„Junge machen Druck”
© Petra Spiola
Neue Realität Edgar Martin erlebt in seiner Arbeit für die Gewerkschaft younion, dass Jüngere mehr Forderungen stellen und der Druck auf Arbeitgeber wächst.
HEALTH ECONOMY Redaktion 01.03.2024

„Junge machen Druck”

Die Machtverhältnisse am Jobmarkt haben sich gedreht. Edgar Martin von der Gewerkschaft younion erklärt im medianet-Gespräch, wieso.

••• Von Katrin Grabner

WIEN. Der Druck am Arbeitsmarkt steigt. Allerdings nicht für Jobsuchende, sondern für die Arbeitgeber – zumindest im Gesundheitssystem. Edgar Martin von der Gewerkschaft younion, Vorsitzender der Hauptgruppe II und damit Personalvertreter für rund 30.000 Beschäftigte beim Wiener Gesundheitsverbund, spricht im Gespräch mit medianet über umgekehrte Machtverhältnisse, Generationenunterschiede und die Wahrscheinlichkeit einer 35-Stunden-Woche.

medianet:
Arbeitgeber im Gesundheitswesen sind verzweifelt auf der Suche nach Personal. Warum tun sie sich dabei so schwer?
Edgar Martin: Das Blatt hat sich gewendet. Heute sind es die frisch Ausgebildeten, die Forderungen stellen. Das Konzept von Work-Life-Balance hat voll eingeschlagen, junge Leute wollen mehr Zeit für ihr Sozialleben. Auch die Digitalisierung spielt eine große Rolle. Viele Arbeitgeber, deren Prozesse noch in den starren Strukturen des Gesundheitswesens stecken, können da nur schwer mithalten.

medianet:
Wie wichtig ist hier Employer Branding?
Martin: Mittlerweile sehr wichtig. Heute sind es die Arbeitgeber, die sich bewerben müssen und nicht umgekehrt. Manche haben das schon verstanden und schalten sogar in anderen Bundesländern Werbung, um Personal in ihre Häuser zu bekommen.

medianet:
Was genau müssen Arbeitgeber jetzt bieten?
Martin: Der Druck ist da, Benefits zu bieten. Junge Leute schauen auf Nachhaltigkeit, Mobilität, Kinderbetreuung und eine gute Work-Life-Balance. Das wird sich so schnell nicht ändern, das muss akzeptiert und die Rahmenbedingungen angepasst werden. Auch leistbarer Wohnraum ist Thema – vor allem bei Personal aus dem Ausland, wo auch Integrationsangebote wichtig sind. Arbeitgeber, die in all diesen Punkten Angebote machen, haben gute Chancen, gewählt zu werden.

medianet:
Heißt das, Jobsuchende haben gute Chancen, bei Verträgen zu verhandeln?
Martin: Nicht unbedingt. Im öffentlichen Bereich gibt es eine Dienstordnung, ein Dienstrecht. Das ist ein recht enger Rahmen. Jobsuchende haben heute aber ein größeres Angebot, aus dem sie wählen können.

medianet:
Glauben Sie, dass bald die 35-Stunden-Woche kommt?
Martin: Eine 35-Stunden-Woche ist im österreichischen Gesundheitswesen im Moment noch unrealistisch. Der akute Personalmangel und ein gewisser Skeptizismus gegenüber einer Arbeitszeitverkürzung machen das zurzeit schwierig.

medianet:
Welche Ansichten müssen sich also ändern?
Martin: Es scheitert ja schon daran, dass Personal in der Mittagspause ausstechen soll, aber wenn man vor Ort is(s)t, dann passiert es oft, dass man schnell wo gebraucht wird. Beim Thema Arbeitszeit braucht es ein Umdenken. Und mehr Verständnis. Jungmediziner werden in einem 25-Stunden-Dienst stärker gefordert als Dienstältere, die wiederum Druck von oben machen. Vor allem ältere Generationen tun sich schwer mit den Forderungen der Jüngeren. Dabei würden auch sie davon profitieren – viele Ärzte spüren die Überlastung erst in der Pension und werden dann schwer krank.

medianet:
Wie können Ärzte und Pflegepersonal entlastet werden?
Martin: Wenn sich bei den Arbeitszeiten so schnell nichts ändert, muss bei Gehältern und Benefits nachjustiert werden. Arbeitgeber müssen verstehen, dass es über Druck nicht mehr geht, sondern attraktive Angebote für Beschäftigte geschaffen werden müssen.

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