianet:
Frau Stampfl-Blaha, Austrian Standards ist Partner mehrerer europäischer Projekte im Rahmen von Horizon 2020 – was bringen Standards auf internationaler Ebene?
Elisabeth Stampfl-Blaha: Mit Sicherheit haben europäische Standards dazu beigetragen, den EU-Binnenmarkt Wirklichkeit werden zu lassen und damit die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Sie bauen Handelshemmnisse ab und unterstützen Firmen – große ebenso wie Klein- und Mittelbetriebe – dabei, konkurrenzfähige und weltweit gefragte Produkte und Dienstleistungen auf die Märkte zu bringen.


medianet:
Wie gehen Sie denn mit der politischen Ebene um?
Stampfl-Blaha: Man könnte sagen, wir sind näher ‚an die Politik gerückt bzw. gerückt worden': auf europäischer Ebene schon vor fast einem Jahrzehnt, weil man dort die Relevanz der Normung für den Binnenmarkt und vor fünf bis sechs Jahren auch die Bedeutung der Normung für die Innovation deutlich erkannt hat.

Es wird wichtig sein, dass die Verknüpfung von Forschung und Normung noch verstärkt wird. Und auch international ist Normung ein politisch wichtiger Faktor, ich erinnere etwa an China mit dem Seidenstraßen-Megaprojekt. Wir sind froh über das Interesse seitens der Politik. Es ist aber notwendig, dass wir – wie bisher – einerseits von Parteipolitik frei bleiben und andererseits auf globaler Ebene nicht in weltpolitische Spannungen hineingezogen werden.
Bei Standards geht es immer um Sachlösungen, und da hat man es bisher sehr erfolgreich geschafft, sich aus Konflikten, Sanktionen, etc. herauszuhalten.


medianet:
Haben Sie Wünsche an die heimische Politik?
Stampfl-Blaha: Wir hätten gern, dass die Möglichkeiten, die Standards etwa bei der Deregulierung bieten, bei den Verantwortlichen viel stärker bewusst werden. Auch der neue Normungsbeirat als Beratungsorgan der Ministerin auf der Basis des Normengesetzes 2016 sollte von den Stakeholdern und Interessensvertretungen noch stärker wahrgenommen werden. Der Normungsbeirat kann eine gute Plattform sein, um grundsätzliche strategische Dinge zur Normung zu diskutieren.

medianet:
Generell scheint noch mehr Information ein wichtiges Thema für Austrian Standards zu sein?

Stampfl-Blaha: Auf jeden Fall. Das Wissen um Normen und ihre Bedeutung ist in den letzten Jahren sicher gestiegen. Aber da ist noch viel zu tun. Ich denke nicht, dass beispielsweise jeder Abgeordnete alles bis in kleinste Detail kennt.

Wir haben deshalb auch dem ersten Tätigkeitsbericht, den wir laut Normengesetz jährlich an National-, Bundes- und Normungsbeirat zu liefern haben, eine umfassende Einführung in das Thema Standards vorangestellt. Es ist ganz essenziell, das System der Normung klar und einfach verständlich zu machen, vor allem in seiner internationalen Verflechtung. Schließlich ist Normung heute zu mehr als 90 Prozent international.
Weiters haben wir mit der Publikation ‚Standards einfach mitgestalten' einen Wegweiser realisiert, der die Zusammenhänge anschaulich erklärt.

So etwas hat bisher gefehlt. Wir sprechen damit zum einen jene an, die das nötige Hintergrundwissen erwerben wollen – die Basics sozusagen. Zum anderen geben wir allen, die schon seit einiger Zeit an der Entwicklung von Standards teilnehmen, ein Nachschlagewerk zur Hand: Alles Wissenswerte in einem Band.


medianet:
Haben Sie weitere Beispiele für Ihre Info-Politik?
Stampfl-Blaha: Nehmen Sie den ‚Living Standards Award', bei dem wir – 2019 bereits zum fünften Mal – anhand von herausragenden Beispielen zeigen, wie man Standards als strategisches Instrument für den Erfolg eines Unternehmens oder einer Organisation nutzt; einerseits, indem man Standards anwendet oder andererseits Standards initiiert und sie mitgestaltet.

Die Beispiele, die wir bisher auszeichnen konnten, reichen von ganz traditionellen Unternehmen und Verwaltung bis hin zu Forschungs- und Bildungseinrichtungen und Start-ups.
Wir freuen uns schon darauf, am 24.1. bei unserem Neujahrsempfang wieder einige Hidden-Champions vor den Vorhang zu holen.
Dies ist auch ein Beitrag, das Thema Standards auf Chef­ebene noch stärker ins Bewusstsein zu rücken. Da ist noch einiges zu tun, aber es sind schon große Schritte getan.


medianet:
Soeben (Anm.: am 3.10.) fand der zweite IoT-Fachkongress in Wien statt ...
Stampfl-Blaha: Richtig. Das Internet der Dinge dringt ja in immer mehr Bereiche unserer Wirtschaft und unseres Alltags vor. Die Frage ist aber: Wie sieht es mit den Schnittstellen aus?

Passt hier alles zusammen? Gibt es eine gemeinsame Sprache? Welche ethischen Fragen stellen sich? Und genau da zeigt sich, dass Standards eine wichtige Rolle spielen. Solche Fachkongresse, die wir mit Partnern wie Hutchison Drei veranstalten, bieten Gelegenheit, von Best-Practices zu lernen, Strategien und Lösungen zu diskutieren und Netzwerke zu erweitern und zu vertiefen.


medianet:
Was ist aus dem großen Projekt in Sachen Baurecht und Baustandards geworden?
Stampfl-Blaha: Vor zwei Jahren haben wir mit der Bundesinnung Bau das ,Dialogforum Bau Österreich – gemeinsam für klare und einfache Bauregeln' initiiert. Rund 400 Personen und Organisationen haben dabei konkrete Vorschläge erarbeitet, um Kosten zu senken, Planungssicherheit zu verbessern, Innovationen zu fördern und Haftungsrisiken zu reduzieren.

Etliche Widersprüche in den ÖNORMEN wurden inzwischen aufgelöst. Die Agenden des bisherigen Lenkungsausschusses wurden in den ‚Ausschuss für Bauregeln' beim Präsidialrat von Austrian Standards übergeführt. Er wird die Umsetzung der Ergebnisse prüfen und evaluieren, in welchem Umfang sich Österreich an der europäischen Baunormung künftig beteiligen soll. Er wird aber auch die Entwicklung und Anwendung von Baunormen und unmittelbar zusammenhängender rechtlicher Rahmenbedingungen bewerten.
Gemeinsam mit der Geschäftsstelle Bau wollen wir erreichen, dass sich Länder und Bund mit dem Zusammenspiel baurelevanter Gesetze und Verordnungen und deren Verknüpfung mit freiwilligen Baustandards befassen und sich das Parlament Fragen der Rechtssicherheit im Hinblick auf die mögliche Pflicht zur Anpassung an den Stand der Technik stellt.
Wir bleiben also konsequent an der Umsetzung des Ziels, Baunormen weiter zu deregulieren und die Rahmenbedingungen für das Planen und Bauen zu vereinfachen. Dazu findet am 28.11. die ‚Jahrestagung 2018 für Baurecht und Baustandards' bei Austrian Standards statt.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL