LUXURY BRANDS & RETAIL
Die Nobelshopper sind wieder ordentlich in Kauflaune © Louis Vuitton

Hauptverantwortlich für das große Plus von LVMH ist die Mode-und Lederwarensparte, deren Umsätze im ersten Halbjahr 2021 gegenüber 2020 um 81% zugelegt haben.

© Louis Vuitton

Hauptverantwortlich für das große Plus von LVMH ist die Mode-und Lederwarensparte, deren Umsätze im ersten Halbjahr 2021 gegenüber 2020 um 81% zugelegt haben.

britta biron 15.10.2021

Die Nobelshopper sind wieder ordentlich in Kauflaune

Gekauft wird jedoch bewusster und mit Blick auf Umwelt und Klima – der Luxusmarkt ist im Umbruch.

Paris/Mailand/London. Ein Blick auf die Zahlen legt die Vermutung nahe, dass die Erholung von Corona und die Rückkehr zum gewohnt brummenden Geschäft deutlich schneller erfolgt, als ursprünglich gedacht.

Der LVMH-Konzern, mit 75 Marken das mit Abstand größte Luxuskonglomerat der Welt, hat im ers­ten Halbjahr 2021 28,7 Mrd. Euro umgesetzt, das entspricht einem Plus gegenüber 2020 von 56% und übertrifft auch das Ergebnis des Prä-Coronajahres 2019 um 19%.
„Wir sind in einer ausgezeichneten Position, dieses Wachstum fortzusetzen und unsere führende Position am weltweiten Luxusmarkt zu stärken”, sagt Bernard Arnault, Vorsitzender und CEO von LVMH. „Da Frankreich einer der wichtigsten Luxusmärkte und Herkunftsland vieler unserer Produkte ist, profitiert von unserem heutigen und künftigen Erfolg die gesamte französische Wirtschaft.”

Satte Zuwächse bei …

Beim Kering-Konzern freut man sich ebenfalls über eine rasche Erholung: Mit 8,05 Mrd. Euro stieg der Gesamtumsatz im ersten Halbjahr gegenüber 2020 um 54% und liegt mit 8,4% auch deutlich über dem von 2019. Deutliche Steigerungen verzeichneten alle Marken; vor allem im zweiten Quartal hatte das Geschäft kräftig angezogen.
Gegenüber dem Vorjahr konnte Hermès in den ersten sechs Monaten dieses Jahres den Umsatz um 77% auf 4,235 Mrd. Euro steigern. Damit liegt man um satte 33% über dem Ergebnis von 2019. Burberry meldete für das erste Quartal 2021 einen Umsatz von 479 Mio. GBP (56 Mio. Euro), fast eine Verdoppelung (+90%) zur Vorjahresperiode.
Die Prada Group schloss das erste Halbjahr 2021 mit einem Umsatzplus von 60% auf 1,5 Mrd. Euro ab, und CEO Patrizio Bertelli blickt – auch wenn die Rahmenbedingungen weiterhin herausfordernd bleiben – optimistisch in die Zukunft: „Wir sind überzeugt, dass diese positive Dynamik in der zweiten Jahreshälfte anhalten wird. Unsere Marken haben weiterhin ein starkes Potenzial.”
Von Chanel gibt es zwar keine konkreten Halbjahreszahlen, aber immerhin hatte CFO Philippe Blondiaux in einem Interview mit der New York Times erklärt, dass die Geschäfte seit Herbst 2019 wieder kräftig zulegen und man zwischen Jänner und Juni 2021 ein zweistelliges Umsatzplus im Vergleich zu 2019 erreichen konnte. Er sei froh, dass er mit seiner ursprünglichen Prognose, die Rückkehr zum Vorkrisenniveau würde gut zwei Jahre dauern, danebengelegen habe.

