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Im Kapitalismus braucht’s mal ein wenig Zerstörung © Lukas Beck
© Lukas Beck

Redaktion 16.10.2020

Im Kapitalismus braucht’s mal ein wenig Zerstörung

Josef Zotter, Johannes Gutmann und Robert Rogner ­nehmen genüsslich unser Wirtschaftssystem auseinander.

••• Von Maren Häußermann

Chocolatier Josef Zotter, Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann und Robert Rogner fragen nach dem Sinn im Kapitalismus. In Buchform: „Eine neue Wirtschaft – Zurück zum Sinn” ist Ende August erschienen. Die Autoren kritisieren darin nicht bloß die Entartung der Wirtschaft, sondern stellen Fragen, die den Lesern die Möglichkeit geben, aktiv in das Thema einzutauchen, ihre Lebensweise zu überdenken und so zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.

Das alles passiert unter der Annahme, dass die Wirtschaft zu einem Monster geworden ist, das die Umwelt belastet, die Gesellschaft zersplittert und die Gesundheit der Menschen ignoriert. Die Stichworte dazu: Wachstum, Konsum, die Anhäufung von Reichtum.
„Wir sprechen von einer perversen Wohlstandsgesellschaft, in der die Verteilung nicht funktioniert. In der zwei Drittel der Menschen für ein Drittel der Menschen arbeiten. In der Superreiche Steuern vermeiden”, sagt Zotter im Interview mit medianet. „Vor 30 Jahren wurde Konsum noch als negativ gesehen. Dann war man derjenige, der sich zum Beispiel nicht ausreichend mit seinem Essen beschäftigt hat.” Heute ist die Reflexion über den Konsum eine Seltenheit.

Anekdoten aus dem Leben

Die Autoren erzählen in drei separaten Kapiteln ihre eigenen Lebensgeschichten. Ihre Abwägungen und Erfolge sollen positive Beispiele sein und beweisen, dass Wachstum weder Ziel noch Mittel eines Wirtschaftssystems sein muss.

Dass viel eher Qualität und bewusstes Produzieren erstrebenswert seien und dass dieses langfristig erfolgreich sein kann, obwohl es den ökonomischen Beweggründen der Gegenwart entgegensteht. Zotter erzählt, wie er in Graz gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Café eröffnet hatte.
Wie sie die Vision hegten, andere Produkte anzubieten als die anderen, und auf Qualität zu setzen. Er berichtet von der Fehlkalkulation und der darauffolgenden Insolvenz. Obwohl auch von Menschen im näheren Umfeld belächelt, ist er seiner Idee treu geblieben: Er hat Schokolade auf den Markt gebracht, die möglichst fair produziert wird und dementsprechend teuer ist. Ein nahezu „wahnsinniges” Unterfangen, das schlussendlich erfolgreich war. Heute ist Zotter Chef von 220 Mitarbeitern und vertreibt seine Produkte über 4.000 Stellen. Im Unternehmensjahr 2018/19 machte das Unternehmen 24 Mio. € Umsatz.

Altbekannte Fragen

Was ist der Sinn meines Lebens? Was empfinde ich als meinen inneren Auftrag? Wie kann ich ihn erfüllen? Das sind die drei Fragen, die sich durch das gesamte Buch ziehen. Für die drei Autoren liegt das Geheimnis darin, nicht auf Wachstum, sondern Qualität zu setzen. Nicht des Geldes wegen zu arbeiten, sondern um des Produkts willen. Die Kunden und ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt.

Auch deshalb produziert Zotter in diesen chaotischen Zeiten vor allem Nussschokolade. „Die Menschen brauchen Sicherheit, etwas Bekanntes, das die Seele beruhigt”, kommentiert er.
Sinnvolle und biologische Produkte haben sich für die Autoren jedenfalls bewährt. Schon lange arbeitet Zotter im nachhaltigen Bereich. In der Zwischenzeit ist sein Unternehmen zu 64% energieautark und hat dementsprechend weniger Energiekosten in der Bilanz.

Im Einklang mit der Natur

Kreislaufwirtschaft ist ein Begriff, den auch Johannes Gutmann in seinem Kapitel gerne anführt. Denn: Bei Sonnentor passt man sich der Natur an und nicht umgekehrt.

