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Fairtrade – fair im Geschäft mit Riesen wie Nestlé? © Fairtrade Österreich
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daniela prugger 01.07.2016

Fairtrade – fair im Geschäft mit Riesen wie Nestlé?

Fairtrade-Geschäftsführer Hartwig Kirner erklärt, warum eine Kooperation mit Nestlé nicht dem Ethos des Vereins widerspricht.

••• Von Daniela Prugger

WIEN. Seit bald zehn Jahren ist Hartwig Kirner schon Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Mittlerweile hat sich das Label sowohl bei den Konsumenten als auch den Lebensmittelproduzenten und Händlern etabliert – es liegt sogar bei einer Bekanntheit von 92%. Als Begleiterscheinung dessen hat sich aber auch kritisches Hinterfragen des Vereins herausgestellt. Der Umstand, dass etwa Nestlé seinen Schokoriegel Kit Kat in Großbritannien und Irland nur noch als Fairtrade-Variante verkauft, ist manchen verantwortungsbewussten Konsumenten sauer aufgestoßen. Darüber, warum die Zusammenarbeit mit Lebensmittelkonzernen oder das Vorkommen von Palmöl in Mischprodukten für Kirner keinen Widerspruch zum Ethos von Fairtrade darstellt, hat sich Kirner mit medianet unterhalten.

medianet: Wenn Sie zurückblicken – wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Unternehmen in den letzten Jahren verändert? Und wie akzeptiert ist Fairtrade bei den Konsumenten eigentlich?
Hartwig Kirner: Als ich zu Fair­trade gekommen bin, waren wir glaub ich unter 70% Bekanntheit, jetzt sind wir bei 92%, das ist schon ein Unterschied. Fairtrade kennt in Österreich praktisch jeder, das Siegel ist akzeptiert und die Vertrauenswerte sind hoch. Das war nicht immer so. Mittlerweile haben die Menschen auch verstanden, worum es bei Fairtrade geht – es geht um faire Preise und gerechte Arbeitsbedingungen. Jetzt müssen wir eben Unternehmen davon überzeugen, dass es eine gute Idee ist, ihre Produkte zu zertifizieren. Die Unternehmen haben ebenfalls begriffen, dass das Siegel ihre Marke positiv beeinflusst. Es gibt also eine Änderung in der Wahrnehmung - die durchaus auch darin besteht, dass wir kritischer hinterfragt werden. Wir müssen uns kritische Fragen gefallen lassen, das ist gut so.

medianet: Apropos Kritik – davon, dass Fairtrade in Großbritannien Kit Kat, ein Produkt aus dem Hause Nestlé, zertifiziert hat, waren viele nicht begeistert. Ist es für Sie denn kein Widerspruch, mit einem multinationalen Lebensmittelkonzern zusammenzuarbeiten?
Kirner: Nein, da wären wir auch schlecht beraten. Immerhin wollen wir ja den gesamten Markt in Richtung Fairness bringen und nicht elitär in der Nische bleiben. Unser Ziel ist es, Märkte zu transformieren – warum sollten wir dann mit Nestlé nicht zusammenarbeiten? Das heißt aber nicht, dass wir einen Persilschein für Unternehmen ausstellen. Wir zertifizieren Produkte und keine Unternehmen. Also wenn wir jetzt Nestlés Kit Kat-Produkt zertifizieren, meinen wir das Produkt, nicht den Konzern.

medianet: Warum ist Palmöl kein Ausschließungsgrund?
Kirner: Für Palmöl wurden bisher keine Fairtrade-Standards entwickelt, daher darf Palmöl Bestandteil eines Produkts sein. Alle Zutaten, die zu Fairtrade erhältlich sind, müssen Fairtrade-zertifiziert sein, damit ein Produkt das Fair­trade-Siegel tragen kann.

medianet: Es müssen also nicht alle Inhaltsstoffe von Fairtrade-Mischprodukten Fairtrade sein?
Kirner: Ich sage mal grundsätzlich ja, weil die meisten Fairtrade-Produkte Mono-Rohstoffe sind, also Bananen oder Kaffee. Aber es gibt Mischprodukte, die vor allem Süßigkeiten sind. Und dort gilt die Regel, dass alle Zutaten, die aus Fairtrade-Quellen stammen können, aus Fairtrade-Quellen stammen müssen – also die Kakaobohnen und der Zucker, aber für das Milchpulver oder Palmöl gibt es ja keine Fairtrade-Standards. Das heißt, die sind außen vor.
medianet: Warum gibt es eigentlich kein Fairtrade-Fleisch?
Kirner: Das gibt es nicht in Österreich und wird es auch nie geben. Tierwohl ist zwar ein wichtiges Anliegen, aber darum geht’s bei Fairtrade nicht primär. Im Kern der Fairtrade-Standards geht es eigentlich um den Menschen – also darum, dass Menschen gerechter behandelt werden. Umweltschutz spielt da natürlich hinein, weil der Lebensraum der Menschen geschont werden muss. Das Tierwohl wird von anderen NGOs abgedeckt.