… den Big Playern

Wie geschmiert läuft es auch beim Kosmetikgiganten L’Oréal. Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr gegenüber 2019 um gut ein Fünftel auf 15,2 Mrd. Euro. Verantwortlich für das erfreuliche Ergebnis war vor allem die starke Nachfrage nach den Edelmarken, den dem Umsatz um 28% auf 5,472 Mrd. Euro noch oben trieben. Im Vergleich dazu entsprechen die 5,963 Mrd. Euro, die mit den günstigeren Brands umgesetzt wurden, lediglich einem Plus von 6,3%.
Also alles wieder paletti im Luxusland und Business as usual? Nein. Die Zahlen der Big Player, so erfreulich sie sind, zeigen auch, dass der Motor längst noch nicht überall wieder auf Touren ist. In Europa fehlen nach wie vor die gewohnten Massen an zahlungskräftigen Shoppingtouristen aus Asien und den USA, was vor allem die gehobene Hotellerie und Gastronomie sowie auch die Edelboutiquen, Juweliere und Department Stores hart trifft.

E-Commerce glänzt

Im E-Commerce hält der Boom – wenig überraschend – weiter an. Die zum Schweizer Richemont-Konzern gehörende YNAP-Gruppe – mit den Portalen Net-a-Porter und Mr Porter eine der beliebtesten Adressen für luxus-affine Onlineshopper – hat kürzlich in Landriano in der Nähe von Mailand ein neues Distributionszentrum eröffnet und seine Kapazitäten verdoppelt. 47 Mio. Euro hat sich der E-Commerce-Gigant den 54.000 Quadratmeter großen und mit modernster Technik ausgestatteten Komplex, der auch einen Digital Production Hub für die Content­erstellung beherbergt, kosten lassen.
Ungebrochen aufwärts geht es auch bei dem in Berlin ansässigen Onlinehändler Zalando. Für das zweite Quartal 2021 wurde ein Umsatz von 2,733 Mrd. Euro gemeldet (+34,3%) und die Wahrscheinlichkeit, das für heuer anvisierte Ziel, die 10 Mrd. Euro-Marke, zu überspringen, nimmt zu.
Im Sommer hat Zalando seine Präsenz auf sechs weitere Märkte – Litauen, die Slowakei, Slowenien, Estland, Kroatien und Lettland – erweitert. Im September 2021 wurde eine Partnerschaft mit Not Just A Label (NJAL), einer weltweit agierenden Plattform, die vor allem auf junge Designermarken und Nischenlabels spezialisiert ist, gestartet. Außerdem wird das Angebot an Luxusmarken laufend ausgebaut. Zu den jüngsten Neuzugängen zählen etwa Missoni, Chris­topher Kane und Mansur Gavriel. Im vierten Quartal wird Zalando das Prestige-Beauty-Angebot von Sephora – zunächst allerdings nur in Deutschland – in sein Sortiment aufnehmen.
Ein immer wichtigeres Thema in der Luxusbranche, das durch die Coronakrise einen nachhaltigen Push bekommen hat, ist Nachhaltikeit. Die Maßnahmen, die von Händlern und Marken gesetzt werden, um den steigenden Wunsch der Konsumenten nach Produkten zu stillen, die nicht nur schön und teuer, sondern auch gut für’s Gewissen sind, sind vielfältig.

Nachhaltigkeit ist ein Muss

Net-a-Porter baut die Net Sus­tain-Kollektion kräftig aus. Mittlerweile umfasst das Angebot mehr als 150 grüne, faire und nachhaltige Fashion-, Beauty- und Accessoirebrands. Zusätzlich arbeitet man mit Reparatur- und Restaurierungsbetrieben, Änderungsschneidereien, Recyclingprogrammen oder Secondhand-Betrieben, um Kunden entsprechende Services und Infos bieten zu können.
Auch Zalando setzt verstärkt auf Kreislaufwirtschaft: Am 11. Oktober wurde mit „Care & Repair” in Berlin ein Pilotprojekt für Pflege- und Reparaturservices gemeinsam mit dem Londoner Start-up Save Your Wardrobe sowie Schneidereien gestartet. Der neue Service soll sukzessive auf weitere Märkte ausgeweitet werden. Darüber hinaus wird das vor rund einem Jahr gestartete Pre-owned-Programm kontinuierlich ausgebaut, und gemeinsam mit Fashion for Good arbeitet Zalando im Rahmen des Projekts „Sorting For Circularity” an der Entwicklung einer Open-Source-Plattform für die Entsorgung von Textilabfällen.