„Alle Furchen, die wir in den Boden schlagen, um Kräuter anzupflanzen, wachsen auf natürlichem Weg wieder zu”, schreibt der Gründer des Unternehmens, das sich auf die Herstellung und Vermarktung von Kräutern, Tees und Gewürzen aus biologischem Anbau spezialisiert hat.
Um die Veränderung der Wahrnehmung in der Gesellschaft zu thematisieren, greifen die Autoren im Buch auf die Geschichte zurück. Sie erklären, dass sich die Wirtschaft mit dem Sesshaftwerden der Menschen entwickelt hat, und aus der Erkenntnis, dass es sinnvoller ist, wenn sich jeder auf seine Spezialität konzentriert, als alles gleichzeitig und mit schlechter Qualität zu leisten.

Künftige Generationen

Sie schreiben über die Hippies, die in den Siebzigern unter Einfluss des Vietnamkriegs das System hinterfragten, in dem sie lebten und das Menschen als Ware behandelte. Es war eine Zeit der politischen Diskussionen, Proteste und philosophischen Reflexionen. Doch nach Serienmörder Charles Manson und der Verknüpfung von Drogenkonsum mit der Hippie-Bewegung, war diese als unglaubwürdig deklariert.

Was gesellschaftlich folgte, waren organisierte Gruppen, Nichtregierungsorganisationen, die zentral und unternehmensähnlich gesteuert wurden. Dabei blieb allerdings das Individuum auf der Strecke, ebenso wie Fragen über den Sinn des Lebens und der Arbeit. In der Zukunft sehen die Autoren übrigens einen Hoffnungsschimmer – zumindest in zukünftigen Generationen gedacht.

„Monsterwirtschaft”

„Die Welt, die ihr nicht mehr versteht: Inside digitale Revolution” – in diesem Buch hat der digitale Unternehmer Olaf Koch eine Utopie skizziert, die den Autoren imponiert hat und die sie deshalb wiedergegeben haben. Dabei geht es in erster Linie darum, dass die Menschen im Einklang mit der Natur leben, anstatt sie zu zerstören, dass sie Arbeiten verrichten, welche sie erfüllen, und dass ihre Handlungen von Moral und Empathie motiviert sind.

Aktuell lebt die „Monsterwirtschaft”, wie sie die Autoren nennen, vom Nullzins, von Start-ups, von kurzen Erfolgen, mit denen man schnell Geld machen kann. Diese Art von Wirtschaftssystem ist auf Konsum ausgerichtet, denn ohne diesen gibt es kein Wachstum, kein „Mehr”.
Die angeführten Konsequenzen waren lange nebensächlich – als da wären: belastete Umwelt, individualisierte Gesellschaft und eine angeschlagene Gesundheit. Die Menschen verstumpfen nach und nach psychologisch. Denn was sei der Sinn davon, sein Leben mit Arbeit zu verbringen, die einen nicht erfüllt?
Es wird von einer Alternativ­losigkeit zum Kapitalismus ausgegangen. Daraus zieht er seinen Erfolg. Das Einzige, was das System brechen kann, ist eine Krise. „Die Wirtschaft kann sich nur weiterentwickeln, wenn es Zerstörung gibt”, sagt Zotter. „Wie blöd müssen wir denn sein? Warum sind wir nicht so gescheit und gehen mit dem Ventil schon vorher um?”

Wie geht es weiter?

Die Klimakrise ist allgegenwärtig, und die Pandemie kann ebenfalls als Anstoß gesehen werden. Die Wirtschaft fährt runter, die Lager sind voll, der Überschwung wird sichtbar. Was brauchen wir überhaupt noch?

Zotter sieht eine Entwicklung in der Nachfrage, die sich in den Politiken der Nationalstaaten widerspiegelt. Man konzentriert sich auf das, was in der unmittelbaren Nähe ist. Generell wird sich das Verhalten der Konsumenten ändern. Mit dem ­Homeoffice sind die Wohnungen zu Büros geworden, ebenso wie zu Restaurants und Bars. Die Leute ziehen zurück aufs Land.
Zotter sieht jetzt die Chance, diese Veränderungen zu nutzen und das System zu verbessern und den „New Green Deal” umzusetzen. Es ist das erste Mal seit Langem, dass Kreativität sich gegen Zeitdruck durchsetzen kann. Das erste Mal seit Langem, dass aktiv an Alternativen gearbeitet wird, ohne sie von vornherein als unmöglich abzutun. Für die Autoren des Buchs geht es nun um Innovationen, die das Leben der Menschen mit der Gesundheit des Planeten ver­einen.
Zotter hat schon mit Insekten und Schweineblut experimentiert. Er scheut nicht davor zurück, Ideen auszuprobieren. ­Aktuell arbeitet er an Laborfleisch. Sein „essbarer Tiergarten” soll es Konsumenten ermöglichen, dem Essen beim Leben zuzuschauen, während man es genießt.

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