 

Fairtrade setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung der Produzentenorganisationen in sogenannten Entwicklungsländern ein. Der Handlungsbedarf hinsichtlich der Arbeitsbedingungen ist evident, v.a. in der Textilindus­trie. Von der Stärkung kleinbäuerlicher Strukturen erhofft sich Fairtrade mehr Selbstbestimmung für die Bauern.

medianet: Warum gibt es keine internationalen Kontrollorgane für die Arbeitsbedingungen in weniger entwickelten Ländern – vor ­allem in der Textilindustrie?
Kirner: Das ist eine berechtigte Frage. Es gibt auf jeden Fall auch positive Entwicklungen. Und die Textilunternehmen haben beispielsweise nur eine sehr beschränkte Kontrolle über ihre Lieferkette. Es gibt große Textilfabriken in Bangladesch, für die sogar große Modemarken in Europa ein Kunde sind. Der Einkäufer in Europa hat keinen wirklichen Einfluss auf diese Lieferkette. Ich sehe durchaus die Grenzen der Unternehmen hinsichtlich dessen, was möglich ist. Aber was schon wichtig wäre, ist, dass in Bangladesch endlich ein Kollektivvertrag verhandelt wird, und dass die Industrie auch darauf drängt.

medianet: Wie stark verbreitet ist Kinderarbeit noch? Was kann man sich tatsächlich darunter vor­stellen?
Kirner: Man muss da schon differenzieren. Kinderarbeit ist nicht gleich Kinderarbeit. Kinderarbeit, wo die Kinder der Bauern bei der Ernte mithelfen, ist auf jeden Fall okay – das habe auch ich früher gemacht und da wird wahrscheinlich niemand was dagegen haben. Allerdings gibt es eben genauso ausbeuterische Kinderarbeit, wo Kinder aus Mali in die Elfenbeinküste gebracht werden und unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen. Ich glaube Kinderarbeit geht etwas zurück, aber da gibt es unterschiedliche Berichte darüber. Das Problem ist aber nicht die Kinderarbeit an sich. Das Problem ist, dass die Eltern zu wenig verdienen, um ihre Familie zu ernähren. Und dort versuchen wir anzusetzen, nur so kann man Kinderarbeit bekämpfen.

medianet: Wie stark ist denn die Arbeitsbelastung von Frauen? Und inwiefern setzt sich Fairtrade für Nichtdiskriminierung und Gleichberechtigung ein?
Kirner: Nichtdiskriminierung ist in unseren Statuten festgehalten. Es gibt jetzt speziell zwei Kaffees, die von Fraueninitiativen stammen, von Genossenschaften, die ausschließlich weibliche Mitglieder haben. Dass Fairtrade die ultimative Waffe ist gegen Ungleichbehandlung, glaub ich nicht. Fairtrade wird auch nicht die Diskriminierung von Frauen weltweit abschaffen können. Wir können es nur immer wieder fordern. Aber solange in Österreich noch immer keine wirkliche Gleichberechtigung herrscht, habe ich ein schlechtes Gefühl, auf andere Länder hinzuzeigen.
medianet: Wie könnte sich denn TTIP nach dem aktuellen Verhandlungsstandpunkt auf die Landwirtschaft in Österreich auswirken?
Kirner: Die Gefahr ist, dass es eine Nivellierung der Standards nach unten gibt, und noch kritischer sind wahrscheinlich diese Schiedsgerichte, die andauernd im Raum stehen. Das größte Problem sehe ich darin, dass die Verhandlungen derart intransparent geführt werden. Ich sehe die Fairtrade-Bauern eher als Verlierer.

In Österreich ist Fairtrade im Jahr 1993 gegründet worden. Seitdem hat sich nicht nur in Sachen Bekanntheit des Labels einiges getan: Während der Umsatz 2005 noch bei 15,7 Mio. € lag, waren es im Jahr 2015 bereits 185 Mio. €. Kirner spricht von einem „ausgezeichnetem” Jahr. Und die Konkurrenz durch andere Nachhaltigkeits-Gütesiegel wie „Rainforest Alliance” und „Utz” sieht Kirner gelassen.