Resale liegt im Trend

Für einiges Aufsehen sorgte Gucci im September mit der neuen Onlineplattform Gucci Vault, über die edle Vintage-Ware aus den 1960er- bis 1980er-Jahren angeboten wird. Die erste Auflage war ruckzuck ausverkauft, aber es wird regelmäßig Nachschub geben – allerdings nur etwa 30 Stück pro Monat. Im Herbst hat die YNAP-Gruppe die eigene Resale-Plattform „mi” gestartet, vorerst nur in Großbritannien.
Im Uhrensektor ist der Secondhand-Bereich seit Jahren ein rasant wachsendes Geschäft, mit dem zunehmend die Hersteller selbst liebäugeln, wie etwa Zenith. Die Marke aus dem LVMH-Konzern hat heuer die Icons-Kollektion gelauncht, eine Sammlung überprüfter und zertifizierter Vintage-Modelle.

Pelz, nein danke oder …

Tierschützer werden sich freuen, dass die Fur Free-Bewegung wieder eine große Zutrittswelle verzeichnet. Der deutsche Online-Händler MyTheresa wird ab der FS-Saison 2022 keine Produkte mit Echtpelz mehr im Sortiment haben. Bereits diesen Frühling war das Aus für exotisches Ledersorten, wie z.B. Python, Eidechse, Alligator, Krokodil oder Strauß erfolgt.
Auch sämtliche Marken des Kering-Konzerns werden ab Frühling 2022 pelzfrei sein. Das überrascht nicht, denn seit 2017 haben sich beginnend mit Gucci schon etliche Konzern-Marken vom Fell losgesagt, und die Tierschutzorganisation PETA, seit dem Vorjahr ein Kering-Aktionär, hat wiederholt Druck gemacht.

… mit Zertifikat

Sorgen, dass die Pelzbranche pleite geht, braucht man sich aber nicht zu machen. Der Fur Free-Trend beschränkt sich vor allem auf die jungen Käuferschichten in Westeuropa und den USA und deren Wertvorstellungen sind nicht repräsentativ für den Rest der Welt.
Die International Fur Federation (IFF) hat jetzt das weltweite Zertifizierungs- und Rückverfolgbarkeitssystem „Furmark” gelauncht, das entlang der gesamten Produktionskette die Einhaltung von Standards garantiert. Sonderlich ambitioniert sind die zwar nicht – das trifft aber auch auf viele andere Öko-, Nachhaltigkeits- oder Fairtrade-Siegel zu –, aber den potenziellen Kunden reichen sie offensichtlich zur Beruhigung des Gewissens. Bei einer Befragung von 5.000 Personen in den USA, Spanien, Großbritannien, Italien und Frankreich im Zuge der Furmark-Einführung gaben 70% an, Designern und Marken, die Naturpelz verwenden, weitgehend „offen” gegenüberstehen. Eine Mehrheit (65%) beurteilte das Siegel positiv, und mehr als die Hälfte (56%) meinte, dass die Zertifizierung ihre Meinung über Naturpelz „sehr positiv” oder „positiv” beeinflusse. An der Entwicklung des Zertifikats war übrigens der LVMH-Konzern maßgeblich beteiligt, zu dem das Pelzhaus Fendi gehört.

Übernahme-Zirkus

In Kauflaune sind nicht nur die Luxusshopper, sondern auch die Marken. Der LVMH-Konzern hat im April um 74,5 Mio. Euro die Aktien von Tod’s-CEO Diego Della Valle gekauft und damit seine Beteiligung auf 10% erhöht, im Juni dann die restlichen 33% an Emilio Pucci erworben. Im Juli wurde eine 60%ige Mehrheitsbeteiligung am italienischen Modehaus Etro über die Investmentgesellschaft L Catterton bekannt gegeben, kurz danach eine im selben Umfang an Off-White.
Die Eyewear-Sparte von Kering hat das dänische Luxusbrillen-Label Lindberg gekauft, Richemont die belgischen Nobellederwaren-Marke Delvaux.

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