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„Weil Frauenrechte Menschenrechte sind” © Jeff Mangione

Maria Rauch-Kallat

© Jeff Mangione

Maria Rauch-Kallat

sabine bretschneider 08.03.2019

„Weil Frauenrechte Menschenrechte sind”

Forderungen der Frauenorganisationen sind eine Frage der Gerechtigkeit, sagt Maria Rauch-Kallat.

••• Von Sabine Bretschneider

Sie ist ehemalige ÖVP-Ministerin für Umwelt, Gesundheit, Jugend, Familie und Frauen, Initiatorin des Journalistinnenkongresses, brachte die „Töchter” in die Hymne und engagiert sich seit den 1980er-Jahren für die Sache der Frauen. medianet führte mit Maria Rauch-Kallat ein Gespräch über Frauenrechte, das neue Biedermeier, Kampf und Karriere.


medianet:
Vor über 20 Jahren, im Jahr 1997, gab es ein Frauenvolksbegehren, 2018 auch – mit 160.000 Unterschriften weniger. Wie interpretieren Sie das?
Maria Rauch-Kallat: Die Forderungen des aktuellen Frauenvolksbegehrens sind teilweise extrem unvernünftig, wie etwa die 30-Stunden-Woche … Das ist auch der Grund, warum ich lange nicht unterschreiben wollte. Ich habe mich dann ganz kurzfristig dafür entschieden, einfach aus Solidarität zu unterschreiben. Ich habe den Organisatorinnen schon im Vorfeld gesagt: Beschränkt euch auf die Forderungen, die wirklich frauenspezifisch sind. Dann hätten sie wahrscheinlich zwei Millionen Unterschriften gekriegt.

medianet:
Ist die konservative Wende in der Gesellschaftspolitik, die in vielen europäischen Ländern vollzogen wird, eine Gefahr für die Frauenbewegung und deren Errungenschaften?
Rauch-Kallat: Ich glaube, man muss immer wachsam sein. Wir müssen in der Frauenpolitik wachsam bleiben, wir müssen in der Gesellschaftspolitik wachsam bleiben. Wir müssen sensibel bleiben, was Diskriminierungen anbelangt, was Hass anbelangt … Sensibilität ist immer gefragt.

Ich habe in der Frauenpolitik immer gesagt: Glaubt nicht, dass, was wir erreicht haben, in Stein gemeißelt ist. Schon 2005, 2006 hab ich gespürt, dass es wieder Rückschritte gibt …


medianet:
Viele, gerade junge, Frauen haben Schwierigkeiten mit dem Begriff ‚Feminismus' …
Rauch-Kallat: Ich glaube, dass Schwierigkeiten mit dem Begriff das geringste Problem sind. Ich bekenne mich dazu: Ich bin Feministin. Aber es gibt auch sicher keine alleingültige Definition von Feminismus.

medianet:
Vielleicht, weil das Thema für viele junge Frauen abgehakt ist, weil Gleichberechtigung ohnehin durchgesetzt ist, zumindest auf dem Papier?
Rauch-Kallat: Ja, das kann schon damit zusammenhängen. Ich habe ihnen immer wieder gesagt: Glaubt’s das nicht! Mit 23, 24 denken Frauen, ihnen steht die Welt offen – und das ist auch in gewisser Weise so. Und mit 30, 35 merken sie, dass es immer noch Diskriminierung gibt.

medianet:
Die Philosophin Lisz Hirn schreibt in einem Beitrag in der Zeit (‚Die Rückkehr der Biederfrauen') über Frauen, die sich wegen der Kluft zwischen ‚Wahlfreiheit' und dem Beispiel ihrer Mütter, die sich in einer Dreifachbelastung aufreiben, vom Feminismus abwenden …
Rauch-Kallat: Absolut. Viele lehnen es deswegen ab. Aber sie müssen auch wissen, dass sie sich damit in eine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Partner begeben. Außer sie haben genug Geld geerbt (lacht). Oder sich erarbeitet.

Ich würde diesen Frauen wünschen, sie würden sich all diese Zeitdokumente anschauen, die jetzt im ORF und auf anderen Sendern laufen. Vom Kampf für die Frauenrechte bis heute … Damit sie wissen, warum ein Kampf notwendig war und immer noch ist.


medianet:
Die Regierung will vermehrt ‚echte Wahlfreiheit' und ‚qualifizierte Teilzeitstellen' fördern. Was halten Sie davon?
Rauch-Kallat: Nun, für viele Frauen sind qualifizierte Teilzeitstellen eine Chance, im Beruf zu bleiben, sich aber trotzdem um ihre Kinder zu kümmern. Und auch den Anschluss nicht zu verlieren.

medianet:
Sie halten das nicht für einen Vorwand, Frauen vom Arbeitsmarkt zu drängen?
Rauch-Kallat: Nein, ich war selber immer diejenige, die für Jobsharing in hochqualifizierten Bereichen gekämpft hat. In Schweden ist das seit Langem kein Problem. Da können Sie als Chefin ihren Job sharen – und das ist sicher eine vernünftige Maßnahme.

Aber man muss den Frauen auch sagen: natürlich nicht auf ewig. Das ist eine Übergangsmaßnahme für drei, vier, fünf Jahre. Und wenn sie dann viel weniger verdienen als ihr Partner wegen des Kindes, dann sollen sie ihn zum Pensionssplitting zwingen. Oder bewegen. Wie auch immer.
Darum war ich ja auch immer für ein automatisches Pensionssplitting, von dem man sich nur gezielt abmelden kann.


medianet:
Sie halten Seminare ab – ‚Feminismus für Anfänger'. Für Frauen und Männer. Laufen Ihnen die Männer seit #MeToo die Türen ein?
Rauch-Kallat: Nein, nein. Der Andrang hält sich in Grenzen (lacht).

medianet:
… und in welchem Bereich besteht der größte Schulungsbedarf?
Rauch-Kallat: Der größte Bedarf ist die Unsicherheit, die Männer zunehmend haben. Frauen nicht, weil sie sich in der Zwischenzeit emanzipiert haben, während die Männer oft noch in einem anderen Rollenverständnis aufgewachsen sind. Sie fragen sich: Was dürfen wir, was dürfen wir nicht? Was ist noch erlaubt – und was erwarten sich Frauen von uns, was erwarten sie nicht?

medianet:
Dennoch steigt die Nachfrage nicht?
Rauch-Kallat: Ich habe bis dato nicht dafür geworben.

medianet: Eine Abschlussfrage: Wenn Sie jetzt – anlässlich des Frauentages – die Möglichkeit hätten, Gratisinserate zu schalten oder etwas zu plakatieren: Was würden sie draufschreiben?
Rauch-Kallat: Ich würde draufschreiben: ‚Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen!' Frauenrechte sind Menschenrechte. Alle Forderungen der Frauenorganisationen, die derzeit auf dem Tisch liegen, sind eine Frage der Gerechtigkeit. Es ist eine Schande, dass wir immer noch darum kämpfen müssen.

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