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Nehmen Computer uns die Jobs weg? © dpa/Sebastian Kahnert
© dpa/Sebastian Kahnert

Sven G. Janszky 01.04.2016

Nehmen Computer uns die Jobs weg?

Wenn maschinelle und schnell kopierbare Arbeiter in der Lage sind, so gut wie alle Jobs billiger und besser zu erledigen. Was dann?

••• Sven G. Janszky

Es ist kein Geheimnis, dass Computer und ihre verbundenen Robotergehilfen schon heute die besseren Arbeiter am Fließband und an der Produktionsstraße sind. Sie werden in den kommenden zehn Jahren aber auch die besseren Wissensarbeiter, die besseren Ärzte, Unternehmensberater, Makler, Reiseführer, Lehrer, Steuerberater, Dolmetscher, Verkäufer … usw. werden. Und trotzdem prognostizieren wir Zukunftsforscher in den kommenden 20 Jahren eine Ära der Vollbeschäftigung. Der Grund ist einfach: Die Digitalisierung geht einher mit einem demografischen Sondertrend: Die Massen an Arbeitskräften in der Generation der Babyboomer gehen bis 2025 in Rente; sie werden im Arbeitsmarkt nur minimal ersetzt durch die Wenigen in den geburtenschwachen Jahrgängen. Wer nur die Renteneintritte und die Arbeitsmarkteintritte gegeneinander aufrechnet, der erkennt schnell, dass wir im Jahr 2025 z.B. im deutschen Arbeitsmarkt etwa 6,5 Mio. arbeitende Menschen weniger haben werden.

Wenn wir die heutige Arbeitslosigkeit und alle Sonderprogramme von Staat und Unternehmen abziehen, bleiben nach wie vor 3-4 Mio. nicht besetzte Jobs. So viele Jobs kann die Digitalisierung in zehn Jahren nicht ersetzen. Mit maximal 1 Mio. automatisierten Jobs rechnen wir Zukunftsforscher bis 2025. Eine Vollbeschäftigung, die etwa bis zum Jahr 2035 anhalten wird. In dieser Phase ergänzt die Digitalisierung die menschliche Arbeit. Sie macht sie besser, schneller und perfekter. Sie macht die Produkte individueller und adaptiv. Sie lässt den Standard-Bereich aus allen Märkten verschwinden. Sie verändert die ehemalige Marktpyramide mit den klar definierten Economy-, Standard- und Premiumsegmenten. Bis 2040 gibt es nur noch zwei ernst zu nehmende Segmente: den Economy-Bereich und das Premium-­Segment.

Bis 2040: Der Standardbereich verschwindet

Die dahinter liegende Logik der Digitalisierung zeigt eine Verschiebung in den menschlichen Werten. Bisher funktionierten scheinbar alle Bereiche, von Economy bis Premium, nach der gleichen rationalen Logik: dem Preis-Qualitäts-Vergleich. Entsprechend haben wir niedrige Preise und niedrige Qualität im Economy-Segment verortet, während wir höchste Preise und höchste Qualität im Premium-Segment fanden. Logischerweise gab es dazwischen einen großen Standardbereich von mittleren Preis und mittlerer Qualität. Doch dies gilt nicht mehr. Die wichtigste Zukunftsentwicklung bis 2040 ist, dass Economy- und Premium-Segment nach unterschiedlichen Logiken funktionieren. Während das bisherige Abwägen zwischen Qualität und Preis im Economy-Segment bleibt und innerhalb dieses Segments bis zu höchsten Qualitäten und höchsten Preisen geht, treffen die Kunden im Premium-Segment ihre Kaufentscheidung nicht nach Qualität und Preis, sondern nach deren Eignung als Identitätsmanager. Da in Zukunft Economy- und Premium-Segment also nicht mehr durch die gleiche Grundlogik verbunden sind, gibt es auch keine Basis mehr für das Standard-Segment dazwischen. Die Folge: es verschwindet. Die Geschäftsmodelle der Zukunft werden diesen grundlegenden Wandel der Markt­pyramide aufnehmen und die Verkaufsstrategien entsprechend verändern müssen.

Economy und Premium

In den kommenden Jahren werden Technologien der Smarten Prognostik in unsere Verkaufsprozesse einziehen. Dann werden die digitalen Assistenzsysteme intelligent. Sie sind individuell und haben ihren Platz im Handy und auf den Displays der Kunden. Auf Basis von Datenanalyse verstehen sie, wie ihr Besitzer „tickt” und welche Kundenbedürfnisse ihn treiben. Darüber hinaus verstehen sie auf Basis von situativen Daten auch, wie sich von Moment zu Moment die Kundenbedürfnisse ihres Nutzers verändern. Sie sind Teil eines großen „intelligenten Touchpointmanagements”, das die von vielen verschiedenen digitalen Geräten gesammelten Daten verbindet und zu intelligenten Schlussfolgerungen zusammenführt. Die von den Geräten gegebenen Empfehlungen sind also nicht nur individuell, sondern auch ­situativ verschieden. Beides zusammen heißt: adaptiv. In der Konsequenz werden Verkaufsprozesse, aber auch Produkte und Dienstleistungen, adaptiv werden, um bestmöglich in die jeweilige Nutzungssituation des Kunden zu passen. Zudem werden die Kunden die Erfahrung machen, dass ihre digitalen Assistenten ihnen wesentlich passendere Angebote machen als herkömmliche Verkäufer. Und selbst der eigenen Suche werden Kunden weniger vertrauen, als den Empfehlungen ihrer digitalen Assistenten. Denn deren Antworten auf die Fragen von Preis und Qualität, also Fragen, die sich rational berechnen lassen, sind schlicht besser! Das Economy-Segment des Jahres 2020 wird bestimmt durch intelligente Handys, passive Kunden und adaptive Angebote.

Das Premium-Segment ist das Gegenteil von Economy. Hier suchen Kunden ganz bewusst nicht nach der rationalen Antwort auf Preis und Qualität. Hier schalten sie ihre digitalen Assistenten bewusst ab. Doch warum sollten sie das tun, wenn die doch so intelligent sind? Die Antwort ist: Weil der Mensch in manchen Situation nicht nach rationaler Logik agiert, sondern nach der Logik des „Identitätsmanagements”. Dies bedeutet: Menschen tun Dinge, deren Hauptzweck nicht die Erledigung von rationalen Notwendigkeiten ist. Stattdessen tun Menschen diese Dinge, um ihre eigene Identität auszudrücken. Sie wollen ihren Mitmenschen, ihren Kollegen, Freunden und Bekannten und natürlich auch ihrem eigenen Ego gegenüber beweisen, dass sie besonders sind: besonders öko, besonders kulturinteressiert, besonders sportlich, besonders innovativ, besonders sparsam, besonders luxusorientiert, besonders designaffin, besonders regional verwurzelt … es gibt eine ganze (allerdings begrenzte) Anzahl von Identitäten. Im Premium-Segment ist das treibende Kundenbedürfnis, an Orte zu gehen, mit denen sie die eigene Identität ausdrücken können und Produkte zu kaufen, mit denen sie die eigene Identität ausdrücken können. Dies alles verändert Geschäftsmodelle, Produkte und Services. Aber es schafft nicht die menschlichen Jobs ab.

Bis 2070: Die Economy-Jobs verschwinden

Doch das Rad der Geschichte wird sich weiterdrehen. Im Durchschnitt aller Prognosen ist es das Jahr 2045, ab dem die menschliche Rasse nicht mehr die intelligenteste Spezies auf der Welt ist. Ab dann wird es spannend. Man muss bei quantitativen Prognosen über die Zukunft bekanntlich misstrauisch sein, denn die Zukunft lässt sich weder zählen noch messen. Aber manch eine dieser Zahlen zeigt doch wenigstens eine Richtung auf. So hat US-Präsident Obama in seinem Februar-Bericht an den US-Congress eine Studie des White House's Council of Economic Advisers (CEA) zitiert. Sie prognostiziert, dass alle Jobs im US-Arbeitsmarkt, die weniger als 20 USD pro Stunde verdienen, durch Computer ersetzt werden. Dies betrifft aktuell 62% aller Jobs in den USA. Auch Wissenschaftler wie Moshe Vardi (Rice University, Guggenheim fellow) gehen davon aus, dass die Hälfte der heutigen US-Jobs im Jahr 2030 wegfällt. Die Oxford-University spricht von 50% zwischen 2025 und 2035 und McKinsey von 45%. Es sind vor allem die einfachen Jobs, Fast Food-Frittierer, die Call Center-Agenten und Supermarkt-Kassierer. Bei anspruchsvolleren Jobs, die zwischen 20-40 USD/Stunde bringen, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Ersatzbarkeit Obama zufolge schon auf 31% und bei Jobs oberhalb 40 USD pro Stunde sogar auf nur vier Prozent.

Man muss das alles nicht in dieser Absolutheit glauben. Gründe für berechtigte Skepsis an den Zahlen der Apokalyptiker finden sich einige: Der deutsche Arbeitsmarkt beispielsweise ist im durchschnittlichen Qualifikationsniveau deutlich höher als der amerikanische. Andere Trends, wie etwa der Bevölkerungsschwund durch demografische Entwicklungen, sind bei all den genannten Studien nicht eingerechnet. Zudem haben auch die USA noch 20 bis 25 Jahre Zeit, um ihren Arbeitsmarkt anzupassen, die Menschen höher zu qualifizieren und eine ganz neue Generation der higher education auszubilden. Doch was bleibt ist die große Linie: Denn je kompletter die intelligenten Computer werden, je näher sie der allgemeinen menschlichen Intelligenz kommen und nicht mehr nur Experten auf einem Gebiet sind, desto mehr Jobs werden sie kostengünstiger übernehmen können. Der besondere Vorteil: Intelligente Computer sind skalierbar. Die Software ist per Mausklick duplizierbar, ganz anders als der menschliche Experte. Dies macht Maschinen mit allgemeiner, menschlicher Intelligenz zum kostengünstigen Ersatz für menschliche Arbeit. Dies schafft zugleich ein großes Angebot an Arbeitskräften, welches die Löhne senkt. Und wenn diese maschinellen und schnell kopierbaren Arbeiter in der Lage sind, so gut wie alle Jobs billiger und besser zu erledigen – was dann?

Menschen werden zu Identitätsmanagern

Was, wenn Menschen nahezu alle ihre Jobs in der Herstellung von Produkten verlieren? Sie gewinnen massenhaft neue Jobs in der Herstellung von Identitäten. Die arbeitenden Menschen werden zu Identitätsträgern und Identitätsmanagern. Sie beraten und begleiten andere Menschen. Statt Autos und Häusern stellen die Menschen Anerkennung, Zugehörigkeit und Identität her. In diesem Zuge werden Ärzte zu Gesundheits-Coaches, Versicherungsmakler zur Risiko-Coaches, Bankberater zu Finanz-Coaches, Lehrer zu Karriere-Coaches, Lebensmittelhändler zu Ess-Coaches, Bäcker zu Back-Coaches … usw.

Oder wer es esotherischer mag: „Nach der Eroberung der Geosphäre (physische Welt) und der Biosphäre (biologische Welt) ist die Menschheit auf dem Weg in die Noosphere. Das Ziel menschlicher Arbeit und Anstrengungen wird die Eroberung des Bewusstseins, möglicherweise gar ein kollektives Bewusstsein.”

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