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„Es gibt immer noch Handlungsbedarf!” © www.dieida.at
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Redaktion 05.03.2021

„Es gibt immer noch Handlungsbedarf!”

Vöslauer-Chefin Birgit Aichinger über die Rolle der Frau im Berufsleben und was sich noch alles ändern muss.

••• Von Daniela Prugger

BAD VÖSLAU. Alle Jahre wieder rücken am internationalen Frauentag die Themen Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Vordergrund. In Berlin wurde der 8. März sogar zu einem Feiertag ernannt; Berlin sei damit ein Vorreiter und habe Vorbildwirkung, sagt Vöslauer-Geschäftsführerin Birgit Aichinger. Zwar hat sich die Situation für Frauen in der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren verbessert, doch es gibt noch immer reichlich Potenzial.


medianet: Frau Aichinger, was bedeutet denn ein Tag wie der 8. März für Sie persönlich?
Birgit Aichinger: Prinzipiell finde ich solche Tage gut, weil sie daran erinnern und aufzeigen, dass es Themen gibt, über die wir nachdenken sollen und wo es auch noch Handlungsbedarf gibt. Der internationale Frauentag entstand in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Kampf für Gleichberechtigung und für das Wahlrecht der Frau sowie für die Emanzipation der Arbeiterinnen. Einiges hat sich – zumindest in unseren Breitengraden – bereits verändert, aber noch nicht alles, da ist also noch Luft nach oben.

medianet:
Sie stehen an der Spitze von Vöslauer, einer der erfolgreichsten Marken Österreichs. Verraten Sie uns Ihr Erfolgsrezept?
Aichinger: Ein Erfolgsrezept ist nichts Statisches, es ist das Zusammenspiel einer Vielzahl von Anstrengungen, die wir tagtäglich unternehmen und die wir auch fortlaufend hinterfragen, um unserer Vorreiterrolle gerecht zu werden. Besonders großen Anteil am Erfolg von Vöslauer haben die Menschen, die bei uns arbeiten. Und, so denke ich, es ist auch eine Frage der Haltung, die sich auf vielerlei Bereiche auswirkt: Der Anspruch, sich nicht auf Erreichtem auszuruhen, sondern nach immer neuen Verbesserungen und Entwicklungen zu suchen.

medianet: Welche Tipps haben Sie für junge Frauen, Berufseinsteigerinnen, denen es vielleicht gerade während der Corona-Pandemie schwerfällt, Netzwerke zu bilden?
Aichinger: Diese Pandemie ist ein für uns alle noch nie dagewesenes Ereignis und ich kann mir gut vorstellen, dass das gerade für junge Menschen eine besondere Herausforderung ist. Ich würde Berufseinsteigerinnen raten, neugierig zu bleiben und zu versuchen, da, wo es möglich ist, Netzwerke auf digitalem Wege zu bilden. Viele Veranstaltungen, Präsentationen und Vorträge werden derzeit digital ab­gehalten. Wichtig dabei ist es, mutig zu sein, dranzubleiben und auf sich aufmerksam zu machen.

medianet: Die Wirtschaft war bis vor einigen Jahrzehnten männerdominiert. Inwiefern ist dies noch immer, bzw. nicht mehr der Fall?
Aichinger: Ich würde sagen, dass viele Wirtschaftszweige zwar noch stark männerdominiert sind, aber das unterschiedliche Gründe haben kann. Und es gibt unzählige Rankings dazu, die belegen, dass für Frauen nicht nur in den Chefetagen, sondern auch im mittleren Management noch Luft nach oben ist. Die öffentliche Diskussion über Frauen in der Wirtschaft und auch in Führungspositionen hat stark zugenommen – das ist vermutlich eine der großen Veränderungen und das beginnt beim Thema Frauenquote bis hin zum Gendern in Texten. Es gibt auch Initiativen, die Mädchen dazu ermutigen, auch einen sogenannten männerdominierten Beruf zu ergreifen: Das finde ich gut. Vermutlich müsste die Auseinandersetzung damit schon mit der Erziehung starten.

medianet:
Spielt das Geschlecht einer Person in der heutigen Berufswelt hierzulande überhaupt noch eine Rolle?
Aichinger: Diese Frage würde ich furchtbar gern mit einem ‚Nein' beantworten. Das Geschlecht sollte keine Rolle spielen, bis dahin müssen aber noch einige Barrieren – und zwar hauptsächlich die in den Köpfen – überwunden werden. Aber man muss auch sagen, dass viele Männer von vornherein mit einem anderen Selbstverständnis an die Unternehmen herantreten; sie sind eher von sich überzeugt und erzählen gern, was sie alles schon gemacht haben und können. Ich denke, sie sind die besseren Netzwerker. Das macht es vermutlich einfacher.

medianet:
Noch immer stellt sich für viele Frauen die Frage: Familie oder Karriere? Wie wird das ‚oder' zu einem ‚und'?
Aichinger: Ein erfülltes Privatleben braucht den richtigen Arbeitsplatz, und Frauen wie Männer wollen Familie und Beruf gut unter den sprichwörtlichen Hut bringen. Bei Vöslauer setzen wir konsequent eine Reihe von Maßnahmen um, die dies ermöglichen. Neben den gleichen Bedingungen für Männer und Frauen sind dies flexible Arbeits- und individuelle Teilzeitmodelle, die Möglichkeit zu Mobile Work, eine familienfreundliche Meetingpolicy, kostenlose Kinderbetreuung in ausgewählten Ferienzeiten oder Pflegekarenz für pflegebedürftige Angehörige. Und wir ermöglichen unseren männlichen Mitarbeitern auch zusätzliche Papatage und fördern die Väterkarenz und den Papamonat. Seit dem Jahr 2016 werden wir dafür mit dem staatlichen Gütezeichen ‚familienfreundlicher Arbeitgeber' ausgezeichnet.

medianet: Wenn Sie sich heute die Situation der berufstätigen Frauen in Österreich genauer ansehen – wo gibt es Handlungsbedarf?
Aichinger: Handlungsbedarf gibt es nach wie vor in vielen Bereichen des Arbeitsmarkts; so ist Österreich unter den EU-Ländern eines mit den größten geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden. Auch die Teilzeitquote ist unter den beschäftigten Frauen nach wie vor sehr hoch, mit all ihren negativen Auswirkungen auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und Pensionsansprüche. Zudem wird unbezahlte Betreuungs- und Pflegearbeit im familiären Bereich hauptsächlich von Frauen geleistet, die während der Pandemie noch dazu für ein funktionierendes Distance Learning Sorge tragen mussten und teilweise nach wie vor müssen. Dass sie damit in Führungspositionen nur unterrepräsentiert sein können, liegt leider auf der Hand.

medianet: Wie geht man bei Vöslauer unternehmensintern die Themen Gleichberechtigung und Chancengleichheit an?
Aichinger: Die Zukunft unseres Unternehmens können wir nur mit engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gestalten; dabei dürfen Geschlecht, Alter, Herkunft oder sexuelle Orientierung keinerlei Rolle spielen. Wir stecken viel Energie in die Schaffung eines Arbeitsumfelds, in dem alle ihre Potenziale entfalten können. Deswegen haben auch Vorurteile gegenüber Kollegen mit Behinderungen, anderer Herkunft oder Religion bei uns keinen Platz.

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