medianet: Wie ist das letzte Jahr aus Ihrer Sicht verlaufen?
Kirner: Es hat ein Umsatzwachstum um 24% auf 185 Mio. € gegeben – wichtig zu sagen: Wir selber handeln ja nicht, das ist der Umsatz der Partnerfirmen mit besiegelten Produkten. Die wichtigsten Wachstumstreiber waren vor allem der Kakao im letzten Jahr – d.h. vor allem die Schokoladeprodukte, da hat auch die Firma Heindl im letzten Jahr umgestellt, Casali hat umgestellt, und die Schwedenbomben sind ebenfalls im letzten Jahr schlagend geworden. Auf der anderen Seite sind aber auch die bestehenden Produkte – also Bananen (11,8%) und Kaffee (13,3%) – um 12 bzw. 13% gewachsen und das ohne neue Listungen, sondern nur bei bestehenden Partnerfirmen.

medianet
: Immer wieder wird behauptet, Lebensmittel seien in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern in der Eurozone teurer. Wie wirkt sich eine Fairtrade-Zertifizierung auf den Preis aus, und welche Unterschiede gibt es zwischen Österreich und anderen Ländern – z.B. Deutschland?
Kirner: Man muss das schon immer in Perspektive sehen, die Lebensmittel in Österreich haben eine wahnsinnige Qualität. Man muss einmal zum Brotregal in Österreich gehen und sich anschauen, was für tolle Produkte man da hat. Na klar, das 08/15-Mischbrot, das es vielleicht in Deutschland in den Supermärkten gibt, kann ich nicht mit den Spezialitäten vergleichen, die in Österreich verkauft werden. Die Menschen sind aber schon bereit, für fair gehandelte Produkte mehr zu bezahlen. Fairtrade-Produkte kosten oft tatsächlich mehr als andere Produkte, sie werden nie im Billigsegment zu finden sein – im Diskonthandel durchaus: Es gibt z.B. Fairtrade-Bananen beim Hofer. Aber Fairtrade-Produkte müssen nicht zwangsläufig teurer werden. Außerdem entscheiden das die Unternehmen, darauf haben wir keinen Einfluss.

medianet: Wie offen sind die ­österreichischen Händler für Ihre Anliegen?
Kirner: Eigentlich sehr offen. Der Handel ist derzeit, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft, an vorderster Front. Das wirkt vielleicht nicht so, aber der Handel ist in einer Vorreiterrolle. Man würde sich eher von der Lebensmittelindustrie noch ein bisschen mehr wünschen. Auch was Bio-Produkte betrifft, ist der Handel in einer Vorreiterrolle und absolut führend. Da hat die Industrie lange geschlafen. Also –der Handel ist offen, aber nicht für alles. Konventionelle Bananen sind ein Beispiel – ich verstehe, dass das ein sehr wichtiges Produkt ist für den Handel, aber es wäre ein schönes Signal, noch mehr auf Fairtrade zu setzen.

Während sich die Zusammenarbeit mit den meisten Händlern als fruchtbar herausstellt, lief die Insolvenz von Zielpunkt spurlos an Fairtrade vorbei. Der Effekt auf die Marktmacht der verbliebenen Anbieter ist laut einer vor wenigen Monaten publizierten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) groß.

medianet: Wie beurteilen Sie die hohe Marktkonzentration im österreichischen Lebensmittelhandel?
Kirner: Der Handel hat natürlich mittlerweile eine große Verhandlungsmacht, die jene der Industriepartner wahrscheinlich übersteigt. Für Hersteller ist es daher nicht immer leicht. Und Webshops bieten daher schon auch eine Möglichkeit für kleine Unternehmen, gerade für innovative Initiativen im Bereich Nachhaltigkeit. Aber auch wenn die Marktkonzentration in Österreich sehr hoch ist, heißt das nicht, dass der Wettbewerb nicht trotzdem relativ brutal ist – gerade zwischen Discountern und Supermärkten. Und es ist so, dass gerade der LEH keine überbordenden Spannen hat, dass sie in Geld schwimmen. Es ist eher so, dass die Lebensmittelhändler bescheidene Spannen haben, weil sie alles in den Preis hineinwerfen. Die Preisvergleiche sind daher schon problematisch, weil wir in Österreich höhere Aktionsanteile haben. Aber wie gesagt: Die österreichischen Händler schwimmen nicht im Geld, das ist ein Faktum.

medianet: Generell hält sich aber Ihre Kritik am Handel und an der Industrie in Grenzen, habe ich den Eindruck. Wieso eigentlich?
Kirner: Weil es nicht richtig ist, pauschal zu verurteilen. Es gibt verabscheuungswürdige Praktiken – aber es gibt auch genügend gute Initiativen. Und die große Gefahr ist, dass man die Unternehmen verteufelt. Es gibt nämlich genügend Unternehmen, die sich engagieren und versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen. Und warum soll ich die dann in den gleichen Topf werfen wie Ausbeuter und Umweltverschmutzer? Vor allem: Wir werden die Unternehmen brauchen, die von sich aus versuchen, etwas zu ändern!

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