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Warum Start-ups nicht ins Silicon Valley müssen © fej
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Dinko Fejzuli 17.05.2019

Warum Start-ups nicht ins Silicon Valley müssen

Martin Weiss, Botschafter in Israel, über das „Silicon Wadi”, Wissenstransfer und Know-how-Austausch.

••• Von Dinko Fejzuli

Jeder kennt das Silicon Valley in den USA, und auch immer mehr Menschen kennen das sogenannte Silicon Wadi (‚ausgetrocknetes Flussbett'), denn so wird Israels höchst erfolgreiche Start-up-Szene, die mittlerweile die zweitgrößte der Welt ist, genannt.

medianet nahm den Eurovision Song Contest, der ja heuer in Israel stattfindet, zum Anlass und bat den Österreichischen Botschafter in Israel, Martin Weiss, zum Interview über die dortige Start-up-Szene und darüber, welche Möglichkeiten sich vor allem für österreichische Unternehmen bieten.


medianet: Herr Botschafter Weiss, Sie vertreten Österreich in Israel, das nach dem Silicon Valley in den USA mit dem sogenannten Silicon Wadi quasi die zweitpotenteste Start-up-Szene der Welt auf die Beine gestellt hat. Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Aufstieg?
Martin Weiss: Was Sie sagen, ist genau richtig. Man sagt, es gibt das Silicon Valley und eben hier das Silicon Wadi, das sind die zwei Hotspots der Start-up-Szene. In den USA ist es klar, da gibt es Giganten wie Google oder Facebook, an die sich einfach vieles anhängt. In Israel hat es andere Gründe. Es gibt hier einerseits die Notwendigkeit, in gewissen Bereichen stark aufgestellt zu sein, zum Beispiel im Bereich Cyber Security. Israel hat natürlich große Sicherheitsfragen, man muss sich in dem Bereich schützen können. Viele Firmen kommen hier aus dem militärischen Bereich, weil man dort eben einfach gewisse Dinge aufgrund der Situation des Landes entwickeln musste. Israelis müssen außerdem drei Jahre zum Militär gehen; dort gibt es auch Einheiten, die sich gerade mit dem Thema Cyber Security auseinandersetzen. Und viele junge Leute kommen dann aus dem Militär, haben dort Bekanntschaften aufgebaut, studieren und sagen ‚Ich hätte da eine Idee, warum setzen wir das nicht um?' Zum Beispiel Waze (gesprochen Ways Anm.d. Red.), ein Programm, das einem sagt, wo Stau ist und wie man am optimalsten fährt, kommt aus einer militärischen Anwendung und ist dann privat weiterentwickelt worden.

medianet:
Und solche Netzwerke entwickeln ein Eigenleben …
Weiss: … absolut richtig. Hinzu kommt, dass Israel quasi aufgrund der Größe des Landes keinen eigenen Markt hat. Israel ist nicht wie Österreich im Herzen Europas mit offenen Grenzen, es ist in Wirklichkeit in alle Richtungen zu, praktisch wie eine Insel, und muss immer nach außen blicken, immer schauen, wo es mit seinen Ideen reüssieren kann.

medianet:
Welche Chancen sehen Sie hier für österreichische Unternehmen?
Weiss: Es gibt einerseits österreichische Unternehmen, die hier seit vielen Jahren in der traditionellen Wirtschaft tätig sind, etwa im Bereich Infrastruktur die Strabag oder Doppelmayr. Die Strabag baut hier gerade den längsten Druckwassertunnel der Welt, um Wasser von der Küste ins Landesinnere zu transportieren, denn 70 Prozent des Trinkwassers in Israel sind entsalztes Meerwasser. Doppelmayr baut einen Lift in Haifa anstatt einer Straße, um die Stadt mit der auf einem Berg liegenden Universität zu verbinden. Frequentis stattet die israelischen Flughäfen mit österreichischer Technologie aus. Sie sehen also, es gibt etliche Firmen, die im Baubereich tätig sind.

Und dann eben Firmen, die sich stark umschauen, etwa zum Beispiel im Bereich Cyber Security, und identifizieren, was sie hier von Israel lernen können. Wenn man früher die Infrastruktur eines Landes schützen musste, dann hat man eben Wachpersonal vor das Kraftwerk gestellt. Heute sieht das natürlich anders aus, denn der Angriff kommt nicht mehr von einem Terroristen mit einem Sprengsatz, sondern oft über den Computer, über das Internet. Und da brauche ich Know-how, und dieses Know-how hat Israel.


medianet:
Und Wissenstransfer nach Österreich ist möglich?
Weiss: Auch. Es gibt Firmen, die kommen hierher, um zu scouten, mit welchen Firmen sie hier eine Partnerschaft eingehen könnten. Auch interessant ist, dass sich Israel sehr stark im Bereich autonomes Fahren eingebracht hat. Die Firma Mobile Eye etwa arbeitet praktisch mit allen Autoherstellern der Welt zusammenarbeitet. In dem Bereich gibt es aber auch in Österreich Know-how, da sind manche österreichische Firmen an der Weltspitze. Der gesamte Bereich der Fahrzeugproduktion wird sich in den kommenden Jahren sehr stark ändern, und wenn man wissen will, wie das Auto der Zukunft ausschauen soll, dann ist es jedenfalls interessant, sich in Israel umzusehen.

medianet:
Und wie weit können die Botschaft und auch die Außenhandelsstelle der WKÖ hier die österreichischen Unternehmen unterstützen?
Weiss: Es gibt einerseits ganz direkte Programme von der WKÖ, die es jungen österreichischen Firmen ermöglichen, hierher zu kommen und auf begrenzte Zeit eine Plattform zu haben. Es gibt ein Programm, das junge österreichische Start-ups dazu einlädt, Interessenten aus Israel zunächst einmal zu präsentieren, welche Ideen sie haben. Denn sehr oft ist es so, wenn Sie ein Start-up haben, dann haben Sie zwar eine gute Idee – bis zur Umsetzung ist der Weg aber weit. Und wenn Sie die Chance nutzen, nach Israel zu kommen und einmal 14 Tage lang Leute aus derselben Szene treffen, Investoren treffen, denen Sie Ihre Idee präsentieren, dann sind Sie mit Ihrer Idee schon sehr viel weiter und sind auch sehr viel besser darin, diese zu präsentieren und zu verstehen, wo ihre Schwachstellen liegen.

medianet:
Auch weil die Spezialisten hier wahrscheinlich relativ rasch sehen, ob die mitgebrachte Idee etwas ist oder nicht?
Weiss: Genau, und zwar schnell. Oder sie können es in eine Richtung leiten, weil sie sagen, der Teil der Idee ist super, aber den Rest haben schon 15 andere vor dir besser gemacht; warum entwickelst du nicht diesen einen Teil in diese und diese Richtung. Und dann wird auch der Investor, der in der Jury sitzt, sagen, ‚Pass auf, ich bin bereit, mich zu beteiligen, wenn du die Frage XY lösen kannst'. Das haben wir bei jungen österreichischen Firmen gesehen, die, als sie hergekommen sind, noch sehr blauäugig waren, und nach 14 Tagen Gesprächen und intensivem Arbeiten viel genauer wussten, wie sie mit ­ihrer Idee Erfolg haben können.

medianet:
Das heißt, österreichische Unternehmen haben hier die Chance, in kurzer Zeit viel Know-how einzusammeln und Feedback zu bekommen.
Weiss: Genau. Das Schöne an Israel ist auch, dass es ein kleines Land ist. Es ist nicht viel größer als Niederösterreich, aber mit einer ganz hohen Dichte. Das heißt, Sie können innerhalb einer Woche, zehn Tagen, mit so vielen Leuten reden, die wirklich wissen, wovon sie sprechen, die nichts anderes machen, als Firmen zu vernetzen.

 

medianet: Für welche Branche ist denn Israel interessant?
Weiss: Wie gesagt, alles, was in den Bereich Cyber Security geht, ist interessant. Dann alles, was in den Bereich Fintech, also Finanztechnologien, geht – ob das jetzt Blockchain oder Ähnliches ist, da gibt es wahnsinnig viele Anwendungsmöglichkeiten. Dieser Start-up-Sektor ist ja Gott sei Dank extrem breit, da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Aber Cyber Security ist jedenfalls einer der Marktführer.

medianet:
Welches Bild haben Vertreter der israelischen Wirtschaft von unserem Land?
Weiss: Österreich hat einen sehr guten Ruf. Ich habe das bei ein paar Twinning-Projekten gesehen, wo österreichische Firmen hier in Israel tätig sind, z.B. in den Bereichen Umwelttechnologien und -beratung. Gerade hier hat Österreich einen sehr, sehr guten Namen. Israel hat sehr hohe Qualitätsstandards und will nur mit den Besten zusammenarbeiten, und Österreich fällt immer wieder unter diese Besten. Österreich steht in Israel für Qualität und höchstes technisches Wissen, weil in Österreich auch die Ausbildung sehr gut ist. Also man kann ruhig sagen, dass Österreich für Israel in manchen Bereichen sicher eine Benchmark ist. Ich war zum Beispiel neulich beim Flughafen in Tel Aviv und da haben sie etwa über die Technologie von Frequentis gesagt, ‚Das ist genau das, was wir wollen, das ist höchste Verlässlichkeit, besser geht es nicht'.

medianet:
Was würden Sie österreichischen Unternehmen raten, die nach Israel kommen und an diesem Wissenstransfer teilnehmen möchten?
Weiss: Man kann mit uns in der Botschaft oder eben den Handelsdelegierten Kontakt aufnehmen. Da wird man Möglichkeiten finden, zu verstehen, wonach er oder sie sucht. Man muss Research betreiben, aber dann wird man hier interessante Partner finden – und das ist nicht einmal so schwer. Verglichen mit dem Silicon Valley, ist Israel sehr nah, das ist ein großer Vorteil. Nach Kalifornien zu reisen, ist eine teure Geschichte. Hier hingegen haben wir derzeit pro Woche 38 Direktflüge nach Israel, man ist in drei Stunden hier. In Wahrheit kann man hier in schon in vier bis fünf Tagen sehr viel machen und erreichen.